Blumige Grüße: Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden in Berlin

Blumige Grüße: Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden in Berlin

Üppiger Blumenstruaß
Die üppigen Blumensträuße zaubern den Beschenkten Holocaust-Überlebenden ein Lächeln ins Gesicht. Alle Fotos: CSI

Während der Himmel über Israel weiterhin geschlossen ist, nutzen wir die Gelegenheiten direkt vor der Haustür, ein Segen für das jüdische Volk zu sein. In jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es eine jüdische Gemeinde, gibt es Holocaust-Überlebende. Unsere Mitarbeiterinnen brachten süße und blumige CSI-Grüße und trafen die Überlebenden mit ihrer Botschaft mitten ins Herz.

Von Anemone Rüger

Mein Telefon klingelt: Eine unbekannte Berliner Nummer. Doch statt einer verkaufsinteressierten Versicherung habe ich Tanja am Telefon. Tanja leitet den Treffpunkt der Holocaust-Überlebenden in Berlin und lädt uns ein. Wie die meisten Überlebenden ist auch Tanja als Vertreterin der zweiten Generation in den 1990ern nach Deutschland gekommen – aus meiner ukrainischen Lieblingsstadt Czernowitz. Ihr Vater war als österreichischer Staatsbürger geboren worden, als Czernowitz noch zur österreichisch-ungarischen Krone gehörte; seine Muttersprache war Deutsch.

Fast jedes unserer vorbereitenden Telefonate endet damit, dass Tanja mir ins Gewissen redet: Ist es wirklich nötig, so viel Geld für Blumen auszugeben? Irgendwann kann ich sagen: Zu spät, die Blumen sind bestellt. Meine neue Mitarbeiterin Livia hat unter den hunderten Berliner Floristen einen gefunden, der nicht weit weg vom Treffpunkt ist und einen guten Eindruck macht. Als wir zu viert – Dana, Paula, Livia und ich – am Donnerstagnachmittag die Adresse suchen, kommt Tanja begeistert auf uns zu. „Die Blumen sind gerade gekommen. Das ist doch mein Florist! Ich habe ihn gleich gefragt, wann er mir den Balkon macht.“ Gottes Humor.

Keine zwei Treffen sind gleich. Auch dies wieder eine Premiere in einer neuen Stadt. Und jedes Mal frage und bete ich, ob es wieder gelingen wird, innerhalb von zwei Stunden einen Zugang zu den Herzen der 30 Überlebenden zu finden, die wir noch nie gesehen haben. Alles po-russkij, auf Russisch. Auch dieses Mal erleben wir das Wunder. Nachdem wir den Namen „Christen an der Seite Israels“ ein wenig erklärt und uns persönlich vorgestellt haben, ist das Eis schon gebrochen.

Ritas Schmerz

Rita ist schon früher gekommen, damit sie uns in Ruhe ihre Geschichte erzählen kann. Ihre leuchtend orange Frisur und ihr gepflegtes Äußeres lenken zunächst ab von dem Schmerz, den man bei genauerem Hinsehen in ihren Augen liest. Rita holt eine Tüte mit Papieren aus ihrer Handtasche; mit einem flüchtigen Blick erkenne ich das Logo von Yad Vashem.

Zwei CSI-Mitarbeiterinnen posieren mit einer HOlocaust-Überlebenden für ein Foto
Die Holocaust-Überlebende Rita (r.) erzählt den CSI-Mitarbeiterinnen Paula und Anemone (v. l.) in Berlin ihre bewegende Geschichte.

„1938 bin ich geboren, wenige Wochen vor der Reichskristallnacht“, beginnt Rita. „Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, was wir erlebt haben. Man hat ja damals über die Dinge kaum geredet. Wir haben in Perwomajsk gelebt, im Verwaltungsbezirk Odessa. Manja hieß meine Mutter und Michail mein Vater, Michail Salomonowitsch. Mama hat ihn Motja genannt. Meine Eltern waren noch ganz jung als der Krieg anfing. Papa wurde nicht eingezogen, weil er nicht gut sehen konnte. Ich war drei, mein Bruder fünf und Mama war mit dem dritten Kind schwanger.“

Am 11. September 1941 kam der Krieg zu Ritas Familie nach Hause. „Wir haben alle nah beieinander gewohnt. An dem Tag haben sie fast alle abgeholt – Papa, seine beiden Schwestern, meine Oma mütterlicherseits. Es hieß, sie sollten zur Arbeit gebracht werden. Innerhalb einer Stunde waren sie alle tot. Sie wurden erschossen, an einem vorbereiteten Massengrab hinter der Stadt. Auch die beiden Kinder von meiner Tante wurden umgebracht – meine Cousine Sofia und mein Cousin Wilja, sie waren fünf und acht. Sie wurden mit den anderen Kindern zusammen lebendig begraben.“

