In einer geheimen Nacht- und Nebelaktion vom 3. auf den 4. Juli 1976 gelang es einem israelischen Spezial-Kommando, im fast 4000 Kilometer entfernten Entebbe in Uganda mehr als 100 israelische und jüdische Geiseln aus terroristischer Gewalt zu befreien. Diese überaus gewagte und mutige israelische Befreiungsaktion vor 50 Jahren erregte weltweit Aufsehen. Unser Gastautor Rainer Urban beleuchtet in Schlaglichtern einzelne Aspekte der damaligen Geschehnisse.
Von Rainer Urban
Die Planung der Entführung
10. Juni 1976, in einer Hochhaus-Etage in der Nähe der damaligen jemenitischen Hauptstadt Aden: Einsatzbesprechung der terroristischen Vereinigung Volksfront zur Befreiung Palästinas – Auswärtige Operationen (Popular Front for the Liberation of Palestine – External Operations, PFLP–EO) unter der Leitung von Wadia Haddad. Der Plan: Eine Flugzeugentführung. Die Forderung: Freilassung palästinensischer und deutscher Gefangener aus israelischen und europäischen Gefängnissen.
Die Wahl fällt auf Flug 139 von Air France von Tel Aviv nach Paris mit Zwischenstopp in Athen. Ein deutsches Terroristenpaar soll zusammen mit zwei PFLP-EO-Mitgliedern in Athen an Bord gehen und mit ihrem mit Handgranaten und Sprengstoff vollbeladenen Handgepäck die Entführung kurz nach dem Start beginnen. Es würden keinerlei Gepäcküberprüfungen durch das griechische Personal am Flughafen Athen zu erwarten sein. Der Ablauf: Der Airbus würde mit allen Passagieren und der Besatzung über Bengasi in Libyen nach Entebbe in Uganda entführt werden.
Die Rolle von Idi Amin
Idi Amin, ein unberechenbarer ugandischer Militär und Diktator, war von 1971 bis 1979 Präsident von Uganda. Durch einen Militärputsch war er an die Macht gekommen und regierte autoritär. Obwohl er einst ein Israelfreund war, wurde er mehr und mehr zu einem Israel-Hasser und Bewunderer des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi.
Bereits am 1. Oktober 1975 hielt er eine üble antisemitische Hetzrede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Der Zionismus sei ein „Feind der Menschheit“. Er rief die USA auf „ihre Gesellschaft von den Zionisten zu säubern“ und forderte den „Rausschmiss Israels aus den Vereinten Nationen und die Vernichtung Israels als Staat“.
Unklar blieb, ob Idi Amin als Befürworter der palästinensischen Sache in die Pläne der Entführung eingeweiht war. Tatsache ist, dass er in Entebbe in Erscheinung trat, die Entführer begrüßte und das ugandische Militär die Geiselnehmer eher unterstützte als hinderte.
Flughafengelände Entebbe
Am Montag, den 28. Juni 1976, rollt die entführte Air France-Maschine gegen Mittag auf das alte Flughafengebäude zu. Bevor die Geiseln in eine große leere Halle des Terminals gelangen, müssen sie durch ein Spalier ugandischer Soldaten hindurch. Die Soldaten bringen Stühle und Ventilatoren, es ist drückend heiß.
Zum Frühstück am nächsten Morgen servieren die Soldaten und die Stewardessen der Air France ugandischen Kaffee, Tee und Brötchen. Kinder dürfen im Gras vor dem Terminal spielen. Am Abend verkündet der deutsche Terrorist Wilfried Böse mit einem Megafon in der Hand: „Ich werde jetzt die Namen der hier Anwesenden verlesen, wir trennen sie jetzt in zwei Gruppen. Wenn sie ihren Namen hören, gehen sie hinüber in den Nebenraum. Es hat nichts mit der Nationalität zu tun.“
Große Stille bei den 241 Geiseln, allen wird klar, worum es geht: Selektion. Erinnerungen an Auschwitz, an den Holocaust kommen hoch. Wieder ist es ein Deutscher, der den Einsatzbefehl gibt. Die eine Gruppe der Geiseln wird ausgeflogen. Zurück bleiben viele jüdische Menschen unterschiedlicher Nationalität, aber auch solche, deren Namen nach Ansicht der Entführer jüdisch klingen. Die französische Flugzeugbesatzung unter Kapitän Michel Bacos und seine Crew widersetzen sich dem Aufruf der Entführer und bleiben freiwillig bei den israelischen und jüdischen Geiseln. Die brennende Frage, die viele beschäftigt: Wird sich die israelische Regierung auf Verhandlungen mit den Terroristen einlassen?
