Eine junge Mutter, ein Ingenieur und ein Musiker – drei Leben, die im Iran kaum unterschiedlicher hätten sein können. Sie alle stellten sich diesen Fragen: Gehen? Oder bleiben und unter politischem Druck alles riskieren? Oder weiter in Repression leben? Sie entschieden sich zu gehen – nach Deutschland.
Von Dina Ehrhardt
Daniel (Name von der Redaktion geändert): Flucht statt Karriere
Daniel hatte zwei Möglichkeiten: zu Fuß fliehen – oder 10.000 Euro für ein italienisches Visum zahlen und dabei das Risiko eingehen, direkt am Flughafen festgenommen zu werden. In iranischer Währung war ist ein Vermögen. Ab dem Moment, in dem ihm klar wurde, dass er den Iran verlassen musste, blieben ihm gerade einmal elf Tage, um sein gesamtes Leben hinter sich zu lassen: sein Auto, seine Instrumente, sein Tonstudio. Er verkaufte alles und entschied sich für die Flucht per Flugzeug. Niemand wusste von Daniels Plänen – außer seiner Mutter, seiner Schwester und seinem besten Freund. Sie alle musste er zurücklassen.
Nach elf Umzügen innerhalb von nur sechs Monaten landete Daniel schließlich in Magdeburg. Dort blieb er zwei Jahre, lernte Deutsch und begegnete der Frau, die bald seine Ehefrau werden würde. Als Musiker zog es ihn weiter nach Berlin – dorthin, wo die Szene lebendig genug ist, um sich etwas Neues aufzubauen. Und genau dort will er vorerst bleiben. Im Iran stand er zuvor bei einem der dortigen fünf Musiklabels unter Vertrag – allesamt eng verflochten mit dem Kultusministerium der Ayatollahs und damit abhängig von deren kulturellen Kontrolle der Gesellschaft.
Über Jahre hinweg hatte der heute 33-Jährige, der den Großteil seines Lebens unter seinem Geburtsnamen „Adel*“ bekannt war, politische Inhalte über seine sozialen Kanäle verbreitet. „Irgendwann wurde der Druck enorm“, erzählt er. „Mein Label rief mich täglich an und verlangte, dass ich aufhöre, politische Inhalte zu posten.“ Am Ende wurde sein Vertrag gekündigt, verbunden mit der Forderung nach Entschädigungszahlungen.
Doch der eigentliche Auslöser für seine Flucht war eine umgeschriebene Version eines bekannten Kinderlieds. Veröffentlicht hatte er das Stück zunächst nicht: „Am Ende wurde aber genau dieses Lied benutzt, um mich zu erpressen.“ Erst nachdem er in Italien angekommen war, stellte er den Song selbst online und traf einen Nerv: 500.000 Aufrufe am ersten Tag, eine überwältigende Resonanz aus dem Iran. Seine geplante Konzerttour durch die Heimat fand nie statt. Seine Karriere dort war beendet.
Amin: Im Visier des Regimes
„Man muss sich dem Regime vollständig unterordnen“, berichtet Amin. „Das Leben zu Hause unterscheidet sich stark von dem in der Öffentlichkeit – man kann nicht frei handeln.“ Besonders hart treffe es Frauen, erzählt der 37-jährige Elektrotechniker, der seit vier Jahren in Deutschland lebt, wo er seine ukrainische Ehefrau kennengelernt und mit ihr eine Familie gegründet hat. „Hier können Frauen selbst entscheiden, wie sie sich kleiden und bewegen. Im Iran hingegen ist das Tragen eines Kopftuchs verpflichtend.“
Amin, der muslimisch aufgewachsen ist, hat sich 2015 vom Islam distanziert. Seine Frau ist christlich-orthodox. Im April dieses Jahres sind er und sein Sohn ebenfalls orthodoxe Christen geworden. Nicht ohne Risiko: „Wer nicht dem Islam angehört, gerät ins Visier des Regimes“, sagt er.
Auch er kennt den im Iran herrschenden politischen Druck aus eigener Erfahrung. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er wiederholt bedroht und gesucht. Auf seine nationale Identitätsnummer wurde ein Sicherheitsvermerk gesetzt, mit weitreichenden Folgen: Der Kauf einer Wohnung war ebenso unmöglich wie in vielen Fällen die Jobsuche. Als er sein Haus vermieten wollte, wurde ihm das verwehrt. Außerdem kündigte die Islamische Republik Iran an, dass alle Vermögenswerte von Personen beschlagnahmt werden, die sich gegen sie stellen. Er denke deshalb, dass sein Haus beschlagnahmt werden könnte.
Bewerbungen in staatlichen Berufen oder für Bereiche, die mit dem Staat verbunden sind, scheiterten. Außerdem wurde ihm die Gründung einer Selbstständigkeit verwehrt und er stieß immer wieder auf Probleme, ohne genau zu wissen, warum seine Anträge abgelehnt wurden. „Ich habe mit den falschen Leuten über meine Meinung zum iranischen Regime gesprochen“, fasst er zusammen.
