Shay (3.v.l.) bei der Bar Mitzwa seines Sohnes. Foto: privat

In Israel gibt es rund 1,18 Millionen ultra-orthodoxe Juden. Sie leben oft abgeschottet vom Rest der Gesellschaft nach strengen Vorschriften. Immer mehr junge Leute steigen aus dieser Gemeinschaft aus. Doch das muss nicht zwangsläufig zum Bruch mit der Familie führen, wie die Geschichte von Shay Helman zeigt. Der 36-Jährige lebt nach seinem Ausstieg weiterhin bei seinem Vater in Jerusalem. Dort hat er auch Delly Hezel, eine Mitarbeiterin von „Christen an der Seite Israels“ kennengelernt. Wie ihm der Ausstieg gelang und welche Herausforderungen das neue Leben mit sich bringt, darüber hat Shay mit „Christen an der Seite Israels“ gesprochen. Die Fragen stellte Dana Nowak.

Dana Nowak: Shay, Du bist in einer ultraorthodoxen Familie im Jerusalemer Stadtteil Mea Schearim aufgewachsen. Als junger Mann hast Du die Gemeinschaft verlassen, die sehr abgeschottet lebt. Kannst Du uns etwas über Dein Leben in Mea Schearim erzählen?

Shay Helmann: Ich bin in eine ultra-orthodoxe Schule gegangen bis ich 16 Jahre alt war. Der Unterricht fand auf Jiddisch statt. Wir hatten kein Englisch und nur die ganz einfache Mathematik. Es gab auch keine Prüfungen wie in den säkularen Schulen. Es gab fast nur heilige Bücher und Religionsunterricht. Als ich 20 Jahre alt war habe ich dann geheiratet.

War es eine arrangierte Ehe oder konntest Du Dich frei entscheiden?

Es war arrangiert, ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht. Ich kannte die Frau nicht, die ich geheiratet habe. Ich habe sie nur drei Mal getroffen und nach ein paar Monaten haben wir geheiratet. Nach zwei Jahren haben wir uns scheiden lassen. Wir haben einen Sohn, er ist 15 Jahre alt.

Wächst er in Mea Schearim auf?

Nein, er ist nicht religiös. Meine Ex-Frau ist auch nicht mehr religiös.

Du hast die haredische Gemeinschaft schließlich verlassen. Warum?

Das lag einfach in meiner Persönlichkeit. Ich war neugierig und ich habe das nicht akzeptiert, dass man in der Gemeinschaft alles hinnehmen musste und nichts hinterfragen durfte. Aber das war ein langer Prozess.

Shay, hier noch ultra-orthodox, mit festlichem Pelzhut beim Aufschneiden eines Schabbatbrotes. Foto: privat

Lebst Du jetzt säkular oder bist Du noch religiös und glaubst an Gott?

Ich glaube immer noch an Gott, aber ich gehöre zu keiner bestimmten Gemeinschaft oder Gruppe.

Wie hat Deine Familie auf Deinen Ausstieg reagiert? Hat sie ihn akzeptiert?

Ich lebe immer noch in Mea Schearim mit meinem Vater und habe guten Kontakt zu meiner Familie. Meine Mutter ist vor sechs Jahren gestorben. Wir hatten einen sehr guten Kontakt. Ich habe die Verbindung zur Familie nicht verloren, ich finde, das ist sehr wichtig.

Es ist schön, dass sie das akzeptiert haben und ihr weiter in Kontakt seid. Ich habe von anderen Familien gehört, die zerbrochen sind, weil ein Kind die Gemeinschaft verlassen hat.

Ja, ich versuche, niemanden zu verändern, ihre Gefühle nicht zu verletzen und keine Dinge zu tun, die in der Öffentlichkeit nicht erlaubt sind, damit sie sich nicht unwohl mit mir fühlen. Ich respektiere die Umgebung, aber ich ändere mich nicht selbst, nur um das Gefühl zu haben, dazuzugehören.

Sprichst Du mit deiner Familie, mit Deinem Vater oder mit Freunden über Dein neues Leben oder ist das eher ein Tabu?

Nicht oft. Aber sie wissen, dass ich im Internet unterwegs bin und einen Fernseher habe. Wir führen keine philosophischen Diskussionen darüber, was wahr ist oder nicht. Mir ist die Verbindung zur Familie sehr wichtig und jeder hat seinen Glauben, das respektiere ich. Selbst wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt und man nicht in allem übereinstimmt, dann betrifft das nicht das ganze Leben. Letztlich haben die meisten Menschen in ihrem Alltag dieselben Probleme.