Israelische Aktivitäten
Tatsächlich kommt es am Donnerstag, den 1. Juli, in Jerusalem zu einer Sondersitzung des israelischen Generalstabs. Verteidigungsminister Shimon Peres gibt bekannt, dass Israel – 40 Minuten vor Ablauf des Ultimatums – über französische Vermittlung mit den Terroristen verhandeln wolle. Er verschweigt jedoch, dass er seit Tagen mit dem Mossad-Chef über einen möglichen Einsatz des israelischen Geheimdienstes in Verbindung steht.
Es werden mehrere Operationsmöglichkeiten diskutiert. Zuletzt soll jeder vom Generalstab auf einen Zettel schreiben, welche Chance er einer Befreiungsaktion geben würde. Nur auf einem Zettel steht als Antwort: „100 %“. Es ist die Antwort von General Dan Shomron, 39, Befehlshaber der Infanterie und Fallschirmjäger.
Im Sechs-Tage-Krieg von 1967 erreichte er als erster mit seiner Einheit den Suezkanal. Im Jom- Kippur-Krieg von 1973 schloss er als Kommandant einer Panzer-Brigade einen Ring um die ägyptische Armee auf dem Ostufer des Kanals. Ein erfahrener, äußerst anspruchsvoller, aber auch kumpelhafter Offizier. Als Fallschirmjäger-Ausbilder freundete er sich mit Jonathan Netanjahu – Bruder des späteren israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu – an, der sein bester Freund und Schüler wurde. Beide übernehmen die Planung der „Operation Donnerschlag“.
Operation Donnerschlag
Am Samstagnachmittag starten schließlich vier Herkules-Maschinen in Richtung Entebbe. 3652 Kilometer liegen vor ihnen, sieben Stunden Flugzeit. Nach Sturm und Regen über dem Viktoriasee klart plötzlich der Himmel auf und die Lichtmarkierungen der Landebahn werden sichtbar.
In einem schwarzen Mercedes, wie ihn Idi Amin häufig nutzte, fährt Joni Netanjahu in einem Täuschungsmanöver mit seinen Männern aus dem Bauch der Herkules zum Hauptgebäude des Flughafens, weitere Landrover folgen. Vor ihnen liegt in Flutlicht erhellt das alte Empfangsgebäude. Eine plötzlich vor ihnen auftauchende ugandische Patrouille überwinden sie. Weitere Herkulesmaschinen landen inzwischen und sichern den Flughafen in verschiedenen Bereichen.
Innerhalb kürzester Zeit werden nahezu alle Terroristen ausgeschaltet. Einer der Soldaten ruft in die Halle: „Dies ist Zahal, hier sind die israelischen Streitkräfte – wir bringen sie nach Hause. Bleiben sie bitte flach auf dem Boden liegen.“ Die Soldaten haben die Anweisung, nicht auf ugandische Soldaten zu schießen, es sei denn, sie würden das Feuer eröffnen. Die Evakuierung der Geiseln beginnt. Freude spiegelt sich in den Gesichtern der Geretteten – doch kein Triumph. Es sind drei getötete jüdische Zivilisten zu beklagen und der Tod von Offizier Joni Netanjahu, den eine Kugel traf. Die Aktion wurde später zu seinen Ehren in „Operation Jonatan” umbenannt. Um keine unangenehmen Überraschungen zu erleben, wird wenig später ein Großteil der ugandischen Luftwaffe zerstört. Um 23:43 Uhr hebt die erste Hercules wieder ab – keine Stunde, nachdem die „Operation Donnerschlag“ auf ugandischem Boden begonnen hat.
In Israel und in den Hauptstädten der westlichen Welt wird die Nachricht von der Befreiung der 105 Geiseln mit großer Erleichterung aufgenommen. Das kleine Israel hatte den Mut, die Fähigkeit und Entschlossenheit dem internationalen Terrorismus einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Der britische Abgeordnete Rhodes Boyson meinte, Israel habe mit diesem Kommandounternehmen „mehr für die Wahrung des Rechts getan als die Vereinten Nationen in 20 Jahren“.
