Bis zum letzten Moment war nicht klar, ob sie angesichts der aktuellen Lage im Nahen Osten stattfinden könnte oder nicht: die erste Pastoren-Reise von CSI nach Israel. Doch dann ging es los und 35 Pastoren reisten unter der Leitung von Dr. Tobias Krämer und Luca Hezel im Februar ins Heilige Land – viele von ihnen zum erstem Mal. Ein Reiseteilnehmer berichtet von eindrucksvollen Erlebnissen und davon, wie Land und Leute unser westliches Denken immer wieder herausfordern.
Von Lukas Eberhardt, Pastor der evangelischen Freikirche Gemeinde Gottes in Hirsau (Calw)
Ich sitze im Flugzeug und schaue aus dem Fenster. Der Himmel ist strahlend blau, einige weiße Wolken sind zu sehen. Hinter mir liegen sehr bewegende, faszinierende und inspirierende Tage, die mein Herz mit großer Dankbarkeit erfüllt haben. Gemeinsam mit 35 Pastoren und Gemeindeleitern durfte ich acht Tage lang durch Israel reisen. Geleitet wurde unsere Gruppe von einem CSI-Team: Luca Hezel, Dr. Tobias Krämer, Dina D´Monte und Talita Höhl.
Als Tobias mich am letzten Abend der Reise fragte, ob ich diesen Bericht schreiben könnte, zögerte ich. Wie soll ich mit geschriebenen Buchstaben das zum Ausdruck bringen, was ich in den letzten acht Tagen gesehen und erlebt habe? Das ist unmöglich. Aber ich will es trotzdem versuchen. Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.
Am ersten Tag nach der Anreise besuchen wir den Kibbutz Kfar Aza, der am 7. Oktober 2023 mit voller Wucht vom Hamas-Terror getroffen wurde. Von Paul, einem der jüdischen Bewohner, werden wir durch den Kibbutz geführt. Viele kleine Häuser reihen sich aneinander. Palmen, ein Spielplatz, ein Fußballplatz und ein Swimming-Pool sind zu sehen. Die Sonne scheint, es ist warm. Und das im Februar. Alles sieht so friedlich aus. Paul erzählt uns, dass hier jeder jeden kannte und dass regelmäßig Kibbutz-Feste gefeiert wurden.
Ich spüre ein Stück Himmel auf Erden. Doch der Kibbutz liegt nur wenige Kilometer von Gaza entfernt. Raketenbeschuss gehörte seit vielen Jahren zum Alltag. Ich frage Paul, wie er das Leben an diesem Ort beschreiben würde. Er sagt: „95 Prozent Himmel und fünf Prozent Hölle.“ Paul merkt, wie surreal alles auf uns wirkt, deshalb sagt er mehrfach: „Ihr denkt westlich.“ Damit hat er Recht. Mit meinem westlich geprägten Denken komme ich hier nicht weiter.

„Hier werden wieder Kinder spielen“
Dann erzählt uns Paul vom 7. Oktober, an dem der 950 Einwohner große Kibbutz von mehr als 300 Terroristen überfallen wurde. Zu fast jedem der Häuser, an denen wir vorbeilaufen, kann Paul uns die Geschichte der Menschen erzählen, die dort gewohnt haben. Die Terroristen wussten genau, wie der Kibbutz aufgebaut ist, wie viele Menschen in welchen Häusern wohnen, wo Hunde vorzufinden sind und so weiter.
Im Gazastreifen hat man Nachbildungen des Kibbutz gefunden, die zu Übungszwecken gedient haben. Palästinensische Gastarbeiter aus dem Gazastreifen haben diese Informationen gesammelt; Menschen, denen man vertraut hat und die durch die Arbeit im Kibbutz ihre Familien ernähren konnten. Unfassbar. Die Terroristen haben alles getötet, was sie töten konnten, und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Derzeit wird der Kibbutz wieder aufgebaut. Paul verabschiedet uns mit dem Satz: „Bitte kommt wieder. In zwei Jahren werden hier Kinder spielen und lachen.“
„Hass liegt nicht in unserer DNA“
Anschließend fahren wir an den Ort, an dem das Nova-Festival stattgefunden hat. Umgeben von einigen Bäumen feierten zahlreiche Israelis ein Musikfestival, die meisten von ihnen waren junge Erwachsene. Hunderte von ihnen wurden am 7. Oktober getötet. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte. In einem Zelt daneben sitzt ein Jude, vielleicht in meinem Alter, und schreibt eine Tora-Rolle ab. Auf einem Plakat vor dem Zelt lese ich, dass das eine symbolische Handlung sei, nach dem Motto: „Hier habt ihr uns getötet, doch wir lassen uns nicht unterkriegen.“
Eine säkulare Jüdin mittleren Alters fragen wir später, ob Israel denn kein Problem mit Hass- und Rachegefühlen hat – das wäre ja zu erwarten. Sie zögert kurz, denn darüber hat sie noch nie nachgedacht. Dann sagt sie: „Das gehört nicht zu unserer DNA. Und wir wollen auch nicht, dass unsere Kinder mit Hass und Rache aufwachsen.“ Ich staune und bin berührt von der Stärke dieses Volkes.
Im Norden Israels treffen wir Moshe, ein Jude mit schweizerischen Wurzeln. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern wohnt er nur wenige Kilometer von der syrischen und jordanischen Grenze entfernt in einem traumhaft schönen Haus mit großem Garten. Moshe berichtet uns, wie er nach dem 7. Oktober Angst vor einem Einmarsch der Hisbollah hatte. Während dieser Zeit hatte er nachts eine Waffe auf dem Nachttisch liegen.

