Mitarbeiter von Christen an der Seite Israels und der Jewish Agency besuchen Salinas Familie in Äthiopien. Diese wird bald nach Israel auswandern. Alle Fotos: Christen an der Seite Israels

Als Christen an der Seite Israels unterstützen wir die Einwanderung von Juden aus aller Welt nach Israel. Anfang November hat sich ein Team mit Mitarbeitern aus den Niederlanden sowie aus Österreich und Deutschland auf den Weg nach Äthiopien gemacht, um sich vor Ort ein Bild von der Lage der Juden zu verschaffen. Tausende warten dort zum Teil seit mehr als 20 Jahren darauf, endlich nach Israel einwandern zu dürfen.

Von: Dana Nowak

Israel, Be‘er Scheva

„Es fühlt sich an, als ist nur eine Hälfte von mir hier in Israel, als bin ich nur halb am Leben – ohne meine Schwester.“ Salina kämpft mit den Tränen als sie uns ihre Geschichte erzählt. Vor 15 Jahren ist sie zusammen mit ihrem Mann und Schwester Gonda aus Äthiopien nach Israel gekommen. Seitdem wartet sie darauf, dass ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester samt Familie nachkommen dürfen. In ihrer kleinen, einfachen und sehr sauberen Wohnung in einem mehrstöckigen Wohnblock in Be’er Scheva heißt Salina unser internationales Team von „Christen an der Seite Israels“ herzlich willkommen. Auf dem flachen Wohnzimmertisch stehen frisch gebackenes Dabo, das traditionelle äthiopische Schabbatbrot, Kuchen, frisches Obst sowie geröstete Nüsse und Körner.

Die Mitarbeiterinnen von Christen an der Seite Israels, Marie-Louise Weissenböck (l. Österreich) und Dana Nowak (r. Deutschland) mit Salina.

Salina und ihr Ehemann haben sich in Israel gut eingelebt. Sie arbeiten hart, um ihren drei Töchtern ein gutes Leben zu ermöglichen. Salina ist Putzkraft im Soroka-Krankenhaus von Be’er Scheva. Ihr Mann arbeitet in einer Firma für Tröpfchenbewässerung. Er ist im Schichtbetrieb tätig, damit am Monatsende ein bisschen mehr auf dem Lohnzettel steht. Jeden Monat schicken sie Geld an die Familie in Äthiopien, um deren Not ein bisschen zu lindern. Dazu fühlen sie sich verpflichtet, wie die meisten äthiopischen Juden in Israel. „Wir haben hier ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, Elektrizität, fließendes Wasser, unsere Kinder gehen zur Schule. Wir fühlen uns schuldig, dass wir hier sind und die anderen nicht“, sagt Salina und fügt hinzu: „Ich arbeite viel, weil ich meiner Familie in Äthiopien Geld schicken möchte. Aber es reicht einfach nicht. Ich weiß, dass sie manchmal nicht genug zu essen haben, und ich kann ihnen nicht mehr schicken, das ist sehr schwer.“

Salinas große Sorge ist, dass ihre Mutter stirbt, bevor sie sie noch einmal sehen kann. „Das Leben in Äthiopien war hart, aber hier habe ich meine Mutter nicht bei mir, das ist sehr schwer für mich.“ In den vergangenen Jahren ist Salina immer wieder nach Jerusalem gefahren. Hat versucht, beim Einwanderungsministerium vorzusprechen und sich bei den Behörden für ihre Familie in Äthiopien einzusetzen. Jahrelang wurde sie vertröstet. Doch nun soll es bald soweit sein, die Ausreisepapiere für die Angehörigen in Äthiopien sind fast vollständig. In einigen Monaten sollen sie nach Israel kommen dürfen.

Wir erzählen Salina, dass wir am nächsten Tag nach Gondar in Äthiopien reisen und ihre Schwester besuchen werden. Ob sie uns eine Nachricht mitgeben möchte, fragen wir. „Ich möchte nur, dass sie hierherkommen. Sie sind zu acht, und sie haben nicht mal Betten, sie schlafen auf dem Boden. Ich möchte, dass ihr sie herbringt“, sagt Salina unter Tränen. Und dann fügt sie hinzu: „Sagt ihr, dass ich bete, dass sie mit Gottes Hilfe kommen werden. Ich kann hier nichts weiter tun, aber mit Gottes Hilfe werden sie bald kommen.“ Wir reichen Salina eine Karte, in der sie einen Gruß für ihre Schwester schreibt. Salina ist dankbar und nimmt uns bei der Verabschiedung herzlich in die Arme: „Ich bin so glücklich über diesen Besuch, dass ihr meine Sehnsüchte, mein Herz angehört habt. Danke für euer Kommen.“