Was wusstest Du über das Leben außerhalb von Mea Schearim? Was für eine Vorstellung hattest Du vom säkularen Israel?

Meine Mutter kam aus einer säkularen, traditionellen Familie. Ich wusste nicht viel über sie und das Israel außerhalb von Mea Schearim. Uns wurde beigebracht, dass die Menschen da draußen ein schlechtes Verhalten haben. Wenn man ein guter Mensch sein möchte, muss man religiös sein, so habe ich das gelernt. Aber als ich zur Armee ging, hatte ich mehr mit nicht-religiösen Menschen zu tun. Ich erkannte, dass nicht alles schwarz-weiß ist. Die Welt ist viel komplizierter. Das war ein Kulturschock für mich. Als ich zur Armee ging, war ich noch ultra-orthodox und als ich dann die Armee beendete war ich zwar noch religiös, aber nicht mehr ultra-orthodox. Ich hatte viel Kritik an der Gemeinschaft.

Was waren deine Kritikpunkte?

Für mich hat sich das Leben in der Gemeinschaft unnatürlich angefühlt. Du möchtest jemand sein, der Du nicht sein darfst.

Du bist zur Armee gegangen, obwohl die meisten Haredim dies ablehnen. Was hat dich dazu bewogen?

Das war, als ich mich von meiner Frau getrennt habe. Ich habe Ablenkung gesucht. Ein Cousin hat mir von der Armee erzählt. Ich wusste so gut wie nichts darüber und bin ins kalte Wasser gesprungen. Ich war da für 20 Monate.

Die Frage, ob auch strenggläubige Juden Wehrdienst leisten sollten, ist so alt wie der Staat Israel und spaltet die Gesellschaft. Ein Großteil der Haredim dient nicht in der Armee, sondern widmet sich ganz dem Tora-Studium. Wie stehst Du zu diesem Thema? Sollte der Armeedienst verpflichtend sein?

Ich denke nicht, dass man die jungen Männer in dieser Kultur zu etwas zwingen kann. Das muss von ihnen selbst kommen, von innerhalb und nicht von außerhalb der Gemeinschaft. Sonst entstehen noch mehr Feindseligkeiten.

Wir kommen noch einmal zu Deinem Ausstieg zurück: Wie ist es Dir gelungen, die religiöse Gemeinschaft zu verlassen. Hattest Du dabei Hilfe?

Die meiste Hilfe erhielt ich an der Uni. Eine Organisation habe ich nicht in Anspruch genommen, aber ich verstehe, warum solche Organisationen für andere Menschen wichtig sind. Es ist eine große Herausforderung, ohne gute Grundbildung nach draußen zu gehen, eine Universität zu besuchen und neu anzufangen.

Du hast also nach der Armee an einer Universität studiert?

Ja, ich habe an einer offenen Universität studiert, es gab keine Bedingungen. Ich habe alles mit Freunden oder anderen Studenten gelernt. An der Uni habe ich auch Englisch gelernt. Zunächst habe ich ein Diplom in Psychologie sowie in Informatik gemacht. Jetzt mache ich meinen Master in Germanistik. Viele streng-religiöse Juden sind in der High-Tech-Szene tätig.

Wie kommt das? Normalerweise haben sie kein Internet oder hat sich das geändert?

Ich denke, das verändert sich. Immer mehr Haredim haben Internetzugang. Das hängt von der religiösen Gruppe ab, davon, was der Rabbi sagt. Wir haben in der High-Tech-Branche einen Arbeitskräftemangel und viele Haredim suchen Arbeit. Mein Unternehmen heißt Elementor. Mein Chef ist Haredi, aber ich habe auch Kollegen, die nicht religiös sind. Mein Bruder hat zum Beispiel keinen Zugang zum Internet, aber seine Frau arbeitet am Computer. Sie erstellt Präsentationen für die Gemeinschaft auf Jiddisch. Wenn sie mal eine E-Mail schicken muss, kommt sie zu mir. Meine andere Schwester hat gar keine Bildschirme im Haus. Sie haben ein Telefon ohne Nachrichten, ohne Internet, da gibt es nur Sprachanrufe.

Du hast also zwei Schwestern und einen Bruder?

Ja, mein Bruder ist Lehrer an einer religiösen Schule. Er hat sechs Kinder. Meine älteste Schwester – sie ist 42 Jahre alt – hat zwölf Kinder und drei Enkelkinder. Meine andere Schwester hat auch sechs Kinder.

