Alan – Ein Kurde an der Seite Israels

Alan – Ein Kurde an der Seite Israels

Junger Mann vor isralischen Flaggen im Parlament
Alan Wali bei einem Besuch in der Jerusalemer Knesset. Alle Fotos: privat

Er überlebte den IS-Terror im syrischen Kobane und fand Schutz in Deutschland. Heute erhebt der Kurde Alan Wali seine Stimme nicht nur für sein eigenes Volk, sondern auch für Israel und gegen Juden-Hass. Die Geschichte eines jungen Mannes, der Gewalt erlebt hat und nicht bereit ist, bei Unrecht zu schweigen.

Von Dana Nowak

Als Kurden in Syrien war das Leben für Alan und seine Familie nie leicht. Aber als 2014 die Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) einen Großangriff auf die Stadt Kobane und die umliegenden Dörfer in der Provinz Rojava startete, wurde es unerträglich. Von rund 300.000 Kurden war damals die Rede, die in die angrenzende Türkei und von dort aus in die verschiedensten Länder flüchteten. Auch Alan floh. Gemeinsam mit seinem hüftkranken Bruder machte er sich auf den Weg nach Deutschland. 2019 kamen Mutter und Vater nach.

„Es war furchtbar als der IS unsere Stadt angriff. Ich arbeitete als Freiwilliger bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond und war nach Angriffen vor Ort, um den Verletzten zu helfen. Ich werde nie vergessen, wie ich nach einem Bombenangriff nahe einer Schule geflohen bin. Um mich herum sterbende Menschen, zerfetzte Kinder.“ Alans Stimme stockt als er weitererzählt. „Ich rannte. Und dann kam eine zweite Bombe. Das war typisch für den IS: Erst ein Angriff und wenn Helfer kommen, folgt der nächste. Meine Familie hat versucht, den Verletzten und den Flüchtlingen so gut wie möglich zu helfen. Wir haben Hilfsgüter verteilt, wir hatten ein schönes Haus. Aber wir haben alles verloren, das Haus wurde zerbombt.“

„Also rannte ich um mein Leben …“

Die Erinnerungen an damals verfolgen Alan bis heute. Besonders ein Erlebnis hat sich ihm eingebrannt: Während der Belagerung Kobanes fehlte es dort vor allem an Nahrung und Medikamenten. Sein Bruder brauchte dringend Medizin. Alan wurde losgeschickt, um sie aus der Türkei zu besorgen. Der Weg dorthin führte durch ein vermintes Grenzgebiet. „Ich hatte solche Angst, aber ich bin einfach gelaufen.“

Auf der türkischen Seite wurde er von Armeeangehörigen festgenommen. „Sie haben mich geschlagen. Ich habe ihnen erklärt, dass ich nur Medikamente brauche.“ Aber der Chef der Truppe zerriss das Rezept und schickte ihn zurück. „Er sagte, er zähle bis drei, dann werde er schießen. Also rannte ich um mein Leben. Wieder durch die Minen. In dem Moment vergisst man den ganzen Schmerz, weil die Angst so groß ist. Die Türken haben geschossen, aber ich habe es geschafft. Auf der anderen Seite warteten meine Onkel. Sie haben das Feuer erwidert. Ich war am ganzen Körper verletzt und musste lange im Krankenhaus behandelt werden.“

Juden und Kurden: „Beide Völker mussten viel Leid erdulden“

Als Kurde sei er mit Ausgrenzung und Hass aufgewachsen, erzählt Alan. Mit dem jüdischen Volk fühle er sich daher besonders verbunden. „Juden und Kurden haben eine ähnliche Geschichte, beide Völker mussten viel Leid erdulden. Die Araber hassen uns Kurden, die Türken hassen uns, das iranische Regime hasst uns. Unsere Feinde wollen unseren Tod. Wir können uns auf niemanden verlassen.“

Eine Erklärung für den Hass sieht Alan unter anderem in der geopolitischen Bedeutung der von Kurden bewohnten Gebiete: „Das Gebiet, in dem die Kurden im Irak, in Syrien, in der Türkei und im Iran leben, ist sehr reich an Öl. Es hat strategisch wichtige Berge und bedeutende Flüsse. Die Länder wollen diese Gebiete nicht für einen kurdischen Staat aufgeben. Kurdistan wäre dann hinter Israel das stärkste Land im Nahen Osten.“

Dankbarkeit für Deutschland

An den Tag seiner Ankunft in Deutschland kann sich Alan noch genau erinnern: „Es war der 15. August 2015 um 18 Uhr. Ihr Weg in die Bundesrepublik führte die Brüder von der Türkei mit einem Boot nach Griechenland, dann über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Passau in Deutschland. Dass es Deutschland sein sollte, stand für Alans Familie beim ersten Gedanken an Flucht fest. „Schon für unsere Großeltern war Deutschland heilig. Es ist nach Kurdistan das Gebiet, in dem die meisten Kurden leben. Ich bin so dankbar, dass Deutschland mich aufgenommen hat, dass ich durch Deutschland die Welt entdecken darf. Ich darf mich hier frei bewegen, meine Meinung sagen, meine Religion frei leben.“

Von Anfang an war Alan beflissen, sich in Deutschland zu integrieren. Er spricht fließend Deutsch, hat eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer und Wasserretter gemacht und ist Ausbilder für Erste Hilfe sowie für Rettungsschwimmer. Derzeit ist er in einer Fortbildung zum Sprach- und Integrationsvermittler. Wie schon in Syrien bringt er sich auch in Deutschland ehrenamtlich ein und ist stolzes Mitglied der CSU.