Äthiopien, Gondar

Einen Nachtflug später und 2.100 Kilometer weiter südlich kommt unser Team am nächsten Tag in Gondar an. Umgeben von Bergen liegt die alte Kaiserstadt  auf mehr als 2.000 Metern Höhe im Norden des Landes. Unweit von der Region Tigray, in der in diesen Tagen noch der Bürgerkrieg tobt. Mit unserem Reiseleiter und Übersetzer Tariku machen wir uns auf den Weg zu Salinas Schwester. Als ehemalige Hauptstadt Äthiopiens hat Gondar viel zu bieten, zahlreiche Schlösser, Kirchen, Klöster und gut erhaltene Gebäude finden sich hier. Doch je näher wir dem Haus von Selinas Schwester Ageriy kommen, desto ärmlicher wird die Gegend. Wir verlassen die dicht befahrene Hauptstraße und gehen einen schmalen unbefestigten Weg bergauf. Oben befindet sich eine Ansammlung einfacher Lehmhäuser mit Wellblechdächern. Vor einem wartet Ageriy mit ihrem Ehemann Teshome, ihren sechs Kindern und dem Bruder auf uns. Die Familie nimmt uns freudig in Empfang und bittet uns ins Haus.

„Es gibt viel Neid auf die Juden“

Der höchstens 20 Quadratmeter große Raum ist dunkel und eng, doch irgendwann hat jeder einen Platz zum Sitzen gefunden. Vor sechs Monaten erst ist die Familie vom Land in die Stadt gezogen. Sie wollte der jüdischen Gemeinschaft nahe sein. Etwa 10.000 Juden warten hier in Gondar auf die Ausreisegenehmigung für Israel, zum Teil seit mehr als 20 Jahren. Eine richtige Wohnung oder ein größeres Zimmer kann sich die Familie nicht leisten. Teshome verdient mit Gelegenheitsarbeiten gerade so viel, dass es zum Leben reicht. Unser Reiseleiter Tariku erklärt uns, den Juden in Gondar würden horrende Mieten für kleinste Räume abverlangt: „Es gibt viel Neid auf die Juden, weil sie nach Israel gehen dürfen und Unterstützung von dort erhalten. Äthiopien ist ein armes Land, viele möchten auswandern, daher schlagen die Vermieter bei den Preisen zu.“

Wir berichten von unserem Besuch bei Salina und überreichen ihrem Bruder  die von ihr geschriebene Karte. Er beginnt zu lesen: „Für meinen Bruder und meine Schwester. Ich vermisse Euch so sehr, ich hoffe, dass der Gott Israels Euch schickt und wir uns bald wiedersehen.“  Dann bricht er in Tränen aus. Doch zum Schluss siegt die Hoffnung darauf, dass das Warten in zwei, drei Monaten vielleicht bald ein Ende hat.

Vorbereitung auf die High-Tech-Nation Israel

Der Besuch bei Ageriy und ihrer Familie führt uns deutlich vor Augen wie wichtig die Arbeit der Jewish Agency ist: Diese jüdischen Familien leben hier in großer Armut und zum Teil noch sehr traditionell, sie kochen über offenem Feuer, viele elektrische Geräte sind ihnen fremd. Bis sie sich im modernen High-Tech-Staat Israel integriert haben werden, ist es ein langer Weg. So gut wie möglich versucht die Jewish Agency, die Juden in Gondar auf das Leben in Israel vorzubereiten. Dazu unterstützt sie das „Jüdische Gemeinschaftszentrum“ der Stadt. Hier erhalten die Kinder zusätzlich zum Besuch der staatlichen Schulen Unterricht. Kinder und Erwachsene haben die Möglichkeit, Hebräisch zu lernen und in verschiedenen Kursen das Wichtigste über das Judentum und den Staat Israel zu erfahren. Mit unserem Team besuchen wir die Synagoge in dem Zentrum. Die Juden kommen nicht nur am Schabbat hierher, sondern jeden Morgen. Auf Hebräisch und auf der Landessprache Amharisch wird aus den Torarollen gelesen. Für stillende und werdende Mütter, Kinder sowie Senioren unterhält das Zentrum ein Ernährungsprogramm. Fünf Mal pro Woche können sich Bedürftige hier jeweils zwei Mahlzeiten abholen. Mehr als 1.200 Juden werden so versorgt. Kinder unter fünf Jahren sowie Senioren über 50 erhalten zudem kostenlose medizinische Behandlung.

