Endlich wieder in Israel sein zu dürfen – für unsere Mitarbeiterin Delly Hezel war das nach anderthalb Jahren Corona-bedingter Zwangspause ein Wunder. Geprägt war diese Reise von berührenden Begegnungen mit wunderbaren Menschen. Kommen Sie mit an die Küchentische Israels!

Von: Delly Hezel

November 2021: Gerade erst hatte Israel seine Tore für Touristen wieder geöffnet – und das auch nur für kurze Zeit –, ich hatte noch fünf Wochen meines Jahresurlaubes übrig und mein Genesenen-Status war noch gültig. So war ich voller Freude und Erwartung, endlich wieder viele meiner israelischen Freunde besuchen zu können.

Ausgangspunkt meiner Begegnungen war das Zuhause von Uri und Lisa in Rischon Le Zion. Von Uri und seiner Familie habe ich Euch in der Ausgabe 127 unserer Zeitung „Israelaktuell“ berichtet – sein Großvater war zu Fuß mit einem Esel vom Jemen nach Jerusalem gekommen. 2020 war ich Uris und Lisas letzter Gast und im vergangenen Jahr ihr erster. Die beiden heißen ihre Gäste in wunderschön ausgebauten Zugwaggons willkommen. Seit einer ganzen Weile schon habe ich ein Bett im Haus der beiden und darf nicht bezahlen. Sie zählen mich zu ihrer Familie.

In Jerusalem galt mein erster Besuch Udi. Auch er ist im Laufe der Jahre für mich zu einem kostbaren Freund geworden. Erst im November hat er seine Galerie im Cardo wieder geöffnet. Da, wo sich früher die Touristenströme durchgeschoben haben, ist es ruhig geworden. An einem Abend, als ich Uri im verlassenen Cardo besuchte, meinte er, ich sei erst die zehnte Person, die heute an seiner Galerie vorbeilaufe. Vor der Pandemie passierte eine solche Anzahl von Menschen in nur wenigen Augenblicken sein Geschäft. Trotz allem ist Udi voller Freude und Zuversicht, und mit ihm zu sprechen ist für mich jedes Mal inspirierend. Udi begegnet den Menschen mit so viel Annahme und Wertschätzung, dass man sich in seiner Gegenwart einfach wohlfühlt.

„So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter …“ (Sacharja 8,4). Foto: Dana Nowak

In diesen fünf Wochen sind die Gassen der Altstadt recht leer, und das liegt nicht nur an den fehlenden Touristen. Arabische Terrorattacken haben wieder zugenommen. Selbst viele Israelis meiden die Altstadt. Anspannung liegt in der Luft. Eliyahu David Kay war erst 26 Jahre alt, als er am 21. November nahe der Klagemauer von einem Hamas-Terroristen erschossen wurde. Er hatte soeben sein Morgengebet beendet und war noch in seinen Gebetsschal gehüllt, als ihn die tödliche Kugel des Terroristen traf. Eliyahu wollte in einem Monat heiraten. Der Mord geschah an der Stelle, an der ich einen Tag zuvor noch gestanden hatte. Es blieb nicht das einzige Erlebnis dieser Art in diesen fünf Wochen. Und doch ist mir Jerusalem so kostbar geworden, mag ich diese Plätze, an denen sich vor meinen Augen biblische Prophetie erfüllt. Zum Beispiel Sacharja 8,4+5: „So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.“

Armee statt Model-Karriere

Im Süden besuche ich Familie BenHar. Sie wohnt in Yated, nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt, in einem kleinen, aber stetig wachsenden Moschav mit 170 Familien. Schaul und Julia kenne ich nun bereits seit fast zehn Jahren. Schon des Öfteren waren sie für Konzerte in Deutschland. Ihr ältester Sohn Ariel begann im November bei der israelischen Armee seinen Dienst. Zwei Tage bevor er eingezogen wurde, war ich noch bei ihnen und wir hatten viel Zeit zum Austausch. Ariel hatte die Möglichkeit, Karriere zu machen und die Armee zu umgehen. Alle großen Agenturen in Israel versprachen ihm eine prächtige Zukunft und wollten ihn als Model haben. Ariel hat sich dagegen entschieden. Was für ein mutiger, aufrichtiger junger Mann er geworden ist. Israel kann stolz sein auf seine Soldaten.

