Der bedingungslose und planlose Abzug der US-Truppen aus Afghanistan lässt im Nahen Osten die Glaubwürdigkeit des Westens schwinden. Was in Afghanistan geschieht, hat Auswirkungen auf die gesamte Region.

Von: Josias Terschüren

Der Westen hat seinen Willen und die nötige strategische Geduld zur Durchsetzung seiner Ziele und Interessen verloren. Und alle haben es gesehen. Die USA in ihrer jetzigen Verfassung sind eine dekadent und lustlos geführte Supermacht, die sich selbst demontiert. Da hilft kein Wegducken und Leugnen, auch wenn Präsident Joe Biden und seine Getreuen nichts unversucht lassen, mit allen zur Verfügung stehenden Fingern in Richtung anderer zu zeigen. Nein, es lag nicht an dem durch Ex-US-Präsident Donald Trump ausgehandelten Deal – Biden hat alle anderen politischen Linien von Trump überworfen, warum sollte er an diese gebunden sein? Zumal Trump selbst keinen bedingungslosen Abzug, wie jetzt vollzogen, in Aussicht gestellt hatte – und selbst nicht abgezogen war, weil die Bedingungen nicht gegeben waren! Nein, es liegt nicht an der Bereitschaft der Afghanen für ihr Land zu kämpfen und zu bluten! Fast 70.000 afghanische Soldaten haben in den vergangenen Jahren in diesem Kampf für ihr Land ihr Leben gelassen.

Abzug um jeden Preis

Der ganze Druck, sämtliche Deadlines, der Hals-über-Kopf-Abzug, all das war hausgemacht. Seit dem 8. Februar 2020 war kein US-Soldat mehr in Kämpfen ums Leben gekommen. Die Lage vor Ort war mit der verbliebenen Rumpf-Truppe von etwa 2.500 US-Soldaten, die der afghanischen Armee Informationen, Luftunterstützung und Training sicherten, laut Analysten so gut wie im Griff. Die Geheimdienste und das US-Militär rieten von dem Rückzug ab, Biden befahl ihn dennoch. Er wollte zum 20. Jahrestag von 9/11 um jeden Preis verkünden, der Krieg sei vorbei. Er habe ihn beendet. Doch die USA haben diesen Krieg weder begonnen, noch beendet. In beiden Fällen hielten und halten die Taliban die Schlüssel in der Hand. Die Verantwortung für das unfassbare Desaster, das sich bei dem planlosen Rückzug ereignete, von US-Flugzeugen herabfallende Afghanen, 13 getötete US-Soldaten, das beispiellose Zurücklassen amerikanischer Bürger hinter feindlichen Linien sowie von Militärgütern im Wert von mehr als 85 Milliarden Dollar trägt ein Mann allein: Joe Biden. Politische Konsequenzen? Bislang Fehlanzeige!

Im Gegenteil, er rühmt sich, alles richtig gemacht zu haben. Nicht einmal der Umstand, dass die sonst so treu ergebene links-liberale Presse ihn wütend kritisiert, beeindruckt Biden, der es nicht für nötig erachtet, seinen Urlaub wegen der selbstverschuldeten Tragödie abzubrechen. Amerikaner jeder Couleur wollten aus Afghanistan abziehen. Aber nicht so. Die Art und Weise des Abzugs empfinden viele, nicht nur Republikaner, als eine nationale Schande. Auch Deutschland hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Schmerzlich deutlich tritt die Unfähigkeit zu grundlegendsten militärischen Manövern zutage. Es mangelt an allen Ecken und Enden an Kapazitäten, Gerät, Personal und Führung. In den kritischen Stunden Mitte August unterließ Bundesaußenminister Heiko Maas den so wichtigen Evakuierungsbefehl, den die Botschaft in Kabul bereits beinahe panisch forderte. Stunden und Tage vergingen ohne Weisung aus Berlin. Schließlich entschieden die Deutschen vor Ort selbst über die Schließung der deutschen diplomatischen Vertretung in Afghanistan und retteten sich in letzter Minute zur US-Botschaft, wo sie von den Amerikanern per Hubschrauber ausgeflogen wurden. Gott sei Dank war man hier nicht auf eigene militärische Fähigkeiten angewiesen.

