Als die Hamas am 7. Oktober 2023 ein brutales Massaker in Israel verübte, standen viele Israelis miteinander in Kontakt – Eltern und Kinder, Nachbarn, Freunde, Dorfgemeinschaften. Über WhatsApp warnten sie vor der Gefahr, alarmierten Einsatzkräfte, teilten ihre Ängste. Die Organisation „710 Memorial“ sammelt diese digitalen Momente und gibt mit den Chatverläufen Einblick in die individuellen Schicksale der Betroffenen.
Von Dana Nowak
Sie sollen nicht in Vergessenheit geraten – die persönlichen Schicksale des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 in Südisrael. Zehntausende Menschen waren von dem Großangriff direkt betroffen und wurden evakuiert, 1200 Menschen wurden ermordet, mehr als 5000 zum Teil schwer verwundet und über 250 Personen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Mensch, ein Schicksal.
Die Organisation „710 Memorial“ möchte auf das individuelle Leid aufmerksam machen und lädt daher Betroffene ein, ihre Chatverläufe einzureichen. Sie möchte diese Erinnerungen als „lebendiges Archiv“ für die Nachwelt festhalten. Auf der Website www.710memorial.org/de/their-stories-de finden sich originale Chatverläufe und Sprachnachrichten. Es sind digitale Hilferufe, Zeugnisse von anfänglichem Unglauben über Entsetzen bis hin zu emotionalen Nachrichten des Abschieds.
Auf der Seite gibt es zudem pädagogisches Material für Bildungseinrichtungen, Hintergrundinformationen zur historischen Einordnung sowie Anregungen für Trauerzeremonien. Viele Dokumente stehen neben Hebräisch auch auf Deutsch, Englisch und Spanisch zur Verfügung, an den Übersetzungen wird weiterhin gearbeitet.
„Erinnerung ist der Schlüssel, um die Wahrheit zu bewahren“
Unterstützt wird das Projekt in Deutschland unter anderem von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). „Jede Nachricht erzählt eine persönliche Geschichte. Unsere Mission ist es, diese Geschichten sichtbar zu machen, die Erinnerung zu bewahren und die individuellen Schicksale des 7. Oktober 2023 ins Bewusstsein zu rücken. Wir laden Sie ein, innezuhalten, zu lesen und die Stimmen der Opfer zu hören. Denn Erinnerung ist der Schlüssel, um die Wahrheit zu bewahren und die Zukunft zu gestalten“, heißt es auf der Website der KAS.
Gegründet wurde 710 Memorial von Yaniv Hagyi aus dem bei dem Überfall schwer getroffenen Kibbutz Be’eri, gemeinsam mit weiteren Bewohnern aus dem Grenzgebiet zum Gazastreifen. Auf der Website erklärt die gemeinnützige Organisation: „An einem einzigen Tag wurden ganze Welten zerschmettert. Aus dem Chaos heraus entstand eine Mission: die Stimmen, Botschaften und Geschichten, die in Echtzeit gesendet wurden, zu bewahren, damit sie nicht verloren gehen. Das ist unsere Geschichte und wir haben uns entschieden, sie mit unserer eigenen Stimme zu erzählen, so wie wir sie erlebt haben.“
Mit der Archivierung der Dokumente möchte 710 Memorial auch das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der israelischen Gesellschaft stärken. „Jede Stadt, jedes Viertel und jede Gruppe erhält die Möglichkeit, ihre Stimme und ihre Geschichte zu teilen. […] Einzelne Stimmen verschmelzen zu einer einzigen Geschichte der Einheit und gegenseitigen Solidarität, die an diesem Tag alle Teile der israelischen Gesellschaft verbindet. Sie schildern die Geschichte aus der Perspektive der Bürger und ermöglichen ein nationales Gedächtnis, das genau, menschlich und zugänglich ist.“
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 146. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