Im „Jüdischen Gemeindezentrum“ von Gondar erhalten Mütter, Kinder und Senioren kostenlose Mahlzeiten.

Neben Salina und Ageriy haben wir in Israel und Äthiopien weitere Familien besucht, die ein ähnliches Schicksal teilen. Ihre Geschichten gehen uns nahe. Zugleich sehen wir die Herausforderungen für den jüdischen Staat: Wie lässt sich nachweisen, wer tatsächlich jüdisch ist und das Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft hat? Wie entlarvt man diejenigen, die sich als Juden ausgeben, um der Armut zu entkommen? Als die Juden in Äthiopien entdeckt wurden, lebten sie abgeschieden in engen eigenen Gemeinschaften zusammen. Es gab Verfolgung und Diskriminierung durch Christen, Juden hatten weniger Rechte als andere Bürger. Die Situation war recht eindeutig als Israel 1984 mit der geheimen Operation Mose und 1991 mit der Operation Salomo die äthiopischen Juden nach Hause brachte. Danach wurde es kompliziert und die Einwanderung vorerst gestoppt. Familien blieben über Jahrzehnte getrennt. Israelische Rabbiner begleiten den Prozess seit Anbeginn. Sie versuchen, Kriterien für die Einwanderung aufzustellen, zu prüfen, wer jüdische Vorfahren hat. Schleppend wurde die Alijah dann in den vergangenen 20 Jahren immer wieder aufgenommen und unterbrochen. Teils wurde sie auch von äthiopischen Behörden behindert. Wer schon Verwandte ersten Grades in Israel hat, für den stehen die Chancen recht gut, erklärt uns Adana Tadele von der Jewish Agency.

Das Warten sei für die Juden in Äthiopien das Schlimmste, meint unser Reiseführer Tariku. Sie lebten praktisch zwischen zwei Welten. „Sie bauen sich in Äthiopien kein Leben auf, sie entwickeln sich nicht weiter, sie verbringen ihr Leben damit, auf die Alijah zu warten.“

Für diese zwölf äthiopischen Juden hat das Warten ein Ende: Sie fliegen mit dem Team von Christen an der Seite Israels ins Heilige Land.

Die Familien, die wir besucht haben, müssen sich wohl noch einige Wochen bis zu ihrer Einwanderung nach Israel gedulden. Doch für zwei Familien und eine alleinstehende junge Frau hat das Warten ein Ende: Sie dürfen endlich nach Israel einreisen und wir freuen uns, sie auf ihrem Flug zu begleiten. Auf dem Flughafen in Tel Aviv werden die Neueinwanderer von Mitarbeitern der Jewish Agency in Empfang genommen. Von ihnen erhalten sie alles, was sie für die ersten Tage in Israel brauchen, wie Geld und Telefonkarten. In einem Integrationszentrum in Aschkelon ist bereits alles für sie vorbereitet. Doch erst einmal werden Neueinwanderer auf dem Flughafen von ihren Angehörigen in Israel jubelnd und trillernd empfangen und mit Süßigkeiten und Konfetti überschüttet. Sie sind angekommen, am Sehnsuchtsort Jerusalem, und viele Tränen der Freude und Erleichterung fließen. Doch ihre Reise ist hier nicht zu Ende. Nun beginnt für sie ein langer und für viele nicht einfacher Integrationsprozess. |

Hintergrund

Die Geschichte der Juden in Äthiopien wird auf die in der Bibel erwähnte Begegnung der Königin von Saba mit dem israelitischen König Salomo zurückgeführt. Die Königin hatte von Salomos Weisheit gehört und reiste an dessen Hof, um sich selbst ein Bild zu machen. Laut verschiedener Überlieferungen gebar sie nach ihrer Rückkehr Salomos Sohn, König Menelik I. Nachdem dieser seinen Vater in Jerusalem besucht hat, sollen ihn Tausende Juden bei seiner Rückkehr begleitet haben. Zudem gelangten Juden durch den Handel in die Region. Auch nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70. und der darauffolgenden Zerstreuung der Juden in die Welt ließen sich Juden im Gebiet des heutigen Äthiopiens nieder. Sie selbst nennen sich „Beita Israel“ (Haus Israel) und betrachten sich als Nachfahren des Stammes Dan. Als solche wurden sie von der israelischen Regierung offiziell anerkannt. |

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 131. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.