Vorwürfe kann man den deutschen Soldaten nicht machen – ihr Einsatz bei der Evakuierung war heroisch, die Verantwortung für das Debakel trägt auch hier die Politik. Dass unter den von der Bundeswehr Ausgeflogenen nicht nur Deutsche, Verbündete und Ortskräfte waren, sondern auch Verbrecher und Abgeschobene, wird erst langsam deutlich. Bleibt zu hoffen, dass es gelingt, noch viele der 10.000 Ortskräfte, die über Jahre und Jahrzehnte ihr Leben riskierten, um unseren Soldaten zu helfen, zu evakuieren. Für ihre Sicherheit zu sorgen ist unsere moralische Verpflichtung. Weitere Flüchtlinge aus Afghanistan über die Ortskräfte hinaus, sind dann aber wieder eine ganz andere Frage. Am 20. Jahrestag des 11. September wehte auf dem afghanischen Präsidentenpalast in Kabul die Taliban-Flagge. Nach all dem vergossenen Blut, investierten Geld und Arbeit in Afghanistan ein Fiasko sondergleichen.

Letzter Jude verlässt Afghanistan

Die neue Taliban-Regierung, deren Mitglieder teilweise gesuchte Terroristen sind, möchte Beziehungen mit allen Ländern der Welt pflegen, die einzige Ausnahme bildet: Israel. Nach der Machtübernahme ist Afghanistan zudem nunmehr auch „judenrein“ geworden, der letzte Jude Afghanistans, Zebulon Semantov, hat das Land kürzlich verlassen. Der israelische Publizist Mordechai Kedar vom „Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien“ schrieb auf seiner Facebook-Seite über die Ereignisse in Afghanistan: „Der Tag, an dem die Taliban nach 20 Jahren westlicher Besatzung wieder die Herrschaft über Afghanistan übernahmen, wird in der islamischen Welt für immer als Sieg des Islam über das Christentum, als Sieg des Glaubens über die Häresie und als Sieg der Tradition über die Freizügigkeit in Erinnerung bleiben.“

Vielfach werden Parallelen zum US-Rückzug 1975 aus Saigon gezogen. Doch die Vietkong hatten keine globalen Ambitionen, gefährdeten die USA und den von ihr geführten Westen nicht außerhalb Vietnams und der direkt umgebenden Länder. Ganz anders verhält es sich mit Afghanistan: Die Taliban sind Teil eines weltweiten islamistischen Netzwerks, verbündet mit Al-Qaida, Terror-Organisationen in Pakistan und den iranischen Revolutionsgarden. Ihre Wieder-Machtergreifung wird islamische Terrororganisationen in ihren Rekrutierungs- und Finanzierungsbestrebungen weltweit stärken.

Kein Wunder, dass Hamas, Islamischer Dschihad, Hisbollah & Co. frenetisch gratuliert haben. Kein muslimischer Terrorführer wird sich mehr auf Kompromisse einlassen können, die Taliban haben einen neuen goldenen Standard gesetzt: Trotz bis zum Letzten. Der Sekretär von Irans Oberstem Nationalen Sicherheitsrat, Ali Schamkhani, twitterte: „Das Schicksal der USA in Vietnam und Afghanistan wird auch das unveränderliche Schicksal des zionistischen Besatzungsregimes sein.“

Lehren aus dem Debakel

Der Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan beinhaltet verschiedene Lehren: Moderate Muslime lernen, dass Kollaboration mit dem Westen in Krisengebieten leicht tödlich enden kann. Sie sind nicht mehr als Bauern auf dem Schachbrett politischer Entscheider in westlichen Hauptstädten. Terroristen weltweit lernen von den Taliban, dass man nur geduldig und beständig genug sein muss, um den Westen und dessen Schutzmacht Amerika zu zermürben.

Auch in Moskau, Beijing und Teheran wird man genüsslich zugesehen haben, wie der Westen sich blamiert. In den Kabuler Botschaften dieser Nationen herrschte keine Panik, vermutlich plante man dort par-allel die Zukunft. China, Russland und der Iran sind die großen Gewinner und Nutznießer des Vakuums, das die westlichen Mächte hinterlassen haben. Wenn die westlichen Nationen nicht bereit oder imstande sind, gegen die Provinz-Kämpfer der Taliban zu bestehen, was für Lehren ziehen Xi Jinping und Wladimir Putin dann in Bezug auf Taiwan oder die Ukraine?