Moshe erzählt aus seinen Erinnerungen. Nach dem Sturz des Assad-Regimes 2024 bekam Moshes Einheit umgehend den Befehl, einige Militärbasen direkt hinter der Grenze einzunehmen, um eine Pufferzone herzustellen. Ohne die Pufferzone hätten Moshe und seine Nachbarn bei einem Angriff nur sieben Minuten Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen – nun haben sie immerhin eine halbe Stunde.
Mit einem Schweizer Dialekt erzählt Moshe, wie sie den Hang, der auf der anderen Seite des Tales liegt, hinaufgefahren sind und nicht wussten, was sie dort erwarten wird. Doch die Militärbasen waren menschenleer. Nach dem Sturz des Assad-Regimes haben die Soldaten ihre Waffen und ihre Klamotten zurückgelassen und sind gegangen. Somit war es leicht, jene Pufferzone herzustellen, und doch ist diese Geschichte irgendwie abstrus: Morgens erhielt Moshes Einheit den Befehl, die Militärbasen einzunehmen. Um 16 Uhr war Moshe wieder zu Hause und hat mit seiner Frau einen Kaffee getrunken. Ich finde es einfach nur verrückt.
Anschließend haben wir in Moshes Garten eine Weinverkostung mit israelischen Weinen. Wie in Kfar Aza spüre ich wieder ein Stück Himmel auf Erden. Alles ist so nah beieinander: Lebensfreude und Krieg, Schönheit und Zerstörung, und in alldem bleiben Menschen wie Moshe gelassen. Für mich als Deutscher ist das kaum zu verstehen.
Unterwegs auf den Spuren Jesu
Israel ist das Land, in dem Jesus gewirkt hat. In Jerusalem wurde vor wenigen Wochen eine Pilgerstraße aus der Zeit Jesu zur Besichtigung eröffnet. Die Straße war einst circa 30 Meter breit und führte hinauf in den Tempel. Entlang der Straße lassen sich noch die Verkaufsstände erkennen, in denen zur Zeit Jesu Händler ihre Waren angeboten haben. Anders als damals läuft man jedoch nicht unter freiem Himmel. Da die Straße unter Wohnhäusern liegt, hat man sie mit einem ungefähr fünf Meter breiten Tunnel überbaut.
Durch diesen Tunnel laufen wir nun also auf den Pflastersteinen und Stufen empor, die auch schon die Füße Jesu berührt haben. Wenn diese Steine reden könnten … Am Ende des Tunnels, wo das Tageslicht einen zwingt, die Augen zusammenzukneifen, lege ich staunend meinen Kopf in den Nacken. Vor mir sehe ich eine große Stützmauer, die den Beginn der Fläche markiert, auf der der jüdische Tempel stand. Direkt neben der Stützmauer liegen große, wild aufeinander geworfene Steine.
Unser Guide erklärt, dass die Römer im Jahr 70 nach Christus den Tempel zerstörten und diese Steine – Steine des Tempels – herunterwarfen. Und da liegen sie nun. Direkt vor mir. Steine aus dem jüdischen Tempel aus der Zeit Jesu. Ich kann es kaum glauben.
Am liebsten würde ich noch von spannenden Ausgrabungen erzählen wie zum Beispiel der alten Davidstadt, dem Tunnel des Hiskia, der Synagoge in Magdala, in der Jesus wahrscheinlich gepredigt hat, oder der Stadt Hippos, heute Susita, einer der Städte der Dekapolis. Hier irgendwo hat Jesus den besessenen Gerasener befreit, dessen Dämonen in die Schweine fuhren.

Neben den biblischen Orten könnte ich von vielen Begegnungen erzählen, die mich berührt haben. Mit Arje Sharuz Shalicar, Pressesprecher der israelischen Armee während des Gazakriegs, David Nekrutman, orthodoxer Rabbi, Rena Quint, 91-jährige Holocaust-Überlebende und gelehrte Frau – so viele bemerkenswerte Persönlichkeiten.
Gerne würde ich erzählen vom Schabbat-Beginn an der Klagemauer, von Yad Vashem, dem Besuch der Jewish Agency und des Jüdischen Nationalfonds, von Qumran, dem Gartengrab und einem wundervollen Konzert, das uns die messianische Band Miqedem bereitet hat. Doch das sprengt den Rahmen. Wir haben unfassbar viel erlebt.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass das jüdische Volk mir trotz meiner deutschen Vergangenheit eine Liebe entgegenbringen würde, wie ich sie von Unbekannten nur selten zu spüren bekomme. Israel ist einzigartig: das Land, die Menschen, die Kultur, das Leben. Ich werde diese Reise nie vergessen.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
