Sie haben jahrelang in Angst gelebt, verraten zu werden. Sie haben um ein paar Kartoffelschalen gekämpft und ihre Aussteuer gegen Brot getauscht, ihre Kinder unter Heuballen und in Erdhöhlen versteckt, Dokumente gefälscht, sich bei Luftangriffen über ihre Kinder geworfen oder ihre Verlobungsringe gegeben, um sie freizukaufen. Viele von ihnen haben ihr Leben gegeben als Märtyrer – als Zeugen des Gottes, der sich auf dieser Erde ein Volk vor allen anderen Völkern erwählt hat. Die, derer die Welt nicht wert war – die Mütter der Holocaust-Überlebenden.
Von Anemone Rüger
Nicht selten steht eine Reise zu den Überlebenden in der Ukraine unter einem besonderen Zeichen, das auf einen spezifischen Auftrag hindeutet. Diesmal war es der Muttertag. Irgendwann hatte es angefangen mit den Waffelherzen. Meine Mutter hatte ein paar frische Waffeln übrig und gab sie mir als Proviant mit.
In der Ukraine angekommen, beschloss ich, nur die Bruchstücke zu essen und die Waffelherzen eine Geschichte erzählen zu lassen: Von der Liebe zum jüdischen Volk, die mir meine Eltern von klein auf in den dunkelsten Zeiten des DDR-Kommunismus vermittelt hatten. Von da an legte meine Mutter ihre ganze Liebe in die Bäckerei. So wurden die Waffelherzen Träger einer Botschaft, die unzählige Holocaust-Überlebende erstaunte und berührte.
Als meine Mutter Mitte April lebensbedrohlich erkrankte und medizinisch so gut wie aufgegeben war, begannen Holocaust-Überlebende in der ganzen Ukraine, für sie zu beten. Ich hatte nur von weitem geahnt, wieviel die einfache Geste einer deutschen Mama den verwaisten jüdischen Kriegskindern bedeutet hatte. Sie beteten wie für eine nahe Verwandte und bald zeichnete sich ab, dass Gottes Weg mit meiner Mutter zurück ins Leben führte.
Als sich die Möglichkeit ergab, mit meiner ukrainischen Kollegin Alina eine Woche in der Ukraine zu verbringen, zögerte ich nicht – überzeugt, dass wir berufen sind, die zu trösten, die so viel mehr gelitten haben: Mit dem Trost, den wir selbst in schwierigen Zeiten empfangen haben. Mein Abflug fiel zufällig auf den 10. Mai: Muttertag. Am Morgen konnte ich gerade noch Pfingstrosen ins Krankenhaus bringen. Kaum war ich über die moldawisch-ukrainische Grenze in Odessa angekommen, fielen die göttlichen Begegnungen nur so vom Himmel. Und: Es ging immer wieder um die Mutter, die „jiddische Mamme“.
Moische alias Viktor
Viktor ist der Erste, den wir gleich vom Busbahnhof aus besuchen. Mit jiddischem Namen Moische, verrät er mir auf Nachfrage. Immer wieder findet Roman Schwarzman, der den Verband der Holocaust-Überlebenden in Odessa leitet, neue Überlebende für uns. Viktor wohnte damals so weit weg, dass die ganze schlimme Geschichte gar nicht hätte passieren sollen.
Als das Wetter schöner wurde Anfang Sommer 1941, nahm seine Mutter Meri ihren vierjährigen Moische mit auf eine große Reise: zu den Verwandten nach Tultschin bei Winniza. Über Nacht war Tultschin besetzt und Viktor wurde mit seiner Mutter und all seinen Verwandten ins Todeslager Petschora deportiert – zu Fuß. „Viele, die nicht mehr konnten, wurden unterwegs erschossen“, erinnert sich Viktor. „Das Kommando im Lager hatte ein Deutscher. Ein großer blonder Kerl. Er hat mit niemandem geredet. Die Ukrainer haben die Befehle ausgeführt. Es gab nur ein Gebäude. Wir haben auf der Treppe geschlafen, es gab keinen Platz. Wir Kinder sind raus und rein und haben etwas Essbares erbettelt, auf uns hat niemand geachtet.“

Eines Tages war Mama mit dabei
„Ein paar Mal im Monat ist ein LKW gekommen und hat Leute zur Erschießung gebracht. Ein Ukrainer hat sie immer ausgewählt. Ich erinnere mich an die Schreie, wie sie geweint haben. Dann wurden sie in den Wald gebracht. Wir haben die Schüsse gehört. Auch die Hunde. Eines Tages war auch Mama mit dabei. Sie wurde erschossen.“ Viktor erzählt ruhig und fast emotionslos, als wäre es eine Geschichte, die er irgendwo gelesen hat.
„So war ich mit fünf Jahren ganz allein. Papa ist gefallen. Ich habe kein Foto von Mama. Ich kann mich nur noch verschwommen erinnern, wie sie aussah. Aus dem Waisenhaus bin ich abgehauen, mit dem Güterzug bis auf die Krim, am Ende nach Feodosia. In dem Heim gab es sonntags 20 Gramm Butter aufs Brot.“
Dann will mir Viktor noch etwas zeigen: seine Boxhandschuhe. Er habe viele Wettkämpfe der UdSSR gewonnen, erklärt er stolz. Wir verabreden uns zum nächsten Festessen in der Gemeinde.
Nur das blutige Kleid kam zurück
Wir lernen Wjatscheslaw kennen, der mit seiner Mutter untertauchte und dann doch verraten wurde; dessen Vater von der Kommandantur nichts zurückbekam als das blutige Kleid seiner Frau und der darüber wahnsinnig wurde, so dass Wjatscheslaw beide Eltern durch dieselbe Tragödie verlor.
Es gibt Momente, da treibt es einen auf die Knie. Hier ist so ein Moment. „Mama hat mir ihre Gesundheit vererbt, dass ich so lange lebe“, sagt er. „Ich habe so viel erlebt, so viel überlebt. Im September werde ich 90. Ich lade euch ein.“

Versteckt im Kachelofen
Wir treffen Alexander gleichen Alters, der als Adolf in einer jüdischen Familie geboren wurde, seinen Namen aber aus offensichtlichen Gründen änderte. Seine Mutter Leah wuchs selbst als Waise auf – ihre Eltern wurde bei einem Pogrom ermordet. Bei Kriegsbeginn arbeitete sie bis zum letzten Moment in einer Näherei, in der Uniformen hergestellt wurden.
„Dann war es zu spät, um zu fliehen“, erinnert sich Alexander. „Mama hat mich versteckt – mal hier, mal da. In den alten Häusern gab es noch Kachelöfen. Wenn eine Razzia war, hat Mama mich da von oben reingesteckt. Ich habe gerade so reingepasst. Zum Glück sind sie nie mit den Hunden gekommen, das hat uns gerettet.“
Rettung mit Mamas goldener Uhr
Dann kommen wir zu Adolf Naumowitsch. Er hat seinen Namen beibehalten. Zärtlich küsst er seiner Frau die Hand, als er uns erklärt, dass er seit 63 Jahren mit Lubow verheiratet ist. Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen damals beim Tanz in Odessa. Auch er entging nur knapp dem Tod. „Als die Rumänen einmarschierten, sind sie von Haus zu Haus und haben nach Juden gesucht“, berichtet Adolf. „Sie haben uns Kinder gefunden und mit auf die Polizeistation genommen. Mama hatte eine goldene Uhr. Damit hat sie uns Kinder freigekauft.“
Versteckt im Wasser
„Wir haben uns im Wasser versteckt“, sagt Lilia. Ihr jüdischer Vater Iosif fiel bei Smolensk. „Eine Nachbarin hat uns verraten. Wir mussten uns verstecken. Immer wenn eine Razzia war, sind wir zum Fluss gegangen. Dort haben wir uns dann im kalten Wasser versteckt, unter der Brücke im Dunkeln. Mama hat mich getragen, ich war noch klein. Sie hat ihr Leben lang dafür mit ihren Gelenken bezahlt.“
Ein Herz für Antonina
Antonina ist allein auf der Welt. Das Wichtigste an unserem Besuch ist für sie, dass wir ihre selbstgemachten Wareniki probieren. Erst nach einer Weile sehe ich zwischen allerlei Wanddekoration ein vertrautes Tütchen – das Waffelherz von meiner Mutter. Antonina hat es seit drei Jahren aufbewahrt.
„Mama hieß Ester. Ester Lejbowna nach ihrem Papa Lejb“, erzählt Sinaida, die uns gleich im Hof an den Tisch bittet; inzwischen ist die Sonne hier am Stadtrand von Odessa herausgekommen. „Als die Rumänen in Odessa einmarschiert sind, sollten sich die Juden an der Zuckerfabrik einfinden. Wir sind auch hin. Aber es war eine Falle. Nur Papa durfte zurück, er war Russe. Als seine Mutter erfahren hat, dass sie uns dabehalten haben, hat sie ihre Wertsachen zusammengenommen und ist zur Zuckerfabrik. Sie hat den rumänischen Wachmann angebettelt, dass er uns freilässt, und hat ihm dafür ihr Gold angeboten. Da hat er mich herausgegeben. Oma hat ihn aufgefordert, Mama auch freizulassen, aber seine Antwort war: ‚Nein. Komm morgen früh wieder.‘“

Oma Natascha blieb nichts anderes übrig, als mit der kleinen Sina nach Hause zurückzukehren. Noch vor dem Morgengrauen machte sie sich wieder auf den Weg. Doch als sie um fünf Uhr an der Zuckerfabrik ankam, war niemand mehr da. „Mitten in der Nacht, früh um drei, hatten sie alle Juden abgeholt“, berichtet Sina. „Sie sind übers Feld zum Bahnhof getrieben und mit Viehwaggons deportiert worden. Wohin, haben wir nie erfahren.“
Nach einer Weile findet Sina das kleine Portraitfoto ihrer Mutter. „Oma ist meine Ersatzmutter geworden. Seit 53 Jahren gehe ich an ihr Grab und lege Blumen nieder.“ Für Sinaida hat der Vers aus Jesaja 43 auf der handgeschriebenen Karte aus Deutschland eine wörtliche Bedeutung: „Ich habe dich erkauft, du gehörst zu mir.“
Ein schweres Leben und trotzdem dankbar
„Mama kam aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Weißrussland“, erzählt Nina, während sie uns Tee eingießt. „In Malyn, einem jüdischen Schtetl bei Schitomir, hat sie in der Papierfabrik gearbeitet. Mama ist nur knapp dem Tod entgangen. Sie sollte drei Mal erschossen werden. Die Nachbarn haben sie verraten. Das erste Mal, als sie abgeholt wurde, war Mama mit mir schwanger. Meine ukrainische Oma ist dann auf die Wache und hat dem ukrainischen Wachmann ins Gewissen geredet. ‚Eine schwangere Frau zu erschießen ist eine große Sünde. Gott wird dich bestrafen!‘ Da hat er sie gehen lassen.“

Ninas Mutter versteckte sich, wurde aber von der Gestapo gefasst. Wieder konnte sie fliehen. Die Juden von Malyn wurden lebendig in einem Massengrab begraben, ihre Eltern wurden mit zwei ihrer Kinder in Belarus erschossen. „Mama und ich waren dann nach dem Krieg immer zusammen“, erzählt Nina über den Küchentisch. „Ich vermisse sie so! Am Schluss habe ich sie wie ein Kind gepflegt. Einmal habe ich zu ihr gesagt: ‚Mama, was hattest du für ein schweres Leben!‘ Da hat sie geantwortet: ‚Ja, aber heute bin ich glücklich. Ich bin glücklich, dass ich so eine Tochter habe!‘“
Noch haben wir die Gelegenheit, die zerbrochenen Herzen der Holocaust-Überlebenden zu verbinden, deren jüdische Mütter brutal ermordet wurden und deren nichtjüdische Mütter ihr Leben aufs Spiel setzten, um ihre Kinder zu retten. Danke, dass Sie uns darin unterstützen! Mehr über unser Patenschaftsprogramm und Hilfe für Holocaust-Überlebende lesen Sie hier.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
