Wer ist schuld am Tod Jesu?

Auf dem Lebensweg Jesu gab es einen auffallenden Wendepunkt: Jesu Taufe durch Johannes den
Täufer. In seiner Taufe empfing Jesus seine Messiassalbung. Danach hängte er seinen Beruf an den
Nagel und wirkte als Messias. Was versteht man unter dem „Messias“? Der Messias ist der ultimative
Gesalbte, den Gott am Ende der Tage sendet, um in der Kraft des Heiligen Geistes Israel
wiederherzustellen – geistlich und national – und die ganze Welt in Ordnung zu bringen. Das ist, kurz
gesagt, die jüdische Messiaserwartung. Das Neue Testament sagt durchweg, dass Jesus der Messias
(hebr. Maschiach, griech. Christós) ist und als solcher (als „König der Juden“) hingerichtet wurde (Joh
19,19). Wie aber konnte es dazu kommen?

Jesus, der Messias, zwischen den Mühlrädern der Macht

Messianische Figuren traten in Israel öfters auf. Häufig stießen sie auf begeisterte Zustimmung im Volk,
aber auch auf Skepsis in der führenden Oberschicht. Warum? Wegen der römischen Besatzungsmacht.
Wenn man es sich mit den Römern nicht verderben wollte, dann war es besser, von „Messiassen“
Abstand zu nehmen – zumal sich alle vorherigen als Möchtegerne entpuppt hatten. Sich auf einen
Messias einzulassen, war gefährlich und von manchen auch nicht mehr wirklich gewollt. „Lieber mit den
Römern einigermaßen klarkommen und das Heft in der Hand behalten, als auf einen Messias setzen,“
dachte so mancher. Diesem Kalkül fiel Jesus zum Opfer. In Joh 11,50 kann man das gut sehen. Dort sagt
der Hohepriester: „Besser, ein Mensch stirbt für das Volk, als dass das ganze Volk verdirbt.“ Lieber einer
stirbt, als dass das ganze Volk in Aufruhr gerät und am Ende von den Römern niedergewalzt wird.

Auf das Betreiben einiger weniger Machthaber wurde Jesus – zum Entsetzen vieler Menschen im Volk –
den Römern ausgeliefert. Pilatus erkannte, dass hier ein übles Spiel gespielt wurde, doch wollte er es
sich mit den Juden nicht verscherzen und ließ Jesus hinrichten. Dabei wies Pilatus (obwohl er das Urteil
sprach!) alle Verantwortung von sich: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu!“ (Mt
27,24). Jesus wurde von Pilatus zum Tod am Kreuz verurteilt. Das ist Fakt. Auf diese Weise kam Pilatus in
das apostolische Glaubensbekenntnis, das von vielen Christen Sonntag für Sonntag gesprochen wird:
„…gelitten unter Pontius Pilatus“. Auch wenn Jesus den Weg in den Tod bewusst gegangen ist, bleibt
seine Hinrichtung ein Skandal – und ein gewaltiges Unrecht.

Unterm Strich waren es politisches Kalkül, Berechnung, Gleichgültigkeit, Intrigen und Machtmissbrauch,
die die Verantwortlichen aus Juden und Römern eins machten – und zum Mord am Gesalbten des Herrn
führten. Hingerichtet wurde ein Unschuldiger. Ein Mann, der nur Gutes getan hatte. Ein Prophet, der
alles an sich hatte, um der Messias sein zu können. Ein guter Mann, ein Hoffnungsträger, ein
Geistgesalbter, ein Wohltäter der Menschen und Lehrer der Heiligen Schrift. Jesus hatte nichts getan,
was den Tod verdient hätte, nichts. Doch wurde er ans Kreuz gehängt. Durch eine kleine Gruppe
führender Köpfe im Jerusalem der damaligen Zeit.

Und Gott?