Ariel hätte den Armeedienst umgehen und Model werden können. Foto: privat

Meine Reise führt mich auch in den Norden Israels, zu Basma und ihrem Sohn Noor. Die beiden Drusen waren vor drei Jahren unsere Gäste hier in Altensteig. Basma betreibt ein kleines Restaurant in dem Städtchen Julis. Ihr Mann Marcel ist vor fünf Jahren gestorben, nachdem er dreizehn Jahre im Koma gelegen hatte. Auch er war das Opfer eines Terroranschlages. Er war für die israelische Armee in einem Jeep unterwegs, als eine Bombe das Fahrzeug traf. Marcel konnte damals noch alle drei Kameraden aus dem Auto befreien, bevor er zusammenbrach. Dann hat er seine Augen bis zu seinem Tod nicht mehr geöffnet. Basma war erst zehn Monate mit ihm verheiratet und schwanger mit Noor. Sie bekam keine Unterstützung von der Familie ihres Mannes. Das Geld der Armee ging an die Eltern und Basma musste das Haus verlassen, das sie gerade gebaut hatten. Seither wohnt sie im Haus ihrer Mutter. Aber Basma hat nicht aufgegeben. Sie wurde Konditorin, hat zuerst ein Café eröffnet und dann ein Restaurant. Es war das Erste in Julis. Die Menschen hier freuen sich, diesen Ort zu haben und es ist schön zu sehen, wie auch viele jüdische Israelis das leckere Essen hier genießen.

Ich sehe, wie junge Mädchen zu Basma kommen, sie einfach nur umarmen und sich bei ihr bedanken – dafür, dass Basma den Weg geebnet hat, dass das Leben für Mädchen und Frauen, nicht nur Zuhause stattfindet. Was Basma geleistet hat, war bahnbrechend. Sie jetzt wieder zu besuchen, war wunderbar. Auch Noor ist da, er ist inzwischen stolzer Soldat der israelischen Armee. Basma plant gerade die Eröffnung eines weiteren Restaurants und freut sich schon darauf, uns das nächste Mal dort willkommen zu heißen.

Neben Basma und Noor war auch Yoasch über das CSI-Terroropferhilfsprojekt einer unserer Gäste in Deutschland. Er lebt mit seiner Familie an der jordanischen Grenze in dem kleinen Moschav Kfar Ruppin. Yoasch ist für die Sicherheit dieser Region verantwortlich und in engem Austausch mit der Armee. Im März 2000 lernte ich ihn persönlich kennen. In den wenigen Stunden, die ich bei ihm war, hat er mir nicht nur seine Umgebung gezeigt und mir erklärt, was es bedeutet, hier an der Grenze zu leben, sondern auch ein wenig sein Herz geöffnet.

Yoasch war 2006 als Offizier im zweiten Libanonkrieg und wurde verwundet. Doch viel schwerer wiegt für ihn der Tod „seiner“ zwölf Soldaten. Noch heute leidet er unter dem Trauma, aber inzwischen kann er darüber sprechen, was er viele Jahre nicht konnte. Ich musste Yoasch versprechen, beim nächsten Besuch mindestens einen Tag bei ihm und seiner Familie einzuplanen, soviel gäbe es zu erzählen. Und so war ich auf dieser Reise sogar zwei Tage bei ihnen. Unglaublich, mit welcher Gastfreundschaft ich hier empfangen wurde. Yoasch ist noch immer so dankbar für seine Zeit in Deutschland und diese Dankbarkeit darf ich jetzt genießen. Es geht ihm persönlich wieder wesentlich besser und all das Gute, das er in diesen schweren Zeiten durch andere Menschen erlebt hat, gibt er jetzt der Welt in Vielfachem zurück.