Maryam: Leben im ständigen Widerspruch
Auch Maryam berichtet von den Repressionen, die sie im Iran erlebt hat. Während ihrer Zeit dort ging sie wiederholt auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Vor einigen Jahren floh sie nach Deutschland. Ihre Familie lebt jedoch weiterhin im Iran und engagiert sich nach wie vor politisch. So beteiligten sich im Januar 2026 zwei ihrer Cousinen an den landesweiten Protesten und wurden dabei schwer verletzt, als die Islamische Revolutionsgarde in die Menge schoss. Knapp mit dem Leben davongekommen, starben die beiden jungen Frauen auf grauenvolle Weise im Krankenbett – ermordet von der Revolutionsgarde, die in die Krankenhäuser eindrang.
„Was mich und meine Sicht auf die Welt nachhaltig geprägt hat während meiner Zeit im Iran, war der ständige Widerspruch zwischen dem, was ich selbst für richtig hielt, und den gesellschaftlichen Zwängen, denen man sich beugen musste“, erzählt Maryam. „Gerade als Frau war man im Alltag permanent mit Einschränkungen konfrontiert: sei es durch Kleidungsvorschriften oder durch begrenzte persönliche Freiheiten.“
Diese Erfahrungen haben ihr Verständnis von Gerechtigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung früh geschärft. „Gleichzeitig haben sie mich auch innerlich stärker gemacht, weil ich gelernt habe, meine eigenen Werte zu hinterfragen und für sie einzustehen.“ Als Maryam auf dem Gymnasium war, entschied ihre Mutter, sie nach Deutschland zu schicken. „Sie hoffte, dass ich hier ein selbstbestimmtes Leben führen kann, ohne ständig kämpfen zu müssen. So begann mein Weg nach Deutschland und ich begann hier mein Studium.“
„In einer Box großgezogen“
„‚Tod Amerika, Tod Israel!’ – das waren über zwölf Jahre hinweg die prägenden Parolen in der Schule“, erzählt Daniel, „Ich hatte immer ein Problem damit, jemandem den Tod zu wünschen. Und ich wusste lange kaum etwas über Israel; weder, was das Land ausmacht, noch wo es überhaupt liegt.“
Bis heute sei die Prägung spürbar: „Wenn ich das Wort Israel höre, löst das zunächst ein merkwürdiges Gefühl aus – eine Mischung aus Unsicherheit und unterschwelliger Angst.“ Erst mit 18, als Daniel begann zu reisen, sich stärker gesellschaftlich zu engagieren und Bücher zu lesen, habe sich seine Perspektive verändert. „Mir wurde klar, dass das Regime einer festen Ideologie folgt und uns in einer Box großgezogen hat – ohne die Möglichkeit, nach links oder rechts zu schauen. Nach und nach habe ich das erkannt. Und bis heute arbeite ich daran, ein neutrales Gefühl zu haben, wenn ich das Wort Israel höre.“
„Als Christ stehe ich an der Seite Israels“
Mit 21 wurde Daniel Christ und leitete in einer Untergrundkirche den Lobpreis, trotz ständiger Gefahr. Nach der Festnahme eines Freundes konnte er nicht mehr an den Treffen teilnehmen, weil es zu gefährlich wurde. Der Kontakt zur Gemeinde brach ab. Drei Jahre später reiste er für ein mögliches Musikprojekt in die Türkei und blieb dort sechs Monate für einen Visumsantrag für die USA, weil er von einer dortigen Band eingeladen worden war. Doch das US-Einreiseverbot für iranische Staatsbürger während Donald Trumps Amtszeit machte seine Pläne zunichte.
„Ich musste mit gebrochenem Herzen in den Iran zurückkehren.“ In der Türkei konnte er seinen Glauben erstmals frei leben. „Mit 23 oder 24 war mir klar, dass ich als Christ an der Seite Israels stehe, des Volkes Gottes.“ Auf dem Papier musste er dennoch Muslim bleiben.
„Im Januar wurden im Iran innerhalb von zwei Tagen 40.000 Menschen umgebracht“, berichtet Amin. „Es freut mich, dass Israel unsere Hilfeschreie gehört hat.“ Über solche Themen könne er mit seiner im Iran verbliebenen Familie allerdings nicht am Telefon sprechen. Alles wird abgehört und sogar sein eigener Cousin dient im Militär des Regimes und könnte ihnen auf die Spur kommen. Auch über seine Taufe wird niemand im Iran erfahren.