Einige von Shays Neffen. Foto: privat

Wir sprechen gerade Englisch, aber Du kannst auch ein bisschen Deutsch. Wie kommt das?

Das kommt, weil wir in der Schule Jiddisch gesprochen haben. Aber jetzt lerne ich Deutsch, das brauche ich für meinen Master. Manchmal ist es verwirrend, es gibt viele Unterschiede zwischen Deutsch und Jiddisch. Aber ich mag Sprachen generell.

Gerade bist Du in Deutschland.

Ja, mich faszinieren die verschiedenen Kulturen. Ich möchte versuchen, die Unterschiede zu verstehen. Ich finde es interessant, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen, ihre Art von Gemeinschaft und auch das Phänomen der Christen zu erleben. Es ist auch sehr interessant für mich, mit Delly zu sprechen. Sie weiß eine Menge. Sie weiß vielleicht mehr über Judaismus als ich. Ich habe das Gefühl, dass ich mit den Menschen hier schon seit Jahren befreundet bin, obwohl ich sie erst diese Woche kennengelernt habe.

Wie hast Du Delly von Christen an der Seite Israels kennengelernt?

Ich habe Delly im Dezember 2021 das erste Mal in Mea Schearim getroffen. Ein Freund hat mir erzählt, dass er Besuch aus Deutschland hat. Da habe ich ihn und seinen Besuch zu mir nach Hause eingeladen. Wir sind auch zu meiner Schwester gegangen. Das war alles sehr spontan.

Magst Du uns etwas über Deine Eltern erzählen? Woher kommen sie? Wurden sie in Israel geboren?

Ja, sie wurden beide in Israel geboren. Der Vater meines Vaters kam aus Polen nach Israel, vor dem Holocaust. Der Vater meiner Mutter stammte aus Marokko und meine Großmutter aus Tunesien. Meine Eltern waren ein besonderes Paar, ein Aschkenase und eine Sephardin, das war einzigartig in unserer Gemeinde. Meine Mutter wurde später religiös.

Vermisst Du etwas aus Deinem Leben in der religiösen Gemeinschaft? Bist Du glücklich mit Deiner Entscheidung, sie verlassen zu haben?

Ja, ich bin glücklich, und ich könnte kein anderer sein. Aber ich denke, es ist wichtig, dass man die Verbindung zur Familie nicht verliert, auch wenn man seinen Lebensstil ändert. Und ich kann sagen, dass die Verbindung zu meiner Familie heute viel enger ist als zu der Zeit, als ich noch Teil der Gemeinschaft war.

Vielen Dank Shay für das offene Gespräch!

Hintergrund: Das ultra-orthodoxe Judentum …

… entwickelte sich Ende des 19. Jh. in Mittel- und Osteuropa als Reaktion auf Assimilation und Reformen im Judentum, bei denen zum Teil radikal mit alten Lebensweisen gebrochen worden war. Die Weltsicht der Ultra-Orthodoxen beruht auf den von Gott gegebenen Gesetzen und deren Interpretationen. Sie verstehen sich als Bewahrer der jüdischen Tradition.

In Israel leben rund 1,18 Millionen „Haredim“ („Gottesfürchtige“). Foto: Dana Nowak

Laut Israels Zentralbüro für Statistik leben im Land rund 1,18 Millionen „Haredim“ (etwa „Gottesfürchtige“), das entspricht 12,6 Prozent der Bevölkerung. Viele Männer widmen den Großteil ihrer Zeit dem Studium religiöser Schriften. Die Beschäftigungsquote bei den Männern lag 2019 bei rund 52 Prozent, bei den Frauen betrug sie 77 Prozent. Die Geburtenrate ist leicht rückläufig und lag 2020 bei durchschnittlich 6,5 Kindern pro Frau. Viele haredische Haushalte leben in Armut. Das Verhältnis der Haredim zum Staat Israel ist gespalten. Eine Minderheit lehnt ihn ab, da ihrer Meinung nach nur der Messias einen solchen errichten darf. Andere Gruppen beteiligen sich hingegen aktiv an der Politik. Alle eint, dass sie staatlichen Einfluss auf ihre Lebensweise ablehnen. Besondere Rechte für Haredim, wie die Befreiung von der Wehrpflicht und staatliche Zuschüsse, führen immer wieder zu Spannungen in der Gesellschaft.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 130. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.