Vor einigen Monaten war ich zu einem Vortragsabend eingeladen. Alles war tadellos. Die Leute waren zuvorkommend und nett – und völlig verschlossen. Es war, als würde ich gegen eine Wand reden.
Von Dr. Tobias Krämer
Nun waren die Besucher gestandene Christen. Deshalb war ich so erstaunt, dass meine Bibellehre kaum aufgenommen wurde. Man kann überlegen, ob das Umfeld sich auswirkte. Es gibt Ecken in Deutschland, wo nie echte geistliche Aufarbeitung geleistet wurde und der Judenhass stark ist. Das schien mir dort aber nicht der Fall zu sein.
Ich bin mit dem Gedanken nach Hause gefahren, dass – bitte nicht falsch verstehen – Jesus das Problem war. Jesus beziehungsweise das, was die Leute über ihn dachten. Wennman eine Christologie (Lehre von Christus) hat, in der Jesus gegen Israel steht – und das wurde jahrhundertelang gelehrt –, dann macht Israel Probleme. Dann kann es sogar als Verrat an Jesus empfunden werden, wenn man sich zu Israel stellt, und dann ist Jesus ein Problem für Israel. Diese Art der Christologie ist offiziell längst korrigiert, aber sie wirkt noch nach.
Christus muss im Zentrum stehen, natürlich, aber auf die richtige Art. Eine gute Christozentrik ist die, in der Jesus zwar im Mittelpunkt steht, aber eingebettet ist in das große Ganze der Bibel beziehungsweise der Heilsgeschichte, in der Israel eine wesentliche Rolle spielt. In einer schlechten Christozentrik wird Jesus so eng fokussiert, dass man vieles ausblendet und nur noch auf Jesus starrt – ein Scheuklappen-Ansatz.
Eine falsche Christozentrik besteht darin, Jesus gegen Israel beziehungsweise das Judentum zu stellen. Jesus war nicht gegen die Juden, aber gegen manches im Judentum. Vor allem menschliche Traditionen, die über das Wort Gottes hinausgingen, konnten ihn in Rage bringen. Deshalb kam er häufig in Konflikt mit den Pharisäern. An ihrer traditionellen Haltung prallte Jesus ab. So wie heute Israel abprallt – an christlichem Traditionalismus. Das ist derselbe verengte ‚Spirit‘.
Öffnen wir unsere Herzen für die gesamte Weite der Bibel. Dann wird Jesus in der Mitte sein und Israel dennoch seinen festen Platz haben. So wird unser Glaube rund.
Chazak u‘varuch – seien Sie stark und gesegnet!
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
