Fragt man Senioren aus der ehemaligen Sowjetunion nach dem 22. Juni, wird sich bei jedem sofort der Blick verdüstern. Es ist der Tag im Sommer 1941, als für sie „der Krieg begann“ – mit dem Einmarsch deutscher Truppen. 85 Jahre ist das her. Auch in Winniza gibt es noch Überlebende, die uns aus dieser Zeit erzählen können.
Von Anemone Rüger
Jüdisches Leben gibt es in Winniza für ukrainische Verhältnisse schon lange: Seit dem frühen 16. Jahrhundert ist in der ukrainischen Gebietshauptstadt eine jüdische Gemeinschaft registriert. Bis zum Ersten Weltkrieg nahmen die örtlichen Pogrome im Zuge nationalistischer Bewegungen zu. Während das religiöse Leben der jüdischen Gemeinde mit der Machtergreifung der Sowjets erstickt wurde, hielt sich ein aktives kulturelles Leben noch bis in die 1930er – mit einem jiddischen Arbeiter- und Bauerntheater, jiddisch-sprachigen Schulen, einem jiddischen Chor und mehreren Zeitungen. Das Viertel „Jerusalimka“ erinnert mit seinem Namen bis heute an die einst starke jüdische Präsenz in der Stadt, die mit mehr als 33.000 Mitgliedern ein Drittel der Stadtbevölkerung ausmachte.
Winniza steht für blutgetränkten ukrainischen Boden wie kaum eine andere Stadt. Bereits 1938 richtete der stalinistische Geheimdienst ein Blutbad an, bei dem er nahezu 10.000 politische Gefangene in Winniza ermordete. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und dem bald folgenden Einmarsch der deutschen Truppen wurde die mittelalterliche Stadt Winniza zu einer Verwaltungszentrale für Tod und Vernichtung. Das Führerhauptquartier Werwolf wurde nur acht Kilometer nördlich im Wald errichtet. Die Juden der Stadt wurden zunächst in einem Ghetto zusammengepfercht.
Tod durch Erschießung und Ersticken
Im April 1942 wurden die Arbeitsfähigen ausselektiert, zu Gleisbauarbeiten gezwungen und nach getaner Arbeit erschossen. 5000 Frauen, Kinder und Alte, darunter auch die Wöchnerinnen der Entbindungsstation des Krankenhauses, wurden erschossen und in ein Massengrab geworfen, die Neugeborenen wurden lebendig begraben. Nach vorsichtigen Schätzungen wurden an die 22.000 jüdischen Bürger durch die deutsch-faschistische Besatzung in Winniza ermordet. Die Massengräber liegen bis heute gut zugänglich mitten in der Stadt, so wie sie damals aufgeschüttet wurden.
Die meisten Holocaust-Überlebenden, die heute in Winniza leben, wuchsen in den umliegenden jüdischen Schtetln auf und zogen erst später in die mit einer deutschen Landeshauptstadt vergleichbaren Gebietshauptstadt. Diese Menschen, die so viel durchgemacht haben, in ihrem Alter zu besuchen, ist für das Team von Christen an der Seite Israels genauso wichtig, wie die materiell bedürftigen jüdischen Senioren mit Lebensmitteln und Medikamenten zu unterstützen.
Alexander – von Polizisten aus dem Dorf verraten
Während Koen Carlier, Leiter der CSI-Arbeit in der Ukraine, mit einigen Mitarbeitern in den stark angegriffenen Norden unterwegs ist, um 600 Lebensmittelpakete in die jüdische Gemeinde zu bringen, stehen für mich und meine Kollegin Alina Besuche auf der Agenda. Es ist erstaunlich, dass wir immer noch neue Überlebende finden, denen wir eine heilsame Berührung der Liebe Gottes bringen können. Erstaunlich ist auch, was für grandiose Blumengestecke für zehn, 15 Euro in einem Land zu haben sind, das sich im akuten Kriegszustand befindet. Vielleicht haben die Menschen gerade deshalb ein großes Bedürfnis, Schönheit zu schaffen und zu teilen.

Den Besuch bei Alexander mussten wir uns verdienen. Bisher hatte seine Frau ihn abgeschirmt. Doch heute haben wir Glück. Alexander ist auf den Beinen und ansprechbar. Nach zwei Infarkten ist er zwar nicht ganz einfach zu verstehen, aber sein Verstand ist klar. Er erzählt von den Großeltern Aron und Sofia Katz, die von örtlichen ukrainischen Hilfspolizisten der Nazis verraten und kurz darauf erschossen wurden. Wie auch er und die Mutter verraten wurden und ins Ghetto Schornischtsche kamen. „Wie Hunde haben wir dort gehaust“, sagt Alexander. „Früher war Schornischtsche ein jüdisches Schtetl gewesen. Nach dem Krieg gab es da nur noch drei Massengräber.“
Sonst erinnert er sich kaum an etwas. Die schweren Jahre nach dem Krieg sind ihm jedoch sehr präsent. „Papa kam verkrüppelt vom Krieg zurück. Er war blind und konnte nicht mehr arbeiten. Ich bin mit Mama immer um Mitternacht aufgestanden. Dann haben wir abwechselnd bis zum Morgen um Essen angestanden, die ganze Nacht. Es gab vier Läden bei uns in Kalinowka und an jedem stand so eine Schlange. 35 Gramm Brot gab es pro Person.“
„Er hat nicht geredet, bis er zehn war“, erzählt Schelja über ihren Mann. „Jetzt holt er alles nach.“ Dann erzählt Alexander auch von den Deutschen, die vor ein paar Jahren zu ihm kamen und ihn auf Knien um Vergebung baten.
Blumen zum Fühlen für Raissa
Auch Raissa sehe ich zum ersten Mal. Hier ist es der Mann, der über ihren Schritten wacht. „Ich habe einen guten Mann bekommen, Grigori“, erzählt uns Raissa. „Er ist Ukrainer. Er kümmert sich sehr um mich. Wir sind seit 64 Jahren verheiratet!“
Als ich merke, dass Raissa offenbar gar nichts mehr sieht, tut es mir fast leid um das üppige Blumengesteck, das wir ihr mitgebracht haben. Dann kommt mir die Idee, Raissa an den Blumen riechen zu lassen. Die nächsten Momente sind filmreif. „Oh, was für ein Bouquet! Ich liebe Blumen!“ Dann streicht Raissa ganz vorsichtig über jede einzelne Blume – die Lilien, die Rose und Nelken, die Orchideen und die Astern. „Was für ein Strauß! Was für wunderbare Blumen! Was für einen Festtag ihr mir bereitet!“