Gemeinsam lachen, gemeinsam weinen

Eine ganz besondere Ehre wurde mir mit einer Einladung zu einem Camp der Koby-Mandell-Foundation zuteil. Koby Mandell war 13 Jahre alt, als er zusammen mit seinem Freund Yoseph in einer Höhle in der Nähe seines Heimatdorfes Tekoa von palästinensischen Terroristen auf grausamste Weise umgebracht wurde. Dies geschah vor zwanzig Jahren. Sherry und Jeff Mandell haben nach seinem Tod die Koby-Mandell-Foundation gegründet, um Kindern nach einem Verlust einen Ort zu bieten, an dem sie verstanden werden. Hier lernen sie andere Betroffene kennen und wissen sich verstanden. Fast zwei Jahre lang konnte wegen Covid19 kein Camp stattfinden und so war es für mich mehr als besonders, dass ich jetzt mit dabei sein durfte. Mehr als 150 Kinder und Jugendliche erlebten hier einen Tag voller Freude, Aktivität und Spiel. Und sie wussten, was sie hier verbindet: Gemeinsam kann man lachen und auch weinen. Mich hat sehr beeindruckt, dass viele der ehemaligen Teilnehmer jetzt zum Mitarbeiterkreis gehören. Eine Frau meinte zu mir: „Falls es einen Himmel auf Erden gibt, dann hier bei den Koby-Camps. Hätte ich diesen Ort nicht gehabt, ich wüsste nicht wie mein Leben verlaufen wäre.“ Meine Zeit reichte nicht aus, um mit allen zu sprechen, die mir ihre tragischen Geschichten erzählen wollten. Viele kamen einfach nur, um sich dafür zu bedanken, dass wir von Christen an der Seite Israels (CSI) diese Camps unterstützen.

Delly Hezel bei einem Camp der Kobi-Mandell-Stiftung. Foto: privat

Frankfurter Kranz bei Chana

Bei Chana in Gescher HaZiv bei Naharija gab es Frankfurter Kranz. Vor einhundert Jahren wurde Chana in Münster geboren. 1938 kam sie mit der Jugend-Alijah nach Israel. Von ihrer Familie haben viele die Schoah nicht überlebt. In Münster wurden Stolpersteine für ihre Familie verlegt. Zu ihrem 100. Geburtstag hat der Bürgermeister von Münster bei ihr angerufen und gratuliert. Ihre Enkelin Scharon ist ganz erstaunt, wie gut ihre Oma deutsch spricht. Viel Gelegenheit dafür hatte sie nicht. Mit Scharon schaue ich alte Fotos der Familie an und übersetze, da die meisten deutsch beschriftet sind. Noch immer sind sie auf der Suche nach Familienmitgliedern, von denen jegliche Spur fehlt.

Besonders schön zu erleben war für mich das Chanukka-Fest. Da es acht Tage lang gefeiert und jeden Abend ein weiteres Licht angezündet wird, war ich mit hineingenommen in die unterschiedlichsten Zeremonien bei den verschiedenen Familien. An einem Abend an der Klagemauer war der frühere Premierminister Benjamin Netanjahu vor Ort und hat eine der Kerzen angezündet. Die Gassen in Jerusalem sind an Chanukka mit vielen Lichtern beleuchtet. Es wird gesungen, getanzt und gefeiert, dass das Licht die Dunkelheit besiegt hat. Fröhlichkeit, Freude und Sufganiot – eine Art Berliner in den verschiedensten Varianten – begegneten mir überall.

Delly Hezel erfreut sich zum Chanukka-Fest an der besonderen Atmosphäre in Jerusalem. Foto: privat

Von dieser Reise gäbe es noch weitaus mehr zu erzählen. Für mich sind die Menschen und Begegnungen in Israel inzwischen zu wertvollen Kostbarkeiten geworden. Und so bewahrheitet sich ein weiterer Vers aus Sacharja 9: „… denn Edelsteine am Diadem sind sie, funkelnd über seinem Land.“

Als CSI-Mitarbeiterin im Team „Humanitäre Dienste“ pflegt Delly Hezel enge Kontakte zu Verantwortlichen und Betroffenen in unseren Hilfsprojekten in Israel.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 128. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: www.csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.