Der Publizist und Journalist Henryk M. Broder ist 75 Jahre alt geworden. Seit Jahrzehnten sind Israel und das deutsch-israelische Verhältnis Gegenstand seiner scharfzüngigen Analysen.

Chronist des Irrsinns: In Israel, einem Land der Widersprüche, Gegensätze und Kuriositäten, fühlte sich Broder in den 1980er Jahren mehr als wohl.(Archivbild 2013) Foto: Lesekreis, Wikipedia | CC0 1.0

Henryk M. Broder hat zu vielen Themen publiziert, Bücher geschrieben, Artikel verfasst, Filme gedreht, und er tut es bis heute: zu Island und zur EU, zum Islam und zu Corona, zu dem, was Deutschland gerade bewegt. Für Israel aber scheint bei ihm ein besonderer Platz reserviert. Das sei ein Thema, „das mir wie kein anderes am Herzen liegt“, sagte Broder 2010, als er eigentlich eine Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki halten sollte. Eigentlich, weil Broder die Gelegenheit nutzte, den Preisträger recht direkt – und „vor Kühnheit zitternd“, wie er damals in seiner unnachahmlich selbstironischen Art sagte – dazu aufzufordern, sich doch bitte hörbar gegen überzogene Kritik an Israel zu Wort zu melden.

Israel, das wurde hier deutlich, ist für Broder, der am 20. August seinen 75. Geburtstag feiert, nicht einfach ein Gegenstand seines Interesses wie so viele andere. Das Land betrifft ihn persönlich, als Jude und 1946 im polnischen Katowice geborenen Sohn zweier Holocaust-Überlebender, die über Österreich nach Deutschland kamen. „Israel ist das einzige Land, wo wir nicht merken, dass wir Juden sind. Die Exotik ist weg“, erzählte er 1981, als er Deutschland gerade hinter sich gelassen hatte, um nach Israel zu gehen.

Ungefähr zehn Jahre lang lebte Broder dann hier. Welches Land soll denn auch besser passen zu ihm, dem Freigeist, dem Streitlustigen, dem Antiautoritären, der bis heute vor allem auch ein Chronist des Irrsinns ist? Hier konnte er all’ die Widersprüche und den Wahnsinn des Alltags aufsaugen wie ein Schwamm, sich als Agnostiker mit einem ultra-orthodoxen Antizionisten der „Neturei Karta“ anfreunden und mit den Islamisten der Hamas Interviews führen: „Ich kam mir vor wie in einem Mega-Supermarkt, in dem man vor lauter Delikatessen kein normales Brot finden kann“, schrieb er einmal im „Spiegel“ dazu. „Ich kann nicht behaupten, ich sei dem Gottvater nähergekommen, aber ich erfuhr einiges über seine vielen Kinder, das ich vorher nur aus zweiter Hand gehört hatte.“

Analyst der deutschen Seele

Ursprünglich allerdings hatte es Broder dem Anschein nach mehr aus Deutschland herausgedrückt, als dass Israel ihn anzog. Mit seinem Buch „Danke schön. Bis hierher und nicht weiter“ verabschiedete er sich Anfang der 1980er Jahre aus der Bundesrepublik, angewidert vom deutschen Formalismus und Bürokratismus, der ihn an die NS-Zeit erinnerte; entsetzt aber vor allem auch von seinen linken Freunden, mit denen er in einem offenen Brief in der Wochenzeitung „Zeit“ abrechnete: „Euer Antizionismus ist nichts anderes als eine von links her aufgemotzte Variante des Antisemitismus“.

Die Entführung eines Air-France-Flugzeuges im Jahr 1976 ins ugandische Entebbe und die Selektion der darin befindlichen Juden, vor allem aber linke Reaktionen im Anschluss, die an der israelischen Befreiungsaktion, nicht der Entführung Kritik übten, waren sein „privates Erweckungserlebnis“ gewesen, wie er später konstatierte. Broder wurde zum „Enthüller des Unterbewussten in der Friedensbewegung“ („Der Spiegel“), schließlich zu einem Analysten der deutschen Seele und Traumata insgesamt.

