Gedenktafel vor dem damaligen Quartier der israelischen Mannschaft im Münchner Olympiadorf. Foto: High Contrast/Wikipedia, CC BY 3.0 DE

Die Bundesrepublik präsentiert sich 1972 als weltoffenes Gastgeberland der Olympischen Spiele in München. Dann geschieht das Unfassbare: Am 5. September dringen palästinensische Terroristen ins olympische Dorf ein und ermorden am Ende elf israelische Sportler. Die Bilder sind bis heute präsent, die Wunden wollen nicht verheilen.

Von: Israelnetz, Christoph Irion

Es ist die Nacht von Montag auf Dienstag, vier Uhr ist vorbei. Eine laue Spätsommernacht im Olympischen Dorf in München, 5. September 1972. „Keine besonderen Vorkommnisse“, notiert die Nachtschicht des Ordnungsdienstes. Diesen Eindruck hat auch die kanadische Schwimmerin Karen James (19), als sie sich zusammen mit drei Teamkameraden von Westen her dem Zaun des Olympischen Dorfs nähert. Der offizielle Eingang liegt einige Hundert Meter weit entfernt, also beschließen die Olympioniken, einfach rüberzuklettern. Dann sieht Karen James vier Männer. Sie wirken nicht wie Sportler, sehen eher schmächtig aus. Auch sie klettern über den Zaun, niemand sagt etwas.

Die Männer in den Trainingsanzügen ohne Länderkennung wohnen nicht im Olympischen Dorf, sie sind im traditionsreichen Hotel Eden Wolff am Hauptbahnhof abgestiegen. In ihren Olympiataschen tragen sie keine Sportklamotten, sondern Kalaschnikows und Handgranaten. Eine halbe Stunde später gehören die „heiteren Spiele unwiderruflich der Vergangenheit an“, wie es Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel ausdrücken wird. Eine Putzfrau hat kurz nach fünf Uhr Schüsse im Haus Connollystraße 31 gehört, in dem die Männermannschaft aus Israel wohnt. Insgesamt acht Mitglieder der palästinensischen Terror-Organisation „Schwarzer September“ sind in das Haus eingedrungen.

Josef Gutfreund (40), ein 142 Kilo schwerer Ringkampfrichter, hört ein Knirschen an der Appartementtür. Plötzlich sieht er bewaffnete Männer mit Skimasken. Der Israeli realisiert sofort, was los ist. „Rennt, Jungs!“, brüllt er und wirft sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die blaue Tür. Die Angreifer haben einen Gewehrlauf in den Spalt gerammt, hebeln die Tür auf, alles in Sekundenschnelle. Ein Israeli kann unter Gewehrfeuer fliehen – zehn Minuten später durchsiebt eine weitere Salve den Oberkörper des 32-jährigen Ringers Mosche Weinberg. Er hatte versucht, einen Angreifer zu überwältigen, seine Leiche werfen die Terroristen vor die Haustüre. Die Palästinenser haben jetzt zehn israelische Geiseln in ihrer Gewalt. Doch auch der Gewichtheber Josef Romano (32) widersetzt sich, die Terroristen lassen ihn vor den Augen der Freunde verbluten.

Unmittelbar danach übergeben die Terroristen ihre Forderungen: Sie verlangen die Freilassung von mehr als 200 in Israel einsitzenden Arabern sowie der in Deutschland inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

Walther Tröger (43), Bürgermeister des Olympischen Dorfes, wird geweckt. Er wird an diesem Tag neben dem damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher der einzige sein, der sowohl mit Terroristen als auch mit den Geiseln spricht. „Diese Eindrücke und diese Bilder sind latent immer da“, berichtete Tröger (1929–2020) vor seinem Lebensende im Gespräch mit dem Autor: „Das kann ich nie ganz vergessen.“ Der Anführer, der sich selbst „Issa“ (arabisch für Jesus) nannte und einen weißen Sonnenhut trug, sei „durchaus nicht unsympathisch gewesen: Er hat fließend Deutsch gesprochen. Er wirkte sehr konzentriert, aber man merkte auch, dass er unter Druck war.“