Maryam ringt mit der Distanz zur Heimat. „Wenn ich daran denke, was mich mit dem Iran verbindet, könnte ich ein ganzes Buch schreiben“, sagt sie. Ihre Familie, ihre Kindheit, die Kultur – „das, wozu ich gehöre und was ich liebe, ist dort. Mein Herz und mein Geist sind noch immer mit dem Iran verbunden, denn dieses Land ist so reich und wunderschön“. Umso schwerer trifft sie die aktuelle Lage: Vor wenigen Wochen wurde die Straße bombardiert, in der ihre Mutter lebt. Wegen eines Internet-Blackouts hörte sie tagelang nichts von ihr. „Die Belastung, diese Angst und Ohnmacht lassen sich nicht in Worte fassen.“
Grundsätzlich lehne sie Krieg ab: „Wir sehen, dass dabei auch unschuldige Menschen zu Schaden kommen, und das tut uns sehr leid.“ Dennoch sieht sie in den Angriffen auf das Regime „eine letzte Chance, die Menschen zu stärken, sich ihre Zukunft zurückzuholen“.
„Ich wünschte mir, dass dieses Regime ohne Krieg und Raketen zerstört würde, aber das ist leider nicht möglich.“ Daniel betont, dass der Iran vor dem heutigen Regime auch keine echte Demokratie gewesen sei. Dennoch sei das Leben freier gewesen als heute. Für eine Übergangsphase hält er den aktuell im Exil lebenden Sohn des ehemaligen Schahs, Reza Pahlavi, für geeignet; dieser könne den Iran zu freien Wahlen führen. Trotzdem bleibt er vorsichtig: „Ich habe 30 Jahre unter einer Diktatur und erst drei in einer Demokratie gelebt – ich muss das noch besser verstehen.“ Klar sei nur: „Das islamische Regime muss weg!” Und dafür unterstützt er Reza Pahlavi.
„Ich würde für Deutschland kämpfen“
Im August wird Daniel heiraten. Vielleicht ist es seiner Mutter und Schwester bis dahin möglich, nach Deutschland einzureisen, das gehört zu Daniels größten Hoffnungen. Heute lebt er in Deutschland und ist dankbar für den Schutz, auch wenn es schwer ist, sich als Musiker neu zu etablieren. „Sollte Deutschland in die Situation kommen sich verteidigen zu müssen, würde ich dieses Land mit meinem Leben schützen. Dieses Land hat mir Schutz gegeben, deshalb bin ich bereit für Deutschland zu kämpfen. Das iranische Regime hat mir das Gefühl gegeben, dass der Iran nicht mein Zuhause ist.“
Verhandlungsversuche mit dem Regime von europäischer Seite hält Daniel für sinnlos: „Wenn ein Löwe in dein Haus eindringt und deine Kinder fressen will, dann kannst du nicht mit ihm reden, sonst frisst er dich genauso!“
Auch Amin schaut besorgt auf die westliche Herangehensweise und sieht Waffenstillstände skeptisch: „Die Erfahrung zeigt, dass das Regime unehrlich ist und jede Gelegenheit nutzt, um Zeit zu gewinnen und neue Kraft zu schöpfen. Selbst wenn es zu einer Einigung kommt, wird diese sehr fragil sein.“ Seine Hoffnung ruhe vor allem auf Benjamin Netanjahu, den viele Iraner „Bibi John“ nennen, da er „ihnen sehr am Herzen liegt und als Retter des iranischen Volkes gilt“.
US-Präsident Donald Trump sehe er eher als einen „Geschäftsmann“, der in erster Linie die Kosten eines Krieges vermeiden und Probleme möglichst durch Deals lösen möchte. Doch auch Trump sei sehr beliebt im iranischen Volk. Ohne ihn hätte das Volk Amins Meinung nach nie eine Chance auf einen Sieg gegen das Mullah-Regime, denn dieses sei skrupellos.
„Lasst nicht zu, dass eine Ideologie eure Freiheit zerstört“
„Ich möchte klarstellen, dass die Islamische Republik nicht das iranische Volk widerspiegelt“, betont Maryam, die ebenfalls mit der systematisch vermittelten Feindseligkeit gegenüber den USA und Israel aufgewachsen ist. In Zukunft könnten Israel und der Iran beste Freunde sein, glaubt sie und hofft, eines Tages nach Israel reisen zu können. Und dass die Israelis in den Iran kommen dürfen.
Auch Daniel wünscht sich, eines Tages Israelis im Iran willkommen zu heißen, vielleicht sogar einmal ein persisches Konzert in Israel zu geben. „Wir sind Brüder und Schwestern. Obwohl wir mit der Vorstellung aufgewachsen sind, Israel sei unser Feind, habe ich das nie so empfunden. Es gibt kein Problem – wir sind alle Menschen.“
Langfristig glaubt Amin an eine Annäherung zwischen Iran und Israel, sowohl touristisch als auch wirtschaftlich: „Unsere Beziehungen reichen 2500 Jahre zurück bis zu Kyros dem Großen – das kann keine Ideologie zerstören.“ Und an junge Deutsche appelliert er: „Ich hoffe, ihr schätzt Deutschland und die Freiheiten, Demokratie und Menschenrechte, die ihr habt. Lasst das von keiner Ideologie kaputtmachen und lasst nicht zu, dass euch das weggenommen wird.“
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
