„Wer Christ ist, folgt einem jüdischen Rabbi” – Christian Frach, neuer 1. Vorsitzender von CSI, im Interview 

„Wer Christ ist, folgt einem jüdischen Rabbi” – Christian Frach, neuer 1. Vorsitzender von CSI, im Interview 

Im Gespräch mit Dr. Tobias Krämer (li.) erläutert Dr. Min. (CIU) Christian Frach, warum er sich auf die neue Aufgabe als 1. Vorsitzender von Christen an der Seite Israels (CSI) freut. Foto: Michael Immendörfer
Im Gespräch mit Dr. Tobias Krämer (li.) erläutert Dr. Min. (CIU) Christian Frach, warum er sich auf die neue Aufgabe als 1. Vorsitzender von Christen an der Seite Israels (CSI) freut. Foto: Michael Immendörfer

Seit dem 15. April dieses Jahres war Dr. Min. (CIU) Christian Frach der designierte Nachfolger von Luca Hezel in der Leitung von Christen an der Seite Israels (CSI). Bei der Jahreshauptversammlung des Vereins am 27. Juni in Korntal wurde Frach zum neuen 1. Vorsitzenden von CSI gewählt. Im Interview erzählt er von seiner tief in der Familiengeschichte verankerten Liebe zum jüdischen Volk und davon, wie vier Leidenschaften zu einer neuen Berufung verschmolzen sind. Die Fragen stellte Dr. Tobias Krämer.

Tobias Krämer: Christian, du bist der neue 1. Vorsitzende von CSI. Mittlerweile bist du schon ein paar Wochen mit uns unterwegs und so frage ich mal ganz direkt: War es die richtige Entscheidung?

Christian Frach: Jetzt darf ich natürlich nichts Falsches sagen (lacht). Aber im Ernst: Selten konnte ich eine Frage so eindeutig mit „Ja!“ beantworten. Ich drücke es mal so aus: Als ich das erste Mal in Israel aus dem Flugzeug stieg, hatte ich sofort das Gefühl: „Jetzt bin ich daheim.“ Und ganz ehrlich – bei CSI anzukommen, fühlt sich ziemlich ähnlich an.

Das ist gut zu hören. Stell dich doch bitte in ein paar Sätzen vor. Wie alt bist du? Hast du Familie? Wie sieht dein Lebenskontext aus?

Ich bin 47 Jahre alt und knapp die Hälfte davon, genauer gesagt 23 Jahre, glücklich verheiratet mit meiner Frau Julia. Gemeinsam haben wir zwei großartige Töchter im Teenageralter. Wir leben als Familie in Moosburg an der Isar, nordöstlich von München, und kümmern uns dort auch um meine betagten Eltern. Als waschechte Bayern gehören Berge, Seen und Biergärten natürlich zu unserem Lebensgefühl dazu. Gleichzeitig sind wir tief in unserer Gemeinde und im Gebetshaus Landshut-Moosburg verwurzelt, wo wir uns nach wie vor engagieren.

Natürlich ist auch dein beruflicher Werdegang von Interesse, der sehr vielseitig ist. Kannst du uns davon ein wenig berichten?

In den vergangenen Jahren hatte ich vier verschiedene „Hüte“ auf – und irgendwann war klar, dass es an der Zeit ist, mich zu fokussieren. Das Faszinierende daran: In der neuen Aufgabe bei CSI laufen diese vier Bereiche unmittelbar zusammen.

Da ist zunächst der Pastor: Nach meinem Studium an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg war ich sechs Jahre in der Christusgemeinde Zirndorf tätig und anschließend insgesamt 17 Jahre in der Freien evangelischen Gemeinde Moosburg.

Der zweite „Hut“ ist der des Gründers und Leiters des überkonfessionellen Gebetshauses Landshut-Moosburg. Die Leidenschaft für Gebet und Einheit unter Christen haben mich dort über viele Jahre geprägt.

Der dritte Bereich ist Coaching und Persönlichkeitsentwicklung. Als Selbstständiger war ich im christlichen wie auch im säkularen Umfeld unterwegs – unter anderem in den Themen Berufungsfindung, Teambuilding und Persönlichkeitsdiagnostik.

Und beim vierten „Hut“ sind wir beide uns begegnet: Über die Akademie für Weltmission in Korntal konnte ich an der Columbia International University promovieren. Meine Dissertation mit dem Titel