Das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust auf der einen und zu Israel auf der anderen Seite ist seitdem eines seiner wesentlichen Themen. 2012 forderte er seine Landsleute auf, „Auschwitz zu vergessen“. Zuvor hatte er sich schon gegen die Errichtung des Berliner Holocaust-Mahnmals ausgesprochen und das Konstrukt später im Fernsehen parodiert, indem er sich als Stele verkleidete. Den Deutschen attestierte er eine „nekrophile Liebe zu toten Juden“ bei gleichzeitiger Indifferenz gegenüber den Lebenden in Israel. Mehr noch: Seiner These zufolge hegen viele Deutsche den Wunsch, „irgendjemand möge den Job zu Ende bringen, den die Nazis nicht vollendet haben, um die Deutschen von ihrem exklusiven Kainsmal zu befreien“.

Schwarzer, Augstein, Ströbele

Bis in die Gegenwart liebt Broder (Selbstbezeichnung: Modest, „der Maßvolle“) die Provokation und den Streit, auch wenn er das selbst gerne abstreitet. Die Liste derer, mit denen er sich angelegt hat, ist lang. Sie reicht von Alice Schwarzer über Rudolf und Jakob Augstein bis Boris Palmer, um nur einige Beispiele zu nennen. Als er der Tochter des berühmten Zentralrats­präsidenten Heinz Galinski, Evelyn, vorwarf, ihre Spezialität seien „antisemitisch-antizionistische Gedankenlosigkeiten“, landete das vor Gericht – Broder bekam Recht. Und als er 1991 den damaligen Grünen-Vorstandssprecher Hans-Christian Ströbele in einem Interview mit Äußerungen zitierte, die Israel eine Mitschuld für die Angriffe Saddam Husseins gaben, führte das zu Empörung in Israel und Ströbeles Rücktritt von seinem Posten.

Broder bezeichne jeden als Antisemiten, der Kritik an Israel übe, wirft ihm manch einer vor – und vergisst dabei, dass Broder selbst keineswegs zimperlich, schon gar nicht kritiklos, mit dem Land umging. Er schoss gegen religiöse Fundamentalisten, gegen Ariel Scharon, gegen Siedler und die Besatzung. „Im Irrenhaus ist die Hölle los. Ich habe noch nie und nirgendwo so viele Durchgeknallte auf so knappem Raum erlebt“, schrieb er einmal mit Blick auf den Gaza­streifen, als dort noch Israelis wohnten. Das Westjordanland bezeichnete er als „Abenteuerspielplatz für Verrückte“. Den Israelis insgesamt attestierte er Autismus und ein „gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit“. 1998 fasste er allerlei verrückten Begegnungen in „Die Irren von Zion“ zusammen.

Auch Anfang dieses Jahres forderte er die Israelis noch auf, die „Bürde“ der Besatzung abzuwerfen. Gleichwohl wirft ihm manch einer vor, seine Beißfreude gegenüber Israel inzwischen verloren zu haben. Dem Journalisten-Kollegen Erich Follath erklärte er das in einem Briefwechsel vor einigen Jahren unter anderem damit, dass sich die Lage verändert habe und Israel inzwischen vonseiten des Iran existenziell bedroht sei.

Vorschlag: Palästina nach Deutschland verlegen

Broder hat sich über die Jahre immer wieder auch selbst mit unkonventionellen Ratschlägen für eine Lösung des Nahostproblems zu Wort gemeldet. Der utopische Vorschlag, Israel zu einem Bundesland Deutschlands zu machen, ist schon älter. 2017 sprach er sich für eine Aufnahme in die EU aus. Und im Mai dieses Jahres, als der Raketenbeschuss mal wieder eskalierte, schlug er eine Verlegung „Palästinas“ nach Deutschland vor: „Ich bin seit Langem der festen Überzeugung, dass im Zuge der ‚Wiedergutmachung‘ an den Juden und der ‚Wiedergutwerdung‘ der Deutschen ein jüdischer Staat in Deutschland hätte errichtet werden müssen. (…) Nun ist es für einen ‚Judenstaat‘ auf deutschem Boden zu spät, aber ein ‚Palästina‘ in Deutschland, als Anerkennung der historischen Verantwortung, wäre ein Weg, den Nahost-Konflikt zu entschärfen.“ Zwischen Realität und Überzeichnung, scharfer Analyse, Ironie und Sarkasmus: ein echter Broder ohne ein Zeichen von Altersmilde. (Israelnetz/Sandro Serafin)