Von: Anemone Rüger

Vor 80 Jahren überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion. Bald darauf folgten grausame Massaker an der jüdischen Bevölkerung, unter anderem in der Ukraine. Noch leben in der Region Juden, die aus dieser Zeit tiefe Wunden in ihren Herzen tragen. Noch gibt es die Möglichkeit, sie um Vergebung zu bitten und ihnen Gutes zu tun. Mitarbeiter von „Christen an der Seite Israels“ besuchen in der Ukraine regelmäßig Juden, die den Holocaust überlebt haben. Von zwei besonderen Begegnungen berichten wir an dieser Stelle.

Am 29. und 30. September 1941 wurden von der deutschen Besatzungsmacht in der Schlucht von Babi Yar, am Stadtrand von Kiew, 33.771 Kiewer Juden erschossen. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Es war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Neben dem weithin bekannten Babi Yar gibt es nach Schätzungen etwa 2.000 Massengräber in der Ukraine, wo damals Ähnliches geschah. Als wir den Klingelknopf drücken, kommt Juri in seinen großen Filzpantoffeln zur Tür geschlurft. Wir sind in der ukrainischen Hafenstadt Nikolajew.

Der museumsreife Fahrstuhl hat uns in eines der oberen Stockwerke eines typisch sowjetischen Wohnblocks befördert. Erfreut über den Besuch bittet uns Juri herein. Juri muss allein zurechtkommen; das wird schon im Flur sichtbar, wo wir eine Tüte mit frischen Lebensmitteln abstellen. Vor einem halben Jahr ist seine Frau gestorben, mit der er ein halbes Jahrhundert hier sein Leben geteilt hat.

Der Holocaust-Überlebende Juri bekommt Besuch von CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger. Foto: Alina Gryadchenko, C4I Ukraine

Die jüdische Gemeinschaft in Nikolajew am Schwarzen Meer besteht seit gut 200 Jahren. Der eine Zar vertrieb die Juden, der nächste holte seine umtriebigen Bürger zurück, die schon bald ein weitläufiges Netz für den Getreidehandel aufgebaut hatten. Die furchtbaren Pogrome, die sich um die Jahrhundertwende vor dem 1. Weltkrieg verdichteten, forderten viele jüdische Opfer. Mit der Oktoberrevolution verschwand das religiöse jüdische Leben im Untergrund. Die Synagogen wurden geschlossen; die Alte Synagoge wurde zum „Haus der Atheisten“ umgewidmet.

In der Zwischenkriegszeit hatte Nikolajew 25.000 jüdische Bürger. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges strömten zunächst Tausende von Flüchtlingen aus dem besetzten Polen in die Stadt. Als die Wehrmacht nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 auch in Nikolajew einmarschierte, war Juri fünf Jahre alt. „Papa wurde sofort zur Roten Armee eingezogen“, berichtet Juri. „Wir haben ihn nie wiedergesehen; er ist schon bald gefallen.“ Schon nach den ersten Sätzen merke ich, dass Juri eine dramatische Geschichte hat und frage ihn, ob er sie der Reihe nach erzählen würde und ich sie aufnehmen darf. Juri sackt in sich zusammen. „Das kann ich nicht“, stöhnt er. „Es ist zu schwer…“

Nach einer Weile versucht er es doch. „Ich weiß noch alles wie gestern. Sie haben uns zum Gefängnis in Perwomajsk gebracht. Die Hälfte von uns haben sie sofort erschossen. Und dann haben sie vor meinen Augen…“, Juri bricht in Tränen aus. „Sie haben vor meinen Augen meine beiden Schwestern erschossen!“ Die Männer wurden als „nützliche“ Arbeitskräfte am Leben gelassen, um nach den schweren Luftangriffen die Trümmer in der Stadt zu beseitigen. Doch viel konnte der kleine Juri mit seinem Bruder und seiner Mutter nicht leisten, und die drei wurden in ein Todeslager verbracht. „Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt. Es gab kaum zu essen und zu trinken dort. Die jungen ukrainischen Wachen haben uns ständig geschlagen…“

Nach einem Jahr gelang es einer kleinen Gruppe von Häftlingen, darunter auch Juris Familie, einen Tunnel unter dem Zaun zu graben und zu entkommen. Doch nicht für lange – sie wurden geschnappt und in ein nahegelegenes Ghetto gebracht – eine Art Arbeitslager, das von weniger brutalen rumänischen Soldaten bewacht wurde. Dort erlebte Juri, der mit seinen acht Jahren schon hatte erwachsen werden müssen, die Befreiung durch die Rote Armee im März 1944.

„Wir sind dann in unseren Heimatort zurückgekehrt, nur um festzustellen, dass wir dort auch nicht mehr willkommen waren“, fährt Juri fort. „Man hat uns sogar gewarnt, ja niemandem zu sagen, dass wir in einem Lager waren. Damals sind ständig Leute verschwunden.“ Oft passierte es, dass die Überlebenden der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt und von Stalins Schergen ins nächste Lager deportiert wurden.