Die Terroristen drohen mit der Erschießung der Geiseln. Genscher, Tröger sowie Bayerns Innenminister Bruno Merk und dem Münchener Polizeipräsidenten Manfred Schreiber gelingt es mehrfach, die Ultimaten zu verlängern. Sie bilden den improvisierten Krisenstab. Schreiber hat als Sicherheitschef der Spiele vor Monaten einen Mitarbeiter abgekanzelt, der verlangt hatte, einen Überfall arabischer Freischärler auf das Olympische Dorf zu simulieren – nun ist Schreiber exakt in diese Situation geraten und völlig überfordert. Während sich hinter den Absperrungen Reporter, Kamerateams, Fotografen und Schaulustige tummeln, haben viele noch gar nicht mitbekommen, was passiert ist – etliche Wettkämpfe gehen erst einmal weiter.

Missglücktes Täuschungsmanöver

Um 11.15 Uhr wechselt die Stimmung im Krisenstab von Anspannung in Niedergeschlagenheit: Israels Premierministerin Golda Meir gibt offiziell bekannt, dass ihre Regierung „keine Geschäfte mit Terroristen macht“. Ihre gute Beziehung zu Kanzler Willy Brandt ist ihr wichtig und so bringt sie ihr „Vertrauen zu Westdeutschland zum Ausdruck“. Sie habe Verständnis, „wenn den Terroristen Freiheit versprochen wird, solange dies dazu beiträgt, die Geiseln zu befreien“.

Doch in München läuft vieles schief. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten, die zur vermeintlichen Tarnung bunte Trainingsanzüge tragen, versuchen den Gebäudekomplex zu sichern. Kein Mensch kennt zu diesem Zeitpunkt die Anzahl der Attentäter. Doch der Rettungsversuch fliegt auf, bevor er begonnen hat: Die Fernsehsender der Welt übertragen das Geschehen live – dummerweise auch in die Connollystraße 31. Als Tröger die Geiseln im ersten Stock besucht, ist er „tief erschüttert“. „Völlig eingeschüchtert und ängstlich“ hätten je vier Geiseln in dem schmalen Zimmer „aneinandergefesselt auf zwei gegenüberliegenden Betten gesessen“. Die neunte Geisel saß auf einem Stuhl am Fußende, auf dem Boden lag die Leiche Romanos: „Tun Sie bitte alles, um uns zu helfen!“, hätten sie gefleht. Ein Flug zusammen mit den Terroristen in ein arabisches Land erscheint ihnen aussichtsreicher als eine Befreiungsaktion vor Ort.

Von der Tiefgarage aus bringt ein Bus Attentäter und Gefangene um 22.06 Uhr zu zwei Hubschraubern. Um 22.35 Uhr landen sie auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Eine Boeing 727 steht dort angeblich bereit für den Abflug Richtung Kairo. Ein Täuschungsmanöver, das die Terroristen rasch durchschauen. Fünf unzureichend trainierte Scharfschützen, teilweise ohne Funkverbindung, stehen acht zu allem entschlossenen Terroristen gegenüber. Schüsse peitschen durch die Nacht, Handgranaten detonieren. Am Ende sind alle neun israelischen Geiseln sowie fünf Attentäter tot. Auch ein deutscher Polizist stirbt. „The games must go on“, die Spiele müssen weitergehen – es sind Worte fürs Geschichtsbuch, die IOC-Präsident Avery Brundage bei der hektisch organisierten Trauerfeier am nächsten Morgen ins große Rund des Olympiastadions spricht. Viele finden das unpassend. Doch auch Israel hat sich dafür ausgesprochen. Auf gar keinen Fall dürfe es eine Kapitulation vor dem Terrorismus geben.