„Ich bin eine der Letzten“

Bis heute kann sich Rita nicht erklären, warum sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder verschont blieb. „Wir hätten auch ermordet werden sollen, Mama war auch Jüdin“, sagt Rita, die den Namen ihrer ermordeten Tante trägt. „Aber aus irgendeinem Grund haben sie uns nicht mitgenommen.“

Zusammen mit dem Opa, der gerade nicht zu Hause gewesen war, machte sich die kleine Familie auf den Weg, um zu fliehen, mit Pferd und Wagen. Sie kamen bis Kirowograd. „Dort haben uns die Deutschen eingeholt“, berichtet Rita weiter. „Sie haben uns dahin zurückgeschickt, wo wir herkamen. Inzwischen hatte sich Perwomajsk schon in ein Ghetto verwandelt. Zweieinhalb Jahre waren wir dort. Wie uns Mama durchgebracht hat? Ich weiß es nicht. Es gibt ein Büchlein, ‚Das Majdanek am Bug‘, da hat der Autor unser Lager mit Majdanek verglichen. Es gibt kaum noch Überlebende wie mich, die diese Dinge aus eigener Erfahrung erzählen können. Ich bin eine der letzten …“

Rita entschuldigt sich, dass sie so durcheinander erzählt, und dass ihr immer wieder die Tränen kommen.

Überleben mit ein paar Gemüseschalen

„Dort im Ghetto wurde mein Bruder geboren. Das heißt, wir wurden für die Geburt rausgeschickt von den rumänischen Aufsehern. Eine ukrainische Frau hat Mama für die Hausgeburt aufgenommen. Ich weiß noch, wie ich mich erschreckt habe, als ich das Blut gesehen habe. So kam mein kleiner Bruder auf die Welt. Dann sind wir wieder zurück ins Ghetto. Morgen hat er Geburtstag. Er ist ein berühmter Künstler geworden.“

Nach und nach tauchen Erinnerungsfetzen über das Ghettoleben auf, das Rita schon bewusst erlebte. „Wir waren eng an eng in einem Raum zusammengepfercht. Die Familien haben sich ihre Schlafecken mit einem Betttuch abgetrennt. Geschlafen haben wir auf den harten Holzplanken. Wir haben nur überlebt, weil unser Opa ein geschickter Schuster war; die Handwerker haben sie leben lassen. David Kessler hieß er. Er hat mit uns nur Jiddisch gesprochen, er konnte gar kein Russisch, solange bis es von den sowjetischen Behörden verboten wurde.

Ab und zu hat uns eine Frau ein paar Gemüseschalen über den Stacheldrahtzaun geworfen. Wenn wir Glück hatten, haben sich die rumänischen Wachen rumgedreht. Wenn wir Pech hatten, haben sie uns die Sachen weggeschnappt. Manchmal haben sie uns Kinder losgeschickt, um Geld für sie zu erbetteln.“

Kriegsende und ein würdevolles Leben in Deutschland

Eines Tages, im März 1944, öffneten die Rumänen die Ghettotore und riefen den jüdischen Insassen zu: „Die Deutschen ziehen sich zurück. Lauft! Sonst werdet ihr alle erschossen!“ Manja kam mit ihren drei Kindern bei einer Frau namens Wasselissa unter. „Uns Kinder hat sie auf dem Ofen versteckt“, erinnert sich Rita. „Es war schmutzig da, voller Spinnweben. Aber so haben wir überlebt.“

Ritas Mutter wurde nur 56. Über die Kriegsjahre sprechen konnte sie nicht, nur weinen. „Wenn ihr wüsstet, was ihr für einen wunderbaren Vater hattet!“, habe sie den Kindern oft gesagt. „Dafür ist aus jedem deiner Kinder etwas geworden“, hätten die Nachbarn sie getröstet. Ritas großer Bruder wurde Mathematik-Professor. Sie selbst machte drei Abschlüsse als Lehrerin und Chorleiterin. Als die ganze Familie auf Initiative ihres inzwischen verstorbenen Mannes 1994 nach Deutschland kam, gründete sie den Berliner „Veteranenchor“, den sie jahrzehntelang leitete.

Nicht nur mit Blumen, sondern auch mit selbstgebackenen Waffelherzen konnte CSI den Überlebenden eine Freude bereiten.

Rita, die heute zwei Töchter, drei Enkel und zwei Urenkel hat, ist dankbar für die Versorgung, die sie erfährt. „Dank der Kompensationsleistungen kann ich mir heute ein würdevolles Leben leisten. Wenn doch meine Mutter das noch miterlebt hätte!“

Dann gibt es Blumen. Herrliche, üppig gebundene Sträuße und dazu die Grüße der vielen Unterstützer von Christen an der Seite Israels, die dahinterstehen. Sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Auch Ritas oranger Strauß strahlt mit ihrem Lächeln um die Wette.

Wenn Sie unsere Arbeit für Holocaust-Überlebende durch eine Patenschaft oder Spende unterstützen möchten, finden Sie hier weitere Informationen.











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