Der Nahe Osten war einer der Haupt-Strippenzieher in Afghanistan. Der moderate Präsident Aschraf Ghani floh in die Vereinigten Arabischen Emirate, während das benachbarte Katar die Taliban nicht nur finanzierte, sondern auch deren gesamte politische Führung nach Kabul zum Triumphzug ausflog, die sie vorher beheimatet hatte.

Gefährlich für Israel

Auch der schiitische Iran hat die sunnitischen Taliban über Jahrzehnte hinweg mit Training, Logistik, Waffen und Finanzen unterstützt und erhält bereits jetzt erbeutete amerikanische Militärfahrzeuge als Gegenleistung. Der Iran ist zudem direkt nach dem US-Rückzug von China und Russland in die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit aufgenommen worden, eine Art östlicher Gegenentwurf zur NATO mit zusätzlicher wirtschaftlicher Dimension. Gemeinsame Manöver gegen Piraterie im Golf sind geplant – die iranischen Piraten und deren Bekämpfer in Personalunion quasi. Die Einflusssphäre, Position und Möglichkeiten des Iran in der Region sind seit Afghanistans Fall größer denn je. Das afghanische Debakel geht mit einem unglaublichen Gesichtsverlust des Westens einher. Das Wort künftiger US-Regierungen, ihre Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sind gemindert worden. Eine wichtige Währung auf der Weltbühne, vor allem im Nahen Osten. Wer schwach wirkt, wird angreifbar.

Saudi-Arabien hat bereits reagiert und ein Verteidigungsbündnis mit Russland geschlossen. Fatal wird das Bild, wenn man auf die Auswirkungen auf die Atom-Verhandlungen mit dem Iran blickt – die Amerikaner sind gerade mit ihrem Supermacht-Bluff aufgeflogen, die Iraner werden also in Ruhe zu Ende spielen. Andererseits kann es sein, dass die US-Regierung sich gerade vor dem Hinter-grund des Afghanistan-Debakels jetzt umso mehr als Supermacht beweisen will und einen tafferen Ansatz gegen-über dem Iran durchsetzt, um ihr internationales Ansehen wiederherzustellen. Es ist allerdings fraglich, ob die in Afghanistan so starrsinnig vorgehende Biden-Administration ausgerechnet im Fall des Atomabkommens als einer der zentralen Säulen ihrer Außenpolitik einlenken wird.

Israel: Garant für Sicherheit vor dem Iran

Es scheint, als könnten einzig die existenzbedrohten Israelis den Iran noch von der Bombe abhalten. Das gibt der ehemalige israelische US-Botschafter Ron Dermer mittlerweile offen zu Protokoll. Noch eine Konsequenz aus der Inkonsequenz der USA: Die stiefmütterlich behandelten Abraham-Abkommen werden noch weiter an Bedeutung zunehmen. Denn: Gegen den Iran gibt es nach dem Ausfall der USA nunmehr einen einzigen Garanten für Sicherheit: Israel. Doch Israels Premierminister Naftali Bennett wählte bei seinem Besuch in Washington einen grund-anderen Ansatz als sein Vorgänger Benjamin Netanjahu. Kein öffentliches Wort der Kritik, keine Forderungen nach Kursänderung, vielmehr stellte sein Besuch eine bewusste Zurschaustellung von Eintracht dar, die – was den Iran anbelangt – gar nicht existiert. Israels Regierung ist nicht mehr länger bereit, das Gewissen des Westens in der Iranfrage zu sein, sie will nicht mehr anklagen, nicht mehr dem Strom entgegenstehen, sondern mitschwimmen. Stromabwärts.

Einziger Lichtblick im Dunkel sind die prophetischen Schriften des Alten Testaments, die von der Rückkehr der zehn verlorenen Stämme Israels sprechen. Laut Experten einer davon: Die Paschtun. Größte Volksgruppe im Vielvölkerstaat Afghanistan und Hauptbasis der Taliban.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 126. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.