Wo war Gott in diesem Geschehen? Er war mittendrin. Paulus sagt: „Gott war in Christus und versöhnte
die Welt mit sich selbst.“ (2 Kor 5,19) Gott war in Christus, in seinem Gesalbten, der am Kreuz
hingerichtet wurde. Und mitten in dieser Hinrichtung war Gott einzigartig aktiv und versöhnte die Welt
mit sich selbst. Man muss sich das klar machen: Die Hinrichtung Jesu hat Gott ins Mark getroffen. Denn
Jesus war nicht irgendjemand, er war der Gesalbte, der Retter, der Heilsbringer, der Sohn Gottes. Er war
der, durch den Gott Israel für immer zu seinem heiligen Volk machen wollte. Und dieser Gesandte
Gottes traf nicht nur auf Skepsis, Widerstand, Ablehnung oder gar Spott – er wurde ermordet.
Schlimmer kann es nicht kommen, oder?

Dieser Mord war wie ein Faustschlag in Gottes Gesicht. Was aber reagierte Gott darauf? Mittendrin, im
sterbenden Jesus am Kreuz, schuf Gott Versöhnung. Gerade dort, wo das Blut seines Sohnes gewaltsam
vergossen wurde, nahm Gott dieses Blut und machte daraus ein Sühnopfer für die Sünden aller
Menschen. Dasselbe Blut, das von Menschen vergossen wurde, ließ Gott für die Sünden der Menschen
vergossen sein. Wenn man Jesus sieht, kann es einem durch und durch gehen. In seiner Person treffen
die Grausamkeit der Menschen, die eigene Sündhaftigkeit, das willige Leiden und die grenzenlos
vergebende Liebe Gottes aufeinander wie nirgendwo sonst. Das muss man sich vor Augen führen.
„Siehe, der Mensch!“ (Joh 19,5)

Es ist schon unbegreiflich genug, dass Gott mitten im Mord an seinem Gesalbten Vergebung walten ließ
und Versöhnung schuf. Das wäre doch in jeder anderen Situation leichter möglich gewesen als
ausgerechnet hier. Aber Gott wählte diesen Ort, diese Stunde, dieses Kreuz. Gerade hier, wo die Sünde
so mächtig war, sollte Gottes Gnade noch mächtiger sein und das letzte Wort behalten. Der Mord am
Kreuz wird zum Evangelium für die Welt, was für eine Wende! Doch gilt diese Versöhnung nicht nur dem
kleinen Kreis der Verantwortlichen. Sie gilt der ganzen Welt: Gott versöhnte die Welt mit sich selbst. (2
Kor 5,19) Gott machte, so könnte man sagen, gleich ganze Sache. Wenn schon Versöhnung, dann gleich
für alle. Keiner ist ausgenommen, jedem gilt sie. Hier, an diesem Kreuz, geschah sie. Ein für alle mal.

An dieser Stelle wird deutlich, dass der Hohe Rat und der römische Herrscher nur Stellvertreter sind. Sie
sind Prototypen für die Welt. Gemeinsam verkörpern sie alle: Juden und Heiden, also die gesamte
Menschheit. Dich und mich eingeschlossen. Es waren zwar wenige, die an Jesu Hinrichtung direkt
beteiligt waren, es sind aber alle, die Feinde Gottes waren und nun von Gott Versöhnung angeboten
bekommen.

• Die Kreuzigung war ein Akt höchster Gottesfeindschaft. Aber Feinde Gottes waren wir alle.
• Die Kreuzigung war ein Akt umfassender Versöhnung. Und Versöhnung brauchen wir alle.

Es ist der Sündendruck aller Menschen zu allen Zeiten, der – durch die wenigen Entscheidungsträger
repräsentiert – Jesus zu Tode brachte.

„Christusmörder!“

In der Kirchengeschichte hat es schon in früher Zeit Stimmen gegeben, die die Juden als
„Christusmörder“ bezeichnet haben. Mit Abscheu und auf überhebliche Weise. „Diese Juden“, so wurde
gesagt, „sind so furchtbare Menschen, dass sie sogar den Sohn Gottes umgebracht haben. Was müssen
das nur für Menschen sein!“ Darauf konnte Gott, so jene Ankläger, nur mit seinem Vernichtungsgericht
reagieren.

Dieser Gedankengang ist jedoch schräg und verkennt die Situation:

• Es waren nicht „die Juden“, die Jesus ans Kreuz genagelt haben, sondern die Römer.
• Es waren nicht „die Juden“, die Jesu Ermordung betrieben haben, sondern einige wenige in
einflussreichen Positionen – und das zum Entsetzen vieler Jesusanhänger im Volk.
• Es sind nicht „die Juden“, denen man den Tod Jesu anlasten kann – schon gar nicht den Juden
von heute.
• Es sind nicht „die Juden“, die Sünder sind, sondern alle Menschen, wie auch alle die Versöhnung
brauchen, die Gott am Kreuz wirkte.