„Dann kamen die Hungerjahre“, erinnert sich Juri. „Die Leute haben gegessen, was immer sie finden konnten. Mama ist oft auf den Friedhof gegangen und hat dort die Brotstückchen eingesammelt, die die Angehörigen den Verstorbenen auf die Gräber gelegt hatten, und hat sie uns zu essen gegeben. So haben wir überlebt.“

Eigentlich heiße ich Isa

Juri schlug sich zunächst mit verschiedenen Hilfsarbeiten durch, später ging er zur Armee. Eigentlich heißt er gar nicht Juri, erfahren wir dann. „Mein richtiger Name ist Isja – kurz für Israil. Aber was hatte ein Isja in der Sowjetunion vom Leben zu erwarten? Nichts. Also habe ich meinen Namen in Juri geändert.“ Tief betroffen von Juris Geschichte knie ich vor ihm nieder und bitte ihn um Vergebung für das Leid, das Deutsche ihm und seiner Familie angetan haben. Dann lege ich ein Geschenktütchen mit einem der Waffelherzen in seine Hand, die meine Mutter für diese Reise gebacken hat. Und Juri – nimmt meine Hand und drückt einen Kuss darauf.

Ein süßer Gruß aus Deutschland: Juri freut sich über das selbstgebackene Waffelherz. Foto: Alina Gryadchenko, C4I Ukraine

Flucht in den Kaukasus

Irina wohnt nicht weit von Juri. Sie ist fünf Jahre älter und wuchs in einer russlanddeutschen Siedlung auf, in der auch viele jüdische Familien lebten, die der deutschen Sprache und Kultur nahestanden. Sie hat den Krieg ganz anders erlebt; ihre Geschichte hört sich an wie ein Spielfilm.

„Papa hat hier in Nikolajew im Hafen gearbeitet“, berichtet Irina. „Nach Kriegsausbruch sind die Anlagen in den Osten verlegt worden, alles, was für den Krieg brauchbar war, und Papa wurde als Fachkraft mitgeschickt.“

Irinas Familie wartete zunächst ab, doch schließlich machten sich Mutter und Oma mit der zehnjährigen Irina auf den Weg. „Wir sind von Ort zu Ort geflohen; am Ende waren wir im Nordkaukasus, in Nowo-Troiza in Tschetschenien“, erzählt Irina. „Aber dann sind die deutschen Truppen dort auch einmarschiert. Die Bevölkerung musste sofort für die Besatzung Gräben ausheben. Dann kam das Gerücht auf, dass die Juden an einem bestimmten Tag ermordet werden sollen.“ Irina erinnert sich an jedes Detail, ihre Stimme wird brüchig. „Da hat mich Oma an die Hand genommen und ist mit mir 15 Kilometer in die nächste Stadt gelaufen, wo die Ortskommandantur war. Ich war erst zehn. Ich hatte nicht einmal Schuhe. Als wir am Kasernentor ankamen, hat Oma gefordert, den Kommandanten zu sprechen. Der Wachposten war überrascht, dass sie so gut Deutsch konnte, und hat uns vorgelassen.“

Ein Kommandant mit Herz

Weiter erzählt Irina: „Der Kommandant hat uns in sein Büro gebeten, und wie mich Oma angewiesen hatte, bin ich auf die Knie gefallen und habe angefangen zu beten: ‚Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden…‘“

„Siehst du, wie meine Hände zittern?“, fragt sie. „Ich bete das Gebet jeden Abend. Ich kann es nur auf Deutsch.“ Dann kam der Einsatz der Großmutter. „Oma hat den Kommandanten angefleht: ‚Es gibt Gerüchte, dass die Juden erschossen werden sollen. Meine Familie ist jüdisch. Bitte, retten Sie uns!‘“ Wir halten den Atem an, während Irina fortfährt. „Dann geschah das unglaubliche Wunder. Das Herz des Kommandanten war uns zugetan. ‚Gut, dass es ein Mädchen ist‘, hat er mit Blick auf mich gesagt. ‚Sie müssen weg von hier. Wo können Sie hin?‘ Oma hat unsere Heimatstadt in der Ukraine genannt. Daraufhin hat der Kommandant für unsere ganze Familie deutsche Pässe ausgestellt mit dem Vermerk ‚Beförderung genehmigt zum Zweck der Familienzusammenführung‘. Dann hat er ein Armee-Motorrad geordert, um uns zum Zug zu bringen. Immer, wenn uns jemand kontrolliert hat, haben wir die Reisegenehmigung von ihm vorgezeigt. So hat dieser deutsche Kommandant uns das Leben gerettet. Fäustling hieß er. Wir haben viele Jahre lang versucht, ihn zu finden, um uns bei ihm zu bedanken.“ Die Suche verlief leider ohne Erfolg.

Irinas Familie wurde durch einen deutschen Kommandanten vor der Ermordung gerettet. Foto: Alina Gryadchenko, C4I Ukraine

5.000 Juden wurden nach vorsichtigen Schätzungen noch im Herbst 1941 in Nikolajew ermordet. Doch Irinas Familie wurde dank der deutschen Passierscheine nicht angetastet. Nach dem Krieg wuchs die jüdische Gemeinde in Nikolajew schnell wieder an, denn in der Hafenstadt gab es Arbeit.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verließen viele Juden das Land. Seit dem Ausbruch des Krieges mit Russland 2014 hat sich auch die wirtschaftliche Lage in der Region weiter verschlechtert. Zurück bleiben zumeist die Alten und Kranken, die nicht die Kraft haben, woanders noch einmal neu anzufangen.

Das CSI-Patenschaftsprogramm

Juri und Irina werden über das Patenschaftsprogramm von „Christen an der Seite Israels e.V.“ bzw. vom internationalen Dachverband „Christians for Israel“ regelmäßig besucht und mit Medikamenten und Lebensmitteln unterstützt. So erleben sie auf ihre alten Tage, dass sie nicht vergessen, sondern geliebt und wertgeschätzt sind.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 126. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.