Meet a Rabbi – Oder: Verstehen beginnt mit Begegnung

Meet a Rabbi – Oder: Verstehen beginnt mit Begegnung

Viele Menschen hierzulande hatten noch nie persönlichen Kontakt zum Judentum. Das Jewish Ambassador Program möchte das mit seinem Angebot ändern. Foto: Levi Meir Clancy | Unsplash

„Alles, was Sie über das Judentum wissen wollten und nie zu fragen wagten“ – diese Einladung prangt in Großbuchstaben unübersehbar auf der Titelseite eines Flyers über das Jüdische Botschafter-Programm („The Jewish Ambassador Program“), herausgegeben von der Europäischen Rabbiner-Konferenz. Über eine Initiative für mehr Dialog und gegenseitiges Verständnis zwischen Kulturen und Religionen.

„Meet a rabbi“ – was im ersten Moment etwas flapsig klingt, ist tatsächlich die treffende Kurzfassung des vor knapp eineinhalb Jahren ins Leben gerufenen „The Jewish Ambassador Program“. Angesichts eines rasant zunehmenden Antisemitismus in Deutschland und Europa hat die Europäische Rabbiner-Konferenz (Conference of European Rabbis, CER) mit Sitz in München einen ungewöhnlichen Weg gewählt: Sie geht mit einem besonderen Angebot auf Schulen, Universitäten, Gemeinden, Vereine, den öffentlichen Sektor, Privatunternehmen – kurz: die Breite der Zivilgesellschaft – zu, um in Kontakt und gegenseitigen Austausch zu kommen.

Ziel der Initiative ist es, über Fragen ins Gespräch zu kommen, und das möglichst niederschwellig. Daher folgt das Programm keinem festen inhaltlichen Rahmen, sondern ist bewusst offengehalten: Geredet und diskutiert wird über das, was jeweils von Interesse ist; seien es Fragen zum Judentum im Allgemeinen oder dazu, wie sich jüdisches Leben heute anfühlt, wie Antisemitismus wirksam begegnet werden kann und vieles mehr. Dadurch sollen nicht allein Wissen und Fakten vermittelt, sondern vielmehr Brücken gebaut werden.

Besonders ist auch, dass dieser Austausch direkt mit einem Rabbi oder anderem jüdischen Vertreter stattfindet – eine Möglichkeit, die sich für die meisten Kreise und Einzelpersonen sonst selten in dieser Art bietet. Und: Die Rabbiner kommen zu den Menschen – nicht umgekehrt.

Verständnis statt Vorurteile

Mit der persönlichen Begegnung und dem Austausch verbindet sich die Hoffnung, dass Verständnis an die Stelle von Vorurteilen tritt und neu entdeckte Gemeinsamkeiten zuvor Trennendes ersetzen. Oder wie es im Flyer heißt: „Different but together“ („verschieden und doch geeint“). Mögen sich viele Traditionen und Einstellungen unterscheiden, ist man sich doch auf einer sehr fundamentalen Ebene einig: im Menschsein mit allen seinen Höhen und Tiefen. „Seid Menschen!“, mag man an dieser Stelle den eindringlichen Appell der im vergangenen Jahr verstorbenen Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugin Margot Friedländer im Geiste hören.

Tatsächlich wird das Jüdische Botschafter-Programm bereits sehr gut angenommen: Bislang wurden mehr als 300 Veranstaltungen mit über 7000 Teilnehmenden in vier Ländern durchgeführt und eine Kooperation mit der Dokumentation Obersalzberg in Berchtesgaden vereinbart, einem Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Obersalzberges und der NS-Diktatur.

Dieser Flyer der Europäischen Rabbinerkonferenz lädt zu christlich-jüdischen Begegnungen ein.

Die Niederschwelligkeit des Angebots beginnt bereits bei der Anfrage: Wer sich per Mail oder über die Website meldet, wird vom Koordinatoren-Team individuell bis zum Termin begleitet.

Dass sich Rabbiner und Juden in diesen für sie zunehmend unsicheren und durchaus bedrohlichen Zeiten derart in die Offensive wagen, zeugt von großem Mut. Und von der Hoffnung, dass durch diese Begegnungen über die Breite der Gesellschaft zuvor Fremdes vertrauter wird und so dem Antisemitismus ein Teil seines Nährbodens entzogen werden kann.

Man kann dem „Jüdische Botschafter-Programm“ nur wachsende Bekanntheit und regen Zulauf wünschen – damit immer mehr Menschen in ihrem Umfeld zu Botschaftern werden: Davon, dass sich Austausch immer lohnt und uns Menschen letztlich mehr verbindet als trennt. In diesem Sinne: Meet a Rabbi – denn Verstehen beginnt mit Begegnung.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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