Aus diesem Grund muss man aufpassen, dass man die grausame Vernichtung Israels 70 bzw. 135 n. Chr.
durch die Römer nicht als Gericht Gottes für die Kreuzigung Jesu interpretiert. Jesus selbst hat sich
anders geäußert. In Mt 23,37-39 – kurz vor seinem Tod – schaut Jesus auf Jerusalem und stimmt eine
Klage an:

„Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind!
Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt
unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen
werden. Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht:
Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Jesus sah die Vernichtung Jerusalems kommen. Aber sie wird nicht als Gericht für die Kreuzigung Jesu
kommen, sondern als natürliche Konsequenz. Wie das? Jahrhundertelang hatte Gott Propheten gesandt,
um Israel unter Gottes starken Armen zu sammeln und zu bewahren, wie eine Henne schützend ihre
Flügel über ihre Küken ausbreitet. Aber Israel wollte nicht. Die Propheten waren von jeher getötet
worden und nun traf das Prophetenschicksal auch Jesus, der als Messias der letzte und größte Prophet
und die eine große Chance Israels war. Und das machte Jesus so unsagbar traurig. Denn nun war kein
Prophet mehr da, der rufen konnte, und nach dem Messias sollte auch keiner mehr kommen. Entfernt
von Gott aber war Israel schutzlos den Feinden ausgeliefert. Wie Küken, die sich von der Henne nicht
rufen lassen, wenn der Fuchs kommt. Jesus wusste, dass die Feinde kommen würden. Sie würden Israel
vernichten und Jerusalem gnadenlos in Schutt und Asche legen. Jerusalem würde öde zurückbleiben.
Das war für Jesus absehbar – und es kam auch so.

Licht am Ende des Tunnels

Aber Jesus wusste auch, dass es dabei nicht bleiben wird. Er wusste aus der Schrift, dass Gott am Ende
der Tage sein Volk wieder sammeln wird. Er wird es zurückführen, die Nation Israel wieder gründen, er
wird Israel heilen und retten, die Wüste wird grünen und Israel wird neu erblühen. Am Ende kommen
Israel und der Messias zusammen. Und dann wird Israel erlöst sein – für Zeit und Ewigkeit. Das wusste
Jesus. Und deshalb kündigte er an, dass die Vernichtung Israels eines Tages enden wird. Wann wird das
sein? Israel wird am Boden liegen, „bis ihr sprecht.“ Was müssen die Juden sprechen? „Gelobt sei, der da
kommt im Namen des Herrn – baruch haba beschem Adonai!“ (Mt 23,39) Im Hebräischen ist das ein
Willkommensgruß. Wer aber ist der, der im Namen des Herrn kommt und willkommen geheißen wird?
Gemeint ist Jesus, der Messias. Das heißt: Die Vernichtung Israels besteht, bis Israel seinen Messias
willkommen heißt. Dann wird sich das Blatt wenden.

Noch ist es nicht soweit. Noch hat Israel weder zum Glauben an Jesus gefunden noch ist Jesus nach
Jerusalem zurückgekehrt. All das steht noch aus. Aber Gott sammelt bereits sein Volk aus der ganzen
Welt und immer mehr Juden finden zum Glauben an Jesus. Die Zeit der Vernichtung und Zerstreuung
Israels geht zu Ende, die Heilszeit kommt näher – das charakterisiert die Zeit, in der wir leben. Die
Grundlage dafür ist das Kreuz Jesu, jener eine und universale Erlösungspunkt für die Menschheit.

Den Vorwurf „Christusmörder“ dürfen wir somit getrost ad acta legen. Pilatus, Kaiphas und Co. können
wir damit nicht mehr belangen und für alle anderen gilt er nicht. Allen anderen gilt das Evangelium, die
gute Nachricht: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch
Sünder waren.“ (Röm 5,8) Das ist wahre Liebe. Und die dürfen wir ganz persönlich nehmen. Ganz gleich,
wer wir sind und woher wir kommen.

Tobias Krämer
Christen an der Seite Israels
www.csi-aktuell.de

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