Der Antisemitismus ist zurück in Deutschland. Diesen Eindruck vermitteln nicht nur entsprechende Meldungen in den Medien, er ist auch statistisch belegt. Der aktuelle RIAS-Report zu Antisemitismus in Deutschland ist alarmierend, das Ausbleiben einer breiten gesellschaftlichen Reaktion darauf ebenso. Wir möchten als Christen an der Seite Israels (CSI) dazu nicht schweigen und haben deshalb eine Kampagne geplant.
Von Anja Weippert
Im Schnitt 24 antisemitische Vorfälle pro Tag. Jede Stunde mindestens einer. Jede Stunde wird ein Jude oder eine Jüdin verbal beleidigt, stigmatisiert, ausgeschlossen, bedroht, schlimmstenfalls verletzt. Das ist im Jahr 2025 statistisch nachgewiesene, bittere Realität. Antisemitismus ist in unserem Land wieder an der Tagesordnung. Von den rechten und linken politischen Rändern her sowieso, aber er ist mittlerweile auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Jüdinnen und Juden fühlen sich längst nicht mehr sicher. Sie verzichten auf das Tragen jüdischer Symbole im Alltag. Sie überlegen sehr genau, wo sie sich bewegen und aufhalten. Nicht wenige erwägen, nach Israel auszuwandern, da ein ganz normales Leben hierzulande nicht mehr möglich erscheint – ein Alltag mit Raketenalarmen und Kriegsgefahr ist auf einmal das kleinere Übel. Mit massivem Polizeischutz gesicherte Synagogen oder andere jüdische Einrichtungen sind mittlerweile zum gewohnten Teil des Stadtbilds geworden.
So makaber es ist, die Mehrheit hat sich irgendwie daran gewöhnt. Oder nimmt die Meldungen – allzu oft nur Randnotizen in der Nachrichtenflut – kaum mehr wahr. Dabei wartet der am 17. Juni vorgestellte aktuelle RIAS-Report 2025 mit Zahlen auf, die nicht gleichgültig lassen können: So wurden im Jahr 2025 insgesamt 8725 antisemitische Taten erfasst – die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen. Das ist eine sprunghafte Verdreifachung im Vergleich zu den Zahlen aus 2022, also vor dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.
Rund 68 Prozent der erfassten Vorfälle weisen einen anti-israelischen Kontext auf. Das Feindbild des Zionismus spielt insgesamt eine zentrale Rolle. Einen starken Zuwachs erlebte rechtsextremer Antisemitismus mit 807 erfassten Vorfällen. Dazu zählen Verschwörungstheorien, NS-Verherrlichung und Wünsche nach einer Wiederholung der Schoah. 501 Vorfälle wurden dem links-antiimperialistischen Spektrum zugeordnet und rund 190 dem islamistischen. Es blieb nicht nur bei Gewaltfantasien, offen gewalttätige Angriffe nahmen zu.
„Nie wieder!“ braucht mehr als Worte
Auch im digitalen Raum stieg die Zahl der Bedrohungen. Rund ein Viertel (27 Prozent) aller antisemitischen Vorfälle ereignete sich online, häufig offen und ungehemmt. Und die Reaktionen darauf? Berichte über antisemitische Taten rütteln kurzfristig auf, das Entsetzen ist echt. In der Folge wird das oft wiederholte „Nie wieder!“ beinahe mantrahaft beteuert. Aber einen gesellschaftlichen Aufschrei, ein Aufstehen und Lautwerden der breiten Mitte der Gesellschaft sucht man vergebens.
Vermutlich ist das in großen Teilen Desinteresse und Gleichgültigkeit geschuldet: Wenige haben persönlichen Kontakt zu jüdischen Mitmenschen; das Erbe der Schoah ist ein unangenehmes und daher oft verdrängtes Thema – sofern überhaupt gewusst und präsent. Die Taktzahl anderer Themen, die das eigene Leben unmittelbarer betreffen, ist hoch; von der allgemeinen Weltlage ganz zu schweigen. Man kann also durchaus Gründe für dieses Schweigen finden.
Die deutsche Geschichte hat jedoch auf bitterste Weise gelehrt, wohin ein Nicht-Hin- oder gar ein Wegschauen führen kann. Gleichgültigkeit gefährdet das Wohlergehen und Leben unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Und sie gefährdet in der Konsequenz unser Miteinander, unsere Werte, unsere Gesellschaft. An mögliche politische Konsequenzen mag man gar nicht erst denken.
LED-Trucks durch Deutschland
Als Christen an der Seite Israels (CSI) glauben wir, dass es sich unsere Gesellschaft nicht leisten kann, länger wegzuschauen. Die Zahlen des RIAS-Reports sprechen eine deutliche Sprache. Eine Trendwende ist nicht in Sicht, die Entwicklungen in anderen europäischen Ländern sind ähnlich. Daher planen wir für kommenden Herbst eine besondere Kampagne gegen Antisemitismus. Wir möchten unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger auf die dramatische Entwicklung hinweisen, sie aufrütteln und dazu bewegen Position zu beziehen – und bestenfalls ins Handeln zu kommen.
Vom 3. bis 7. Oktober sollen dafür spezielle LKW mit LED-Leinwänden von Berlin über weitere Städte nach Stuttgart fahren, um mit entsprechenden Botschaften das Problem buchstäblich vor Augen zu führen. Dabei sind auch Stopps an geeigneten Orten geplant. Zielpunkt ist eine große Veranstaltung in Stuttgart anlässlich des dritten Jahrestages des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober.
Nationale Gebetsnacht
Die andere Säule dieser Antisemitismus-Kampagne ist eine geplante nationale Gebetsnacht am 7. Oktober. Im vergangenen Jahr war der Zuspruch überwältigend: Am Abend der mit dem ERF veranstalteten Gebetsnacht wurde der Streamlink mehr als 10.000 Mal aufgerufen und in den Tagen danach rund 20.000 Mal bei YouTube geklickt. In diesem Jahr wird die nationale Gebetsnacht im Gästezentrum Schönblick stattfinden. Es ist auch wieder geplant, per Stream eine digitale Teilnahme zu ermöglichen.
Als CSI sind wir überzeugt, dass es für Christen mehr denn je an der Zeit ist, gegen Antisemitismus in Deutschland aktiv zu werden: durch Information und durch Gebet. Wir brauchen in unserer Gesellschaft ein Hinschauen, Umdenken und Position beziehen. Dazu möchten wir mit der geplanten Antisemitismus-Kampagne Impulse setzen und ermutigen.
Diese Kampagne gegen Antisemitismus kostet Geld, welches wir allein durch Spenden aufbringen müssen. Durch Ihr Gebet und Ihre Spende können Sie sich daran beteiligen und einen Unterschied machen – entgegen dem kollektiven Schweigen. Spendenzweck: Aktiv gegen Antisemitismus.
Den Jahresbericht „Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025“ des Bundesverbandes RIAS e.V. können Sie hier nachlesen. Auf der Seite können Sie außerdem antisemitische Vorfälle melden.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 146. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
