Luther: Reformator, Bibelübersetzer – und Judenfeind

Luther: Reformator, Bibelübersetzer – und Judenfeind

Lutherstatue auf dem Marktplatz in Wittenberg
Das Lutherdenkmal in Wittenberg ist das erste Denkmal in Deutschland, mit dem eine nichtadlige Person öffentlich mit einem freistehenden Standbild geehrt wurde. Foto: OTFW, Berlin | Wikipedia, GNU

„Kann man denn heute noch die Lutherübersetzung lesen?“ Das werde ich häufig gefragt, wenn Menschen erfahren, wie judenfeindlich Luther war. Sie befürchten, dass Luthers Judenhass seine Übersetzung beeinflusst haben könnte, und das wäre ja denkbar.

Von Dr. Tobias Krämer

Bei Luther kann man aber Entwarnung geben. Seine Übersetzung ist nicht nur in Ordnung, sondern an manchen Stellen mit auffallend viel Sprachgefühl angefertigt. Dazu kommt, dass sie 2017 erneut revidiert wurde. Das hat ihr gutgetan und so lese ich sie selbst sehr gerne.

Auf der anderen Seite ist es so, dass man sich bei den meisten Übersetzungen mehr Sensibilität für das Thema Israel/Judentum wünschen würde. Angesichts unserer judenfeindlichen Kirchengeschichte wäre das angebracht. Die Bibel in gerechter Sprache bemüht sich ausdrücklich darum – sie ist aber nicht jedermanns Sache – und ein Stück weit auch die Einheitsübersetzung. Die anderen, klassischen Übersetzungen sind eher exakt als sensibel (wobei Exaktheit ja ein hoher Wert ist) und die modernen Übersetzungen sind manchmal allzu frei. Wer es ganz nah am Urtext (dafür stilistisch trocken) haben will, ist noch immer mit der Elberfelder gut beraten.

Manches ist auch einfach noch nicht durchgedrungen. Jesu Rede über Reinheit und Unreinheit (Markus 7) wird von vielen Bibelübersetzungen noch immer so verstanden, als habe Jesus die Speisegebote aufgehoben (V. 19). Das trifft nicht zu, denn dann hätte jeder in Israel gewusst, dass Jesus alles sein kann, nur nicht der Messias. Hier werden spätere Entwicklungen des Apostelkonzils, die Speisegebote nicht auf Heidenchristen zu übertragen, auf Jesus und die innerjüdischen Verhältnisse seiner Zeit zurückprojiziert.

Die Brille des Generalverdachts

Für die neutestamentliche Wissenschaft ist heute klar: Jesus stand noch nicht im neuen Bund. Er war ein frommer Jude seiner Zeit und hat Tora-treu gelebt, wie alle frommen Juden in Israel. Die Diskussionen, die Jesus führte, bewegten sich innerhalb des Judentums seiner Zeit. Es ging darum, die Tora richtig auszulegen und anzuwenden, nicht sie anzutasten. Daran besteht heute kein ernsthafter Zweifel mehr. Somit ist man dankbar für die Übersetzungen von Menge und Schlachter, die Markus 7,19 anders übersetzen und Jesu jüdische Identität wahren. Im Zweifelsfall ist ein Übersetzungsvergleich das Mittel der Wahl. Den kann man über www.bibleserver.com leicht vornehmen.

Nochmals zu Luther. Es ist so wichtig, nicht dahin zu kommen, dass man durch die Brille des Generalverdachts schaut. Denn so entstehen Verzerrungen. Wenn man erkennt, dass Luther ein Judenfeind war, könnte man überall in seiner Übersetzung Spuren von Judenfeindschaft erkennen – auch dort, wo gar keine zu finden sind. Wir kennen den Effekt von Israel. Weite Teile der Welt schauen auf Israel durch die Brille des Generalverdachts. Dabei kommen so fatal falsche Urteile wie „Genozid in Gaza“ heraus.

Wir kennen das auch aus dem Alltag. Um bewusst einige Klischees zu bedienen: Wenn eine Frau ihren Mann unter den Generalverdacht stellt, nie in der Küche zu helfen, dann kann er machen, was er will – sie sieht es so. Und umgekehrt, wenn ein Mann seine Ehefrau durch die Brille sieht, allzu locker mit Geld umzugehen, dann kann sie sparsam sein, wie sie will – er findet immer Gegenbeispiele. In der Politik wird der Generalverdacht heute regelrecht als Mittel eingesetzt, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Man verlässt die Sachebene, wird persönlich, greift den Charakter an und so können gute Politiker zu Fall gebracht werden. Das schadet unserer Demokratie enorm.

„Prüft alles und behaltet das Gute.“

Wir müssen bei der Wahrheit und den Fakten bleiben, so gut es möglich ist. Bei Luther ist die Sachlage klar: Luther war Judenfeind und er hat eine gute Bibelübersetzung vorgelegt. Beides sollte man nicht bestreiten oder gegeneinander ausspielen. Luthers Übersetzung ist nicht schlecht, weil er Judenfeind war, und seine Judenfeindschaft ist nicht zu entschuldigen, weil er der große Übersetzer und Reformator war. Luther war beides – das ist der Punkt.

Von seiner Judenfeindschaft sollten wir uns distanzieren, seine Übersetzung aber können wir mit offenem Herzen lesen und Gewinn daraus ziehen. Auf diese Weise setzen wir um, was Paulus in 1. Thessalonicher 5,21 sagt: „Prüft alles und behaltet das Gute.“ Das Gute sollten wir behalten; das sollte nicht auf der Strecke bleiben. Das Ungute können wir in Ruhe zur Seite legen. Wenn wir das tun, sind wir gut aufgestellt.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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