Mann am Meer mit DLRG-Surfbrett
In Deutschland hat Alan Ausbildungen zum Rettungsschwimmer und Wasserretter gemacht. In dieser Funktion bringt er sich weltweit auch immer wieder ehrenamtlich ein.

Ob er nach Syrien zurückkehren würde? „Nein, nur nach Kurdistan“, antwortet er entschlossen. Einen eigenen Staat für sein Volk oder wenigstens ein autonomes Gebiet, das ist seine Hoffnung. „Ich wünsche mir, dass die Juden in Israel und wir Kurden in einem kurdischen Staat in Freiheit und Frieden leben können, ohne Angst vor radikalen Muslimen.“

Einen Einblick in das Leben in Israel erhielt Alan, als er in Tel Aviv an einem Kongress für den Umgang mit Minderheiten in Syrien teilnehmen durfte. Noch heute ist er tief bewegt von einem Treffen mit dem Präsidenten der jüdischen Gemeinschaft Kurdistans in Israel, Yehuda Ben-Yosef. „Er ist einfach rund um die Uhr für uns Kurden da und unterstützt uns. Ich danke Gott, dass er einen Menschen wie ihn in die Welt gesetzt hat.“

Seine erste Reise nach Israel hat bei Alan tiefen Eindruck hinterlassen: „Ich bewundere Israel. Ich habe schon viele Länder gesehen, aber was ich in Israel erlebt habe, gibt es so nicht noch einmal auf der Welt. Hier leben alle wie Brüder zusammen, Weiße und Schwarze, die Hautfarbe spielt keine Rolle. Nachts auf den Straßen ist es dort sicherer als hier in Europa.“

Ein Aktivist für Israel

Alan hat keine Angst, seine Solidarität mit Israel und dem jüdischen Volk öffentlich in Deutschland zu zeigen. „In Deutschland habe ich keine Angst. Die habe ich nur um meine Familie in Syrien. Ich bin ein Aktivist für Israel und für die Kurden. Ich kämpfe nicht mit einer Waffe in der Hand. Aber ich gehe hier für Demokratie und Freiheit auf die Straße, auch wenn ich dafür von anderen Menschen gehasst werde. Wir leben nur einmal und in diesem Leben sollten wir bei Unrecht nicht schweigen.“

In Israel – wo zwischen 200.000 und 300.000 jüdische Kurden leben – habe er erlebt, dass Juden, Kurden, Christen, Muslime und Drusen wie Brüder zusammenlebten. Die Palästinenser, die außerhalb Israels lebten, seien jedoch radikaler als die in Israel, meint Alan. „Ich habe mit Palästinensern in Israel gesprochen und sie sagten, dass sie Israel lieben. Und dann kommst du nach Deutschland und siehst diese ganzen palästinensischen und muslimischen Israel-Hasser. Da kann ich nur sagen: Mensch, fliegt doch mal nach Israel und macht euch ein echtes Bild! Ich möchte das nicht akzeptieren und finde es schlimm, dass so viele EU-Bürger hier mitmachen und sich mit Radikalen verbünden.“

Zwei Männer vor israelischer Flagge
Auf seiner ersten Israel-Reise traf Alan (r.) den Präsidenten der jüdischen Gemeinschaft Kurdistans, Yehuda Ben-Yosef.

„Bitte lasst die Kurden nicht im Stich“

In die Begeisterung für Israel mischt sich bei Alan auch ein bisschen Enttäuschung. „Es ist schade, dass sich die israelische Regierung nicht auch offiziell hinter uns Kurden stellt. Israel hat den Drusen in Syrien geholfen und ich wünschte, dass es auch den Schmerz meines Volkes klar benennt. Wenn Israel die Kurden verteidigen würde, könnte niemand mehr etwas gegen uns unternehmen, auch die Türkei nicht. Wir Kurden lieben Israel, auch wenn wir das nicht überall in der Öffentlichkeit sagen können, weil wir in anderen Ländern noch unterdrückt werden, wie im Irak.“

Dennoch hat Alan eine klare Botschaft für das jüdische Volk: „Wir stehen an eurer Seite, in guten und in schlechten Zeiten. Wir sind wie Brüder. Bitte lasst die Kurden nicht im Stich. Wir kämpfen für die Freiheit Kurdistans, so wie ihr für die Freiheit Israels gekämpft habt und immer wieder kämpft. Und ganz besonders die Kurden im Iran brauchen euch jetzt!“

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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