Noichowna heißt Raissa mit Vatersnamen, nach Papa Noich, oder Noah. Die Mama hieß Pessja. Auch hier erübrigt sich die Frage, wer in der Familie jüdisch war. Beide Großväter fielen dem Holodomor, der künstlich herbeigeführten Hungersnot unter Stalin, zum Opfer.
Neun Kinder hatte Großmutter Chowa. Der größte Teil der Familie kam im Todeslager Petschora um. „Ich erinnere mich noch an Schüsse und wie wir uns unter dem Bett versteckt haben“, sagt Raissa. Die kleine Raissa kam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ins Ghetto Mogilow an der moldawischen Grenze. Irgendwann gelang es ihnen zu fliehen. Raissa hat ein unglaubliches Gedächtnis. Jeden Namen, jedes Datum hat sie sich gemerkt. „Ich erinnere mich an den Tag der Befreiung, als die Deutschen sich zurückziehen mussten und unsere Armee kam. Das ganze Dorf hat geweint vor Erleichterung.“
Michail – Kupferpfannen für einen Laib Brot
Michail hat einen perfekten Tisch gedeckt und Salat und Aufschnitt liebevoll auf jedem Teller angerichtet. Er spricht ein herzerwärmendes jiddisches Russisch mit deutschem „R“. Wahrscheinlich sind wir seine ersten Gäste, nachdem er seine Frau begraben hat, mit der er 54 Jahre verheiratet war.
Matwej und Sura hießen die Eltern, beide aus dem Großraum Winniza. „Papa ist gleich an die Front“, berichtet Michail, während er uns bewirtet. „Er ist nicht zurückgekehrt. Ich habe ihn nie kennengelernt. Er wurde als vermisst gemeldet. Das war schlimm, denn dafür bekamen die Witwen keine Kompensation. Aus seiner Familie habe ich keinen einzigen Menschen kennengelernt. Als hätte es sie nie gegeben.“ Gleich zu Kriegsbeginn kam Michail, gerade ein Jahr alt, mit der Mutter ins Ghetto Berschad. Bei einem Bombenangriff wurde ihre Baracke getroffen. „Keine Ahnung, wie wir überlebt haben. Alles ist verbrannt. Ich habe kein einziges Foto von Papa“, sagt Michail.

Der Hunger war so groß, dass Michails Mutter ihre Kupferpfannen gegen eine Laib Brot tauschte. Es gelang ihr, den kleinen Michail zu ihrer Schwägerin aufs Land zu bringen, „damit sie mich dort mit durchfüttern“, so Michail. „Aber dann kamen die Deutschen. Sie haben mich, meine Tante und meinen Cousin Boris erst ins Ghetto Schargorod gebracht, dann ins Todeslager Petschora. Eines Tages hat Tante durch den Zaun einen Polizisten gesehen, den sie kannte. Sie hat ihn bestochen, dass er uns befreit. Sie hatte ein goldenes Medaillon dabei. Er hatte einen Pferdewagen. Mit dem hat er insgesamt neun Kinder rausgeholt.“
Nach der Befreiung kamen die Hungerjahre. „Mama hat hart gearbeitet, um uns am Leben zu erhalten“, erinnert sich Michail. „Sie hat Salz besorgt und es dann auf dem Markt verkauft. Wir haben ihr geholfen, in unseren Galoschen. Schuhe hatten wir keine. Mama musste uns nach dem Krieg neu registrieren lassen. Alle unsere Papiere waren ja verbrannt. Aber das kostete Geld: fünf Kopeken pro Geburtsurkunde. Fünf Kopeken war alles, was Mama hatte. Also konnte sie immer nur ein Kind auf einmal eintragen lassen. Einmal wurden Hilfsgüter verteilt. Da hat Mama für mich ein paar Shorts ergattert. Es waren Männerhosen. Sie waren mir viel zu groß, es sah aus, als hätte ich einen Rock an. Aber es gab nichts anderes. Ich habe sie bis zur sechsten Klasse tragen müssen.“

Michail hätte gern studiert, aber den Luxus konnte sich die Familie nicht leisten. Stattdessen ging er nach der Schule arbeiten, um Geld zu verdienen. Antisemitische Sticheleien waren in seinem Umfeld so sehr an der Tagesordnung, dass er sie erst auf Nachfrage erwähnt.
Ein bisschen Deutsch kann Michail. Das hat er von den Volontären des katholischen Max-Kolbe-Werks gelernt, die regelmäßig in die Ukraine kamen und den Überlebenden einen Erholungsaufenthalt im Sanatorium Chmelnik ermöglichten. Wie schön, dass wir hier anknüpfen und gerade als Deutsche den einsamen Überlebenden ein Stück Heilung bringen können.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
