In enger Kooperation mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ZWST besuchen Christen an der Seite Israels Holocaust-Überlebende in den Treffpunkten, um die sich ihr gesellschaftliches Leben dreht. Immer wieder sind es kostbare Stunden mit tief verwundeten Menschen.
Von Anemone Rüger
Gastgeberin Tanja begrüßt die Überlebenden und die „besonderen Gäste“ im Berliner Treffpunkt der Holocaust-Überlebenden mit dem Hinweis auf den, der Hoffnung gibt. „Es sind schwere Zeiten, so viele Kriege, wohin wir schauen. Wir sorgen uns um unsere Angehörigen in Israel. Aber wir wenden uns immer zu Gott. Wir haben 150 Psalmen, die wir beten können. So wie es in Psalm 126 heißt: ‚Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher meine Hilfe kommt.‘ So haben es unsere Vorfahren gesungen, wenn sie die Treppen zum Tempel in Jerusalem emporgestiegen sind. Und genauso wollen auch wir in diesen schweren Zeiten unseren Blick zu Gott aufheben, denn von ihm kommt unsere Hilfe.“
Und so machen wir es, mithilfe von Musikvideos aus Israel. Wir gehen von Tisch zu Tisch, sprechen hier und da ein paar Worte miteinander, umarmen, drücken eine Hand, trösten. Dann gibt es Blumen. Herrliche, üppig gebundene Sträuße und dazu die Grüße der vielen CSI-Unterstützer, die dahinterstehen. Sie verfehlen ihre Wirkung nicht. „So etwas hat es bei uns überhaupt noch nie gegeben!“, hören wir von vielen Seiten.

Für die Männer gibt es eine besondere Überraschung. Die „Blumen“ beziehungsweise Kräuter für die Herren haben wir vom Magdeburger Domkaiser in Likörflaschen abfüllen lassen, ergänzt durch die mit Schokolade gefüllten Magdeburger Halbkugeln. Jedes dieser glücklichen Gesichter der Beschenkten ist die Anreise mit all den Koffern und Taschen wert gewesen!
„Nur für ein paar Wochen“
Galina und Igor sitzen ganz still da. Sie singen nicht mit und regen sich auch bei den animierten Bewegungstänzen im Sitzen kaum. Auf ihnen scheint eine besondere Schwere zu lasten. Mit Deutsch kommen wir hier nicht weit. Als wir Russisch anbieten, hellt sich Galinas Mine auf und wir erfahren, warum sie so schweigsam sind.
„Wir kommen aus Saporischschja“, erklärt Galina. „Nein, wir sind noch nicht so lange hier. Aber viel länger, als wir wollten. Als der Krieg anfing im Februar 2022, sind wir mit unserer Tochter zusammen hergekommen, um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen.“
Igor und Galina, die seit mehr als 60 Jahren verheiratet sind, packten schnell ein paar Sachen zusammen – für ein paar Wochen. „Wer hätte sich vorstellen können, dass wir vier Jahre später immer noch hier sind!“, so Galina. „Deshalb haben wir auch nicht gleich Deutsch gelernt. Wir dachten, das ist alles schnell wieder vorbei. Inzwischen haben sich die Kinder gut eingewöhnt, sie kommen auch mit der Sprache gut zurecht. Aber für uns ist es sehr, sehr schwer. Die Sprache nicht zu können, ist ein großes Handicap. Wenigstens können wir uns hier im Treffpunkt verständigen und ein bisschen zu Hause fühlen.“
Die Wohnung in Saporischschja ist noch da, die Nachbarn schauen ab und zu vorbei. Doch an eine Rückkehr ist bis auf Weiteres nicht zu denken – zu nah ist die Front dort, zu groß die Gefahr eines GAUs am nahegelegenen Atomkraftwerk. Es ist der zweite Krieg, den die beiden überleben.
Kindheit im Ghetto
„Einmal kamen Ehrenamtliche aus Deutschland nach Saporischschja, die haben uns zur Erholung in ein Sanatorium in Chmelnik eingeladen, das ist bei Winniza“, beginnt Igor zu erzählen. Eingeladen waren Überlebende des Holocaust.
Igor wurde 1940 in Balta bei Odessa geboren. Balta, dieser Ort hat keinen guten Klang. Eins der schlimmsten Lager, wie ich aus den Erzählungen der Überlebenden weiß. „Ich war dreieinhalb Jahre dort im Ghetto“, erzählt Igor. „Unsere ganze Familie war da, außer Papa, der war bei den Partisanen. Also Mama mit mir – ich war ja noch ein Säugling, ihre Schwester mit meinem Cousin, Opa und Oma. Mama hieß Eugenia, Papa hieß David. Oma hieß Gita. Opa weiß ich nicht mehr. Er wurde gleich erschossen.“ Dann kam der Moment, der für alle das Ende hätte bedeuten können.
Nächtliche Flucht
„Eines Tages haben sie uns alle in eine Scheune getrieben: Mama und mich und meine Tante mit meinem Cousin, und viele andere aus dem Lager. Meine Tante war eine Kämpferin. Sie hat ein paar Leute gefunden, die in der Nacht einen Ausgang unter der Scheunenwand gegraben haben. Durch dieses Loch sind wir dann entkommen. Manche sind geflohen, manche sind geblieben – sie wussten ja nicht, was sie erwartet.“ Am nächsten Tag wurde die Scheune von den Besatzern angezündet. Alle, die zurückgeblieben waren, kamen um.
Kurz vor Kriegsende wurde der Partisanentrupp, in dem auch Igors Vater David kämpfte, von Ortsansässigen verraten. „Sie wurden alle in Balta erschossen und in ein Massengrab geworden, 26 Menschen“, erzählt Igor. „Am nächsten Tag wurden die Frauen benachrichtigt, dass sie sich die Leichen holen können, um sie zu begraben. So hat meine Mutter meinen Vater gefunden. Heute gibt es dort ein Denkmal.“

Erst Flucht vor den Deutschen, dann Flucht nach Deutschland
Bald danach war der Krieg zu Ende. Doch ein Zuhause gab es für Eugenia und ihren kleinen Sohn nicht mehr. „Eine der ersten Bomben, die gefallen ist, hat unser Haus getroffen“, berichtet Igor. „Wir haben uns irgendwie durchgeschlagen – erst in einem Auffanglager, dann bei Bekannten.“ Seine ukrainische Frau lernte Igor beim Studium in Odessa kennen. „Und sie hat mich dann in ihre Heimatstadt Saporischschja entführt“, so Igor mit einem Augenzwinkern.
„Wir sind dankbar für alle Hilfe, die wir hier in Deutschland bekommen, wir beklagen uns nicht“, sagt Galina zum Schluss. „Wir beten, dass der Krieg bald zu Ende ist.“ Dann wollen die beiden Fotos machen mit uns. Gute Erinnerungen bedeuten so viel, wenn man mehr als einmal im Leben alles verloren hat. Eng an eng passen die Gesichter gerade so in den Selfie-Rahmen.
Die Karte in Igors Überraschungstüte von CSI erinnert ihn, nach all dem, was er durchgemacht hat: „Du wirst eine schöne Krone sein in der Hand deines Gottes.“ (Jesaja 62,3)
Hier lesen Sie die Geschichte der Schoah-Überlebenden Rita: Blumige Grüße: Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden in Berlin
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