Die Bergpredigt ist die erste große Rede, die Jesus gehalten hat. Gleich zu Beginn stehen die Seligpreisungen. Das Wort „selig“ bedeutet „glücklich“. Die Seligpreisungen beschreiben also Wege zum Glück, wie Jesus sie lehrt. In dieser Serie beleuchten wir die einzelnen Seligpreisungen. Dabei versetzen wir uns in die Hörer der Bergpredigt hinein: Juden zur Zeit Jesu. Wie haben sie die Seligpreisungen wohl verstanden?
Von Kees de Vreugd, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck
„Glückselig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Matthäus 5,8)
Auch in dieser Aussage Jesu schwingt der Inhalt der hebräischen Bibel deutlich mit. Die Worte „reinen Herzens sein“ erinnern an die Psalmen: „Fürwahr, Gott ist Israel gut, denen, die reinen Herzens sind.“ (Psalm 73,1) Psalm 24 beantwortet die Frage, wer den Berg des HERRN besteigen darf, um Gott zu begegnen: „Wer unschuldige Hände und ein reines Herz hat, er, der seine Seele nicht auf Falsches gerichtet und nicht zum Betrug geschworen hat.“ (Vers 4) Rein und reinen Herzens zu sein, hat mit Aufrichtigkeit zu tun. Wenn wir uns noch einmal vor Augen führen, dass die Seligpreisungen auf ein Leben nach Gottes Willen ausgerichtet sind, also ein Leben im Gehorsam gegenüber der Tora, dann ist es genau das, worum es bei einem reinen Herzen geht.
Doch in Psalm 73 fragt sich Asaf (der Psalmist) anschließend, ob er sein Herz nicht umsonst gereinigt habe. Er hadert damit, dass es den Gottlosen scheinbar immer gut geht, während die Frommen Unglück erleben. Damit kommen wir vielleicht auch jenen Menschen nahe, die Jesus im Sinn hat.
Die im Herzen Reinen werden Gott sehen. Doch „kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“, hatte Gott zu Mose gesagt (2. Mose 33,20). Mit anderen Worten: Um Gott zu sehen, muss man sterben. Und doch sprechen viele Texte vom Schauen auf Gott. In Psalm 24 und Psalm 73 ist dies das Erfahren Gottes im Tempel. In Psalm 17,15 heißt es: „Ich aber, ich werde dein Angesicht schauen in Gerechtigkeit, werde gesättigt werden, wenn ich erwache, mit deinem Bild.“
Im Midrasch (in der rabbinischen Auslegung) wird Psalm 24 auf Abraham bezogen. Er trat bei Gott für die Menschen von Sodom ein. Daraus ging hervor, dass er reinen Herzens war. Später sagte Gott zu ihm: „Nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist.“ (1. Mose 22,12) Im Hebräischen sind die Wörter „fürchten“ und „sehen“ fast gleich. Könnte Jesus darauf angespielt haben? Der, der reinen Herzens ist, ist der Gottesfürchtige, dem Gott erscheint: „Und Abraham nannte die Stätte ‚Der HERR sieht.‘ Daher sagt man noch heute: Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt.“ So heißt es wörtlich in 1. Mose 22,14.
„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.” (Matthäus 5,9)
Die Seligpreisungen bieten weitreichende Perspektiven, sind aber ganz konkret auf den Umgang miteinander und auf die persönliche Lebenseinstellung ausgerichtet. Und sie sind tief im biblischen und jüdischen Leben verwurzelt. Frieden stiften ist eine jüdische Tugend, denn Gott selbst wird in der Bibel „Friede“ genannt: „Da baute Gideon dem HERRN dort einen Altar und nannte ihn ‚Der HERR ist Friede.‘“ (Richter 6,24)
In der jüdischen Überlieferung gilt Aaron als Paradebeispiel für jemanden, der stets versuchte, Frieden zu stiften. Von Hillel, einem jüdischen Gelehrten aus der Zeit der Kindheit Jesu, ist folgender Spruch überliefert: „Sei wie einer der Söhne Aarons, der Frieden suchte und dem Frieden nachging.“ (vgl. Psalm 34,15) Mit anderen Worten: Strebe auch selbst nach Frieden, indem du Frieden zwischen den Menschen stiftest. Dies ist im Sinne Hillels die wichtigste Aufgabe eines jüdischen Lehrers und Richters, denn der Spruch geht noch weiter: „Er liebte die Menschheit und brachte sie der Tora näher.“ Das ist also die Art und Weise, wie man Frieden stiftet. Auch Jesus tut dies selbst im Matthäusevangelium. Die gesamte Bergpredigt ist darauf ausgerichtet.
Mir ist schon einmal der Gedanke gekommen, dass Jesus bemerkt haben muss, dass sich unter seinen Jüngern auch einige Hitzköpfe befanden. Jakobus und Johannes wurden von Jesus als „Söhne des Donners“ bezeichnet, weil sie laut Lukas 9,54 Feuer vom Himmel auf das Dorf in Samarien herabfallen lassen wollten, in dem Jesus der Zutritt verweigert worden war. Petrus zog sein Schwert. Und die Beinamen von Persönlichkeiten wie Judas, der Iskariot und Simon, der Kanaanäer (Matthäus 10,4) könnte man mit jüdischen Widerstandsbewegungen in Verbindung bringen, die von Flavius Josephus erwähnt werden.
Friedensstifter werden Kinder Gottes genannt werden. Das ist in erster Linie eine Bezeichnung für Israel selbst: „Ihr seid Kinder des Herrn.“ (5. Mose 14,1) Sie stehen in einer besonderen Beziehung zum Ewigen und spiegeln etwas von ihm wider, der selbst der große Friedensstifter ist. Das sagt einer der Freunde Hiobs: „Herrschaft und Schrecken sind bei ihm, der Frieden schafft in seinen Höhen.“ (Hiob 25,2) Diese Worte schließen das Kaddisch-Gebet ab: „Der in seinen Höhen Frieden stiftet, er schaffe auch uns und ganz Israel Frieden.“
Lesen Sie auch Teil 1, Teil 2 und Teil 3 dieser Serie.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 146. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
