Die Bergpredigt ist die erste große Rede, die Jesus gehalten hat. Gleich zu Beginn stehen die Seligpreisungen. Das Wort „selig“ bedeutet „glücklich“. Die Seligpreisungen beschreiben also Wege zum Glück, wie Jesus sie lehrt. In dieser Serie beleuchten wir die einzelnen Seligpreisungen. Dabei versetzen wir uns in die Hörer der Bergpredigt hinein: Juden zur Zeit Jesu. Wie haben sie die Seligpreisungen wohl verstanden?
Von Kees de Vreugd, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. (Matthäus 5,6)
Auf den ersten Blick könnte man meinen, es gehe hier um Menschen, die Ungerechtigkeit erfahren oder Not leiden. So gibt Lukas es auch wieder: „Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden” (Lukas 6,21), genau wie in der vorangegangenen Seligpreisung: „Selig seid ihr Armen …” Lukas spricht von einer Situation „sozialer Ungerechtigkeit”.
Es geht um konkrete, materielle Not: Hunger, Armut. Jesus verspricht in der Seligpreisung, dass diese Not beseitigt wird. Es stellt sich die Frage, ob dies die einzig mögliche Auslegung ist. Es scheint eher zu Matthäus zu passen, einen anderen Ansatz zu suchen. Gewiss, Matthäus wird die konkrete Not nicht leugnen. Doch in seinem Evangelium steht alles im Zeichen der Erfüllung der Tora. Gerechtigkeit ist daher in der Bergpredigt und an anderen Stellen bei Matthäus ein Begriff mit aktivem Inhalt. Das beginnt bereits in Matthäus 3,15. Dort sagt Jesus zu Johannes dem Täufer, der der Meinung ist, dass er von Jesus getauft werden sollte: „Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.” Zu diesem Satz gibt es viel zu sagen. Für den Moment genügt es aber festzustellen, dass Gerechtigkeit erfüllt wird, also aktiv ausgeübt wird.
Was ist dann Gerechtigkeit? Den Hintergrund bildet das hebräische Wort „Tzedaka”. Das kann juristische Gerechtigkeit bedeuten, hat aber im Neuen Testament bereits den Beigeschmack von Nächstenliebe angenommen, den es im Judentum bis heute hat. Es geht darum, jemandem in Not, dem Armen, dem Bedürftigen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nach Gerechtigkeit hungern und dürsten ist daher nicht in erster Linie das intensive Verlangen, Gerechtigkeit zu empfangen, sondern vor allem, Tzedaka zu tun. Diejenigen, die das tun, werden gesättigt werden. Diese Sättigung besteht in nichts Geringerem als dem Himmelreich (Matthäus 5,10+20).
Wer mit jüdischen Ohren jener Zeit zuhört, hört das auch in Psalm 17,15: „Ich aber werde durch Gerechtigkeit (im Sinne von Nächstenliebe) dein Angesicht schauen; ich werde, wenn ich erwache, mit deinem Bild gesättigt werden.”
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Matthäus 5,7)
Barmherzigkeit ist eine konkrete Umsetzung der Gerechtigkeit, wie sie im biblischen Sinne verstanden wird. Immer wieder lehrt Jesus, dass dies die höchste Form des Gehorsams gegenüber der Tora ist, doch er verdeutlicht dies auf ganz besondere Weise. Als man ihn darauf anspricht, dass er mit Zöllnern und Sündern isst, zitiert er Gottes Wort nach dem Propheten Hosea (Hosea 6,6; Matthäus 9,13): „Geht hin und lernt [eine typisch rabbinische Aufforderung], was es bedeutet: ‚Ich will Barmherzigkeit und kein Opfer.‘“ Noch einmal zitiert er diese Worte, als die Pharisäer ihn dafür tadeln, dass die Jünger am Sabbat Ähren pflücken (Matthäus 12,1–8). Dieser Tadel ist umso auffälliger, wenn man bedenkt, dass es an jenem Sabbat niemanden gab, der Jesus und seinen Jüngern Gastfreundschaft angeboten hätte.
Das dritte Mal, dass Jesus auf das Wort Gottes aus Hosea anspielt, ist in seiner Rede an die Pharisäer: „Das Wichtigste in der Tora ist das Recht und die Barmherzigkeit und der Glaube.” (Matthäus 23,23) Das bedeutet jedoch nicht, dass der Rest (wie der Zehnte u. ä.) keine Rolle mehr spielt. Jesus sagt: „Das sollt ihr tun, ohne das andere zu vernachlässigen.” Die Barmherzigkeit, zu der Jesus in diesen Beispielen aufruft und die er selbst zeigt, ist nicht billig. Sie führt zur Umkehr des Sünders und damit zur tieferen Erfüllung der Tora. Das ist der Kern seiner Mission.
Der Aufruf zur Barmherzigkeit ist jüdischen Ohren vertraut. „Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem HERRN; und der HERR wird ihm seine Wohltat vergelten.” (Sprüche 19,17) Wer barmherzig ist, spiegelt Gottes Barmherzigkeit wider, denn Gott ist der Barmherzige: „Gnädig und barmherzig ist der Herr.” (Psalm 145,8) In der rabbinischen Tradition ist ein Ausspruch von Rabban Gamaliel (Ende des ersten Jahrhunderts) bekannt: „Immer, wenn du barmherzig bist, wird der Barmherzige sich deiner erbarmen.“
Abschließend verweise ich noch auf Jakobus, der so viel aus der Bergpredigt in seinen Brief aufgenommen hat: „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der nicht Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.” (Jakobus 2,13)
Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2 dieser Serie.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
