Christlicher Zionismus – Gottes Verheißungen sind keine Bildsprache

Christlicher Zionismus – Gottes Verheißungen sind keine Bildsprache

Christlicher Zionismus ist keine rein geopolitische Frage, sondern berührt zentrale Verheißungen der Bibel, sagt Rabbiner Dr. Raphael Evers. Foto: Eduardo Castro | Pixabay

Wer christlichen Zionismus als „schädliche Überzeugung“ bezeichnet, sagt letztlich weniger über Israel als über das eigene Gottesbild. Denn sobald die jüdische Selbstbestimmung im Land Israel als theologisches Problem angesehen wird, stellt sich eine tiefgreifendere Frage: Ist Gott verlässlich oder sind seine Worte verhandelbar? Und dahinter verbirgt sich eine noch schärfere Frage: Darf der Mensch bestimmen, wann Gott seine eigenen Verheißungen erfüllt?

Ein Gastbeitrag von Rabbiner Dr. Raphael Evers, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck

Hier steht weder ein politisches Programm zur Diskussion noch ein aktueller Machtkampf oder eine geopolitische Strategie. Was hier wirklich auf dem Spiel steht, ist die Glaubwürdigkeit der Bibel selbst. Der christliche Zionismus ist keine Ideologie, sondern eine Glaubenshaltung: das Vertrauen, dass Gott nicht zweideutig spricht. Dass er sagt, was er meint, und tut, was er verspricht. Konkret: Dass er sein Volk in sein Land zurückbringt.

In der Bibel ist das Land Israel keine Nebensache oder ein symbolisches Detail. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Von Abraham bis Mose, von den Propheten bis zu den späteren Schriften erklingt immer wieder dieselbe Verheißung: Gott bringt Israel in sein Land. Ein Versprechen, das wiederholt, bekräftigt und niemals widerrufen wird. Dieses Versprechen wird ausdrücklich als dauerhaft beschrieben. Wer behauptet, es sei hinfällig, verallgemeinert oder ersetzt worden, braucht nicht nur einen einzelnen Text neu zu interpretieren, sondern muss eine überwältigende Menge biblischer Passagen wegdiskutieren. Deshalb geht diese Diskussion so hoch her.

Die Leugnung von Israels Recht auf das Land ist keine harmlose Nuance. Sie erfordert eine Lesart, bei der Gottes eigene Worte kirchlichen Systemen oder modernen Empfindlichkeiten untergeordnet werden. Genau da liegt für viele Christen der Haken: Bei der Überzeugung, dass die Schrift Autorität hat, gerade wenn sie mit unseren Vorlieben kollidiert. Gott ist ein Fels, kein Treibsand Der christliche Zionismus stammt nicht aus Endzeit-Spekulationen oder politischer Sympathie, sondern aus einem bestimmten Gottesbild. Einem Gott, der einem konkreten Volk, das mit einem konkreten Ort verbunden ist, konkrete Verheißungen gibt und diese Verheißungen trotz menschlicher Unzulänglichkeiten erfüllt.

Die Propheten beschreiben die Wiederherstellung Israels nicht als Belohnung für moralische Vollkommenheit, sondern als einen Akt göttlicher Treue, „um meines Namens willen”. Die Existenz Israels sagt daher zuerst etwas darüber aus, wer Gott ist, und erst danach etwas über das jüdische Volk. Dies trifft den Kern des christlichen Glaubens. Denn wenn Gott seine Verheißungen an Israel schließlich aufgibt, worauf sollten Christen dann noch vertrauen, wenn es um Erlösung und Zukunft geht? Ein Gott, der sein Wort aufgibt, sobald die Geschichte kompliziert wird, ist kein fester Fels, sondern Treibsand.

Auch die biblische Zukunftsvision bleibt auffallend konkret. Es ist nicht von einem vagen Reich die Rede, das losgelöst von Zeit und Ort ist. Ebenso wenig von einer symbolischen Rückkehr nach Rom oder einer abstrakten Idee. Die Schrift spricht von Jerusalem. Von einer Stadt. Von einem Ort in der realen Welt, in Zeit und Raum.

Kritiker behaupten oft, der christliche Zionismus sei unkritisch und blind gegenüber Ungerechtigkeit. Das ist eine vereinfachende Karikatur. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels ist kein Freibrief für jede politische Entscheidung. Die Liebe zueinem Volk oder Land hebt die moralische Prüfung nicht auf, sondern schärft sie vielmehr. Recht und Gerechtigkeit gelten für alle.

„Gottes Treue ist stärker als menschliche Systeme“

Ebenso unangebracht ist die Behauptung, dass Unterstützung für Israel automatisch Feindseligkeit gegenüber Arabern oder Muslimen bedeute. Wer wirklich glaubt, dass jeder Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, kann keinen Unterschied in der Würde machen. Frieden und Menschlichkeit für alle Bewohner des Landes stehen nicht im Widerspruch zur biblischen Treue, sondern ergeben sich gerade daraus. Die bittere Ironie besteht darin, dass gerade eine jahrhundertealte Tradition der Leugnung und des Ersatzdenkens nun an einem lebendigen jüdischen Staat scheitert.

Alle Formen des Ersatzdenkens stoßen hier auf dieselbe Realität: Das jüdische Volk ist zurück. Nicht als Idee oder Symbol, sondern als Nation. Das macht den christlichen Zionismus nicht zu einer Ideologie, sondern zu einem Zeugnis. Ein Zeugnis dafür, dass Gottes Verheißungen keine Bildsprache sind. Dass seine Bündnisse keine abgelaufenen Verträge sind. Und dass seine Treue stärker ist als menschliche Systeme.

Wer dies als „schädlich” bezeichnet, muss die Frage beantworten: schädlich für wen? Nicht für die Schrift. Nicht für das jüdische Volk. Dies ist keine gefährliche Lehre. Dies ist die Zuverlässigkeit Gottes, sichtbar in der Geschichte.

Rabbiner Dr. Raphael Evers ist in Amsterdam geboren, diente als Oberrabbiner der niederländischen Gemeinde, war viele Jahre Oberrabbiner in Düsseldorf und lebt seit 2021 in Israel.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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