Das Attentat löste weltweit Entsetzen aus: Am 21. Mai 2025 wurden Yaron Lischinsky und seine Freundin Sarah Milgrim vor dem Capital Jewish Museum in Washington D. C. von einem Terroristen erschossen. Beide waren Mitarbeiter der israelischen Botschaft in den USA. Der CSI-Vorsitzende Dr.Min. (CIU) Christian Frach sprach mit Yarons Vater Daniel und seinem Bruder Hanan über den vielseitigen Menschen Yaron, seine Träume und Hoffnungen, über den global explodierenden Antisemitismus – und darüber, wie der Glaube die Familie trägt.
Von Christian Frach
Christian Frach: Daniel, Hanan – danke, dass ihr euch die Zeit nehmt und wir so offen über Yaron sprechen können, obwohl es sicher sehr schmerzhaft ist. Das Attentat jährte sich am 21. Mai zum ersten Mal. Wie geht es euch heute?
Hanan: Der Jahrestag hat alles noch einmal sehr präsent gemacht. Im Alltag vergisst man es zwar nie, aber man ist beschäftigt. Mit dem Jahrestag kam alles wieder hoch. Doch Gott sei Dank können wir weitermachen.
Daniel: Ja, wir spüren die Hilfe unseres Herrn wirklich. Er trägt uns jeden Tag. Natürlich hat dieses Ereignis unser Leben für immer verändert. Wir weinen immer noch viel. Es ist immer noch schwer. Es wird schwer bleiben für den Rest unseres Lebens. Aber Gott gibt uns Kraft. Deshalb können wir weitergehen und fallen nicht in Depressionen.
Wer war Yaron – als Sohn, als Bruder, als Mensch? Erzählt ein wenig über ihn.
Daniel: Yaron war manchmal wie ein kleines Kind: eigentlich schüchtern, eine Sportskanone, immer positiv, mit einem ganz besonderen Humor. Außerdem war er sehr intelligent. Er war nicht wie ich: Ich reagiere oft aus dem Bauch heraus, aber Yaron hat immer zuerst nachgedacht. Er war treu und hat sich immer erkundigt, wie es anderen geht.
Hanan: Die erste Hälfte von Yarons Leben drehte sich fast nur um Sport – um Fußball, nichts anderes. Später hat er angefangen zu lesen und sich intellektuell enorm weiterentwickelt. Dabei ist eins immer geblieben: Er war unglaublich lustig. Außerdem war er ein echtes Schleckermaul. Er hat uns regelmäßig die Süßigkeiten weggegessen – oder sie an einem geheimen Ort versteckt.Er war auch sehr gesellig. Anfangs zurückhaltend, aber sobald er Menschen kennengelernt hatte, war er absolut gewinnend. Vielleicht nicht der typische Diplomat, der sofort auf jeden zugeht. Aber wenn man ihn kannte, war er einfach charmant.
In eurem Buch über Yaron „Augenblicke aus dem Leben eines Friedensstifters” zeigen Bilder sein fotografisches Talent, begleitet von Essays von Wegbegleitern. Was bedeutete es, mit Yaron unterwegs zu sein?
Daniel: In dem Buch lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Yaron auf unterschiedliche Weise geprägt und begleitet haben: etwa Botschafter Ron Prosor, der sein Professor an der Uni war; Freunde von uns, die ihn seit seiner Geburt kannten, und Weggefährten.
Hanan: Was sich durch alle Beiträge zieht, ist seine besondere, fast witzige Art, sich um Menschen zu kümmern – sogar um diejenigen, die ihm vorgesetzt waren. Seiner Chefin brachte er zum Beispiel Essen vorbei und sagte ihr, sie solle nicht so viel arbeiten. Genauso war er auch im Freundeskreis: in jeder Hinsicht fürsorglich. Vor allem aber interessierte er sich immer für die Menschen und ihre Familien.

Yaron war begeisterter Fußballspieler. Vor zwei Jahren traf eine Hisbollah-Rakete im drusischen Dorf Majdal Shams einen Fußballplatz und tötete zwölf Kinder. Ihr unterstützt ein Fußballprojekt dort. Welche Botschaft möchtet ihr damit senden?
Daniel: Die Familien der zwölf getöteten Kinder haben sich in einem Verein organisiert. Anlässlich von Yarons Geburtstag wollten wir etwas mit Fußball machen. So entstand die Idee, diese Familien zu ermutigen. Gemeinsam mit der deutschen Botschaft in Israel konnten wir Fußballtrikots und Bälle für die Kinder in Majdal Shams organisieren und sie besuchen. Die Botschaft war: Ihr seid nicht allein.
Die Drusen sind eine Minderheit in Israel, aber wir erinnern uns gemeinsam an unsere Kinder. Wir sind eins. Wir sind alle Israelis und wir leiden unter denselben Feinden. Deren Raketen unterscheiden nicht zwischen Juden, Drusen oder anderen. An der Gedenkstätte haben wir auch Yaron und Sarah vorgestellt. Kinder aus dem drusischen Dorf bekamen Fußbälle mit Bildern von ihnen. Das war ein sehr bewegender Moment. Wir möchten mit dieser Organisation auch in Zukunft in Verbindung bleiben und weitere gemeinsame Fußballprojekte auf den Weg bringen.
Im Buch wird Yaron als Brückenbauer beschrieben. In Washington kam er am Abend des Attentats von einer Veranstaltung des American Jewish Committee für junge Diplomaten, in der über humanitäre Hilfe für Gaza gesprochen wurde. Ausgerechnet so ein Brückenbauer – das macht es umso bitterer. Glaubt ihr noch an Brücken?
Hanan: Auf den ersten Blick macht es das natürlich noch bitterer. Aber in Israel ist niemand überrascht, dass diese Gewalt und der Juden- und Israelhass keinen Unterschied machen zwischen Menschen, die Brücken bauen wollen, und solchen, die das nicht tun. Wir glauben trotzdem an Brücken. Wir glauben, dass wir den einen, den wahren Brückenbauer kennen. Aber auch ganz praktisch hat Yaron Brücken gebaut. Diese Veranstaltung war nur eine von vielen, die er ganz bewusst besuchte, um Diplomaten aus arabischen Ländern kennenzulernen – auch aus Staaten, die keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhalten.
Er hat echte Beziehungen aufgebaut. Zuerst auf einer ganz persönlichen Ebene – durch sein ehrliches Interesse an den Menschen. Er war neugierig, fragte nach ihren Ländern, ihrem Alltag und ihren Familien. Ich bin nicht naiv und weiß, dass Frieden nicht entsteht, nur weil sich ein paar Botschaftsmitarbeiter gut verstehen. Aber genau solche Brücken kann man bauen. Und Yaron hat sie gebaut. Mit der Hamas oder dem iranischen Regime lassen sich solche Brücken nicht bauen. Aber wir müssen das tun, was möglich ist. Alles andere liegt in Gottes Hand.
Daniel: Die größte Brücke hat unser Herr Jesus am Kreuz gebaut – zwischen Gott und den Menschen. Ja, wir glauben an Brücken. Das ist auch Yarons Vermächtnis und wir versuchen, es weiterzutragen.
Dieser Glaube an Gott war für Yaron ebenso tragend wie für euch. Bei dem, was ihr durchmacht: Kommen euch manchmal Zweifel? Hat sich euer Glaube verändert?
Daniel: Zweifel nicht. Aber wenn man durch so eine Situation geht, wird der Glaube viel tiefer. Früher habe ich immer gebetet, dass Gott unsere Kinder beschützt. Und wenn dann so etwas passiert, fragt man sich natürlich: Hat jemand etwas falsch gemacht? Für mich war klar: Gott war nicht der Fehler.
So eine Erfahrung führt einen tiefer in den Glauben. Man setzt sich mit Dingen auseinander, die man nicht versteht und die man im Glauben annehmen muss. Gebet ist keine Coca-Cola-Maschine, in die man eine Münze einwirft und dann kommt die Cola raus. Gott weiß, warum Dinge geschehen. Und wir gehen im Glauben weiter. Bei anderen Menschen mag dieselbe Erfahrung das Gegenteil bewirken. Dass es bei mir nicht so ist, sondern mein Glaube gewachsen ist, das ist Gnade.
Daniel, du arbeitest in Israel als Tourguide und führst Gruppen durch das Land. Jetzt möchtest du die Hälfte deiner Zeit einsetzen, um gegen den global explodierenden Antisemitismus aufzustehen und sprichst in verschiedenen Ländern in Vorträgen. Was ist deine Botschaft?
Daniel: Mein größter Wunsch ist, dass jeder, der mich hört, zum Glauben an Gott findet. Daneben habe ich eine zweite Botschaft: Niemand darf einem anderen Menschen Gewalt antun – wegen seiner Hautfarbe, seines Glaubens, seiner Herkunft oder aus anderen Gründen. Und es ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Das ist eine uralte Macht der Finsternis. Sie tritt immer wieder in unterschiedlicher Verkleidung auf: manchmal religiös, manchmal politisch, manchmal als Israelhass. Gerade in den Kirchen ist es mir wichtig, darüber zu sprechen.
Wir müssen sehr sorgfältig prüfen, was wir hören und lesen. Nicht alles, was in den Medien verbreitet wird, entspricht der Wahrheit. Denn wenn ein Vorwurf wie „Völkermord“ erhoben wird, ist das eine ernste Angelegenheit. Es geht hier nicht um eine Meinung über das Wetter oder ob Bayern gut gespielt hat oder nicht. Es ist sehr schwerwiegend, wenn die Idee konstruiert wird, dass Israel einen Genozid in Gaza verübt. Die Konsequenzen sind das, was wir gesehen haben: Dass jemand eine Waffe nimmt und einfach zwei Israelis tötet.
Der Attentäter, der Yaron und Sarah getötet hat, sagte, er hätte das für Gaza getan …
Daniel: Genau. Wenn du solche Ideen in den Medien hörst, musst du sehr aufpassen, was das in deinem Kopf macht. Du musst dich besser informieren, tiefer gehen. Und die Wahrheit entdecken. Viele Medien wollen oft populistische Meinungen verkaufen.
Daniel, du möchtest nicht nur in Gemeinden sprechen, die ohnehin fest an der Seite Israels stehen. Du möchtest diejenigen erreichen, die sich mit dem Thema bisher kaum beschäftigt haben. Wie willst du sie erreichen?
Daniel: Ich möchte mit Pastoren ins Gespräch kommen, die das Thema Israel bisher kaum behandeln. In Deutschland gibt es viele Gemeinden, die sagen: „Finger weg von dem Thema Israel.“ Andere wissen einfach wenig darüber oder haben sich noch nie intensiver damit beschäftigt, dass Gott weiterhin einen Plan mit dem Volk Israel hat. Außerdem spreche ich in jüdischen Gemeinden. Ich möchte Juden und Christen gleichermaßen ermutigen, gegen Antisemitismus aufzustehen und nicht gleichgültig zu bleiben.
Hanan: Es gibt Gott sei Dank viele Gemeinden, die fest an der Seite Israels stehen. In den vergangenen Tagen habe ich aber auch viele Christen getroffen, die gesagt haben: „Früher standen wir klar hinter Israel. Aber wenn wir sehen, was gerade passiert, kommen uns Zweifel.“ Ich finde, das ist ein wichtiger Fokus dieser Arbeit. Es geht nicht nur darum, unerreichte Leute zu erreichen oder überzeugten weiter zu predigen, sondern denen dazwischen: Den vielen Christen, die nicht verstehen, nicht genug wissen, einfach und klar die biblischen Zusammenhänge zu erklären.
Christen sollen an der Seite des jüdischen Volkes stehen und die Politik ist dabei komplett zweitrangig. Ob du Netanjahu unterstützt oder nicht – und die Hälfte der Israelis tut es nicht –, ist völlig unerheblich dafür, ob ein Christ an der Seite des jüdischen Volkes stehen sollte. Das ist ein theologischer Fakt, ein biblisches Gebot.

Braucht es also eine tiefere biblische Verankerung, damit Christen in der Israel-Frage nicht verunsichert werden?
Hanan: Absolut. Denn wenn das Fundament für die Unterstützung Israels nur lautet: „Wir waren mal auf Israelreise, das ist ein schönes Land und die Datteln sind lecker“, dann reicht das nicht. Wenn Menschen dann mit schweren Vorwürfen gegen Israel konfrontiert werden, geraten sie leicht ins Wanken.
Hanan, du schreibst für All Israel News, ein Online-Nachrichtenportal. Was erhoffst du dir durch diese Arbeit?
Hanan: Das schließt direkt daran an. All Israel News ist keine theologische Plattform, sondern eine Nachrichtenseite. Unser Ziel ist es, Material für eine fundierte Meinungsbildung bereitzustellen. Wir wollen Christen Fakten an die Hand geben, damit sie sich auf dieser Grundlage selbst ein Urteil bilden können: über den Krieg, über politische Entscheidungen. Diese ganzen Sachen eben, die zweitrangig sind für die Frage, ob wir an der Seite Israels stehen. Aber sie sind wichtig als eine Grundlage für das Gebet und sie gehören zur Unterstützung Israels dazu.
Darüber hinaus möchten wir eine Plattform für unterschiedliche Stimmen bieten. Uns ist wichtig, dass auch arabische Christen zu Wort kommen, denn sie werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen. Das gilt ebenso für messianische Juden.
Habt ihr die Hoffnung, dass Antisemitismus noch eingedämmt werden kann in dieser Welt?
Hanan: Als Christen sind wir zur Hoffnung verpflichtet. Und wir sind dazu berufen, unseren Teil zu tun. Was am Ende mit diesen großen Fragen geschieht, liegt nicht in unserer Hand. Wenn man die vergangenen Jahrzehnte betrachtet, verläuft Antisemitismus in Wellen. Ich bin kein Prophet, aber wenn du mich vor dem 7. Oktober gefragt hättest, was bei einem neuen Gaza-Krieg passieren würde, hätte ich ungefähr das vorausgesagt: Immer, wenn es in Israel einen großen Krieg gibt, nimmt auch der Antisemitismus weltweit zu. Mit Gottes Hilfe wird das in den kommenden Jahren wieder abnehmen. Ganz verschwinden wird der Antisemitismus aber nie, weil er eine spirituelle Dimension hat.
Eure Mission ist, das Erbe Yarons in die Welt zu tragen. Wie können Christen in Deutschland, die an der Seite Israels stehen, euch in dieser Mission unterstützen?
Daniel: Zuallererst beten. Dann: Baut Beziehungen zu jüdischen Menschen auf. Ladet sie ein, interessiert euch für ihr Leben und fragt, was sie brauchen. Steht gegen Antisemitismus auf. Und vergesst in euren Gemeinden das Alte Testament nicht. Es gibt Kirchen, in denen fast nur über das Neue Testament gepredigt wird. Lasst das jüdische Volk nicht außen vor – und auch nicht den jüdischen Jesus.
Hanan: Wir verlangen von niemandem, sein Leben komplett Israel zu widmen. Niemand muss jetzt viermal im Jahr nach Israel reisen und sich ständig kiloweise israelische Datteln bestellen. Oder gar zum Judentum konvertieren. Aber es geht um die Basis. Israel ist nicht das Zentrum des christlichen Glaubens, aber ein unabdingbarer Teil davon. Das versuchen wir zu vermitteln.
Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche euch die Erfahrung echten Trostes vom Gott allen Trostes.
CSI-Vorsitzender Christian Frach ist mit der messianisch-jüdischen Familie Lischinsky seit über 20 Jahren verbunden – sie kennen sich aus gemeinsamen Jahren in Zirndorf, wo Christian ihr Pastor war. 2009 kehrte die Familie nach Israel zurück.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 146. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
