Gott ist beständig. Durch die gesamte Bibel hindurch hält er treu seine Versprechen und verändert sich nicht. Wie kann es dann sein, dass wir Christen oft an einen „gewalttätigen Gott“ des Alten Testaments und an einen „liebenden Gott“ des Neuen Testaments denken? Die Frage, warum Gott an manchen Stellen im ersten Teil der Bibel mit solch einer Schärfe agiert, ist vielleicht auch berechtigt. Aber vergessen wir nicht, dass Gott auch im Neuen Testament niemanden verschont, der ihn nicht achtet (Matthäus 12.7,21-23)?

 

 

In der Bibel gibt es Texte, die voller Gewalt sind. Vor allem im ersten Teil, dem Alten Testament. Ist der Gott des Alten Testaments gewalttätig? Was sagst du dazu, Tobias?

Dass uns solche Berichte zu schaffen machen, ist völlig berechtigt. Da entstehen verschiedene Fragen, vor allem die nach der Verbindung von Religion und Gewalt. Es gibt Bestrebungen, alle Religionen zum Frieden zu verpflichten. Das wäre ein großer Fortschritt in der heutigen Welt…

 

Das klingt gut, aber wie gehen wir nun mit solchen Texten um? Die sind ja sicher nicht zum Nachmachen gedacht, oder?

Natürlich nicht! Der sogenannte Bann, die Ausrottung eines Volkes oder einer Sippe, ist uns völlig fremd. In der Antike hat es das aber öfters gegeben, das war keine Erfindung Israels. Dahinter steht ein eigenartiger Gedanke: Wer bekommt die Beute? Also Menschen und Güter? Da gab es zwei Möglichkeiten: Entweder man sackte alles selbst ein oder man opferte alles Gott. Der Bann ist also eine riesige Opferzeremonie. Wie gesagt, das ist eine völlig andere Welt.

 

Gibt es noch andere Gründe für die Schärfe?

Bei der Einnahme des Landes ging es außerdem darum, dass sich Israel nicht mit anderen Völkern vermischen sollte, weil dann bald nichts mehr von Israel übrig gewesen wäre. Das galt es zu vermeiden. Neben der Ausrottung gibt es auch die Vertreibung. Das ist schon besser. So manches Volk wurde nicht einmal vertrieben, so dass man am Ende doch zusammenlebte. Da ist seltsamerweise keine Systematik drin. Das hat die Forschung zu der Frage gebracht, ob solche Radikalmaßnahmen überhaupt jemals stattgefunden haben. Manche meinen, das sei nicht der Fall. Die Texte, die ja alle viel später geschrieben wurden, wären dann so drastisch formuliert worden, um Israel abzuschrecken: Wenn ihr nicht auf Gottes Wegen bleibt, dann wird es euch so gehen wie damals jenen Völkern…

 

Ein Blick nach außen: Die Assyrer waren ja auch extrem brutal. Die Babylonier waren nicht von Pappe und die Römer sowieso nicht. Hat das dann auch etwas mit der Kultur der Zeit zu tun?

Auf jeden Fall. Man kann das an vielen Stellen sehen, dass Gott sich tief in die jeweilige Kultur hineinbegibt, die Leute abholt, dann aber auch einen Unterschied macht. Dazu ein bekanntes Beispiel: Auge um Auge. In der Kultur damals galt: Wenn dir einer ein Schaf wegnimmt, dann hast du einen doppelten Schaden: Das Schaf ist weg und deine Ehre auch. Also durftest du dir das Schaf wieder holen und hast zur Wiederherstellung der Ehre nochmals drei mitgenommen. Nun war der andere gedemütigt und schlug zurück. Diese Spirale wurde durchbrochen durch das Prinzip 1:1. Das war ein enormer Fortschritt!

 

Das klingt doch eigentlich gut. Warum ist Jesus dann dagegen?

Vor Jesus hat man die Sache weiterentwickelt. Gerade, wenn man Augen und Zähne wörtlich nimmt, ist die Regel noch nicht optimal. Deshalb hat man dieses Gebot als Regelung für Schadenersatz verstanden: Wenn dir einer einen Zahn raushaut, dann muss er dir den Geldbetrag zahlen, der dem Zahn entspricht. Das war damals genau geregelt – und das findet Jesus gut. Er will aber nicht, dass man diese Rechtsregeln auf den privaten Bereich und die zwischenmenschlichen Beziehungen überträgt. So nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir. Im Zwischenmenschlichen sollen wir andere Mechanismen finden, um Spannungen und Unrecht zu überwinden.

 

Müssen wir dann nicht unser Gottesbild überdenken? Wie machen wir das?

Gott hat in der Bibel viele Facetten. Vom liebenden Vater bis zum Kriegsherrn gibt es viele verschiedene Aussagen über ihn. Regel Nr. 1: Versuche nie, Gott in einen Kasten zu sperren. Dann gibt es aber auch eine Offenbarungslinie, die sich aufbaut. Israel hat manches zurückgelassen oder neu interpretiert, weil die Offenbarung Gottes zugenommen hat oder präziser wurde. Das haben wir gerade beim Auge um Auge gesehen. Regel Nr. 2: Jesus hat das letzte Wort. Im Zweifelsfall gelten die Aussagen des NT.

 

Viele Christen sagen, sie lesen lieber im NT, weil Gott dort nicht so ruppig ist…

Ein Problem ist, dass der Gott des AT oft als gewalttätig empfunden wird, der des NT als der liebende Vater. Man tut dann so, als hätte Gott sich grundsätzlich verändert. Das ist nicht der Fall. Der Punkt ist ein anderer. Durch Jesus verändert sich nicht Gott, sondern unsere Beziehung zu ihm. Jesus hat uns mit Gott versöhnt und uns zu seinen Kindern gemacht. In Jesus zeigt sich Gott von seiner Vaterseite und wir begegnen seinem Vaterherz. Aber ohne Jesus kann Gott ganz anders sein. Das führt zurück zu Regel Nr. 1…

 

… versuche nie, Gott in einen Kasten zu sperren. Vielen Dank Tobias, das finde ich einen guten Gedanken, über den man weiter nachdenken kann. Wenn ihr Fragen für unseren Podcast habt, stellt sie uns an podcast@csi-aktuell.de. Wir lieben es zu hören, was euch beschäftigt! Seid gesegnet und bis bald!

Von: Pastor Tobias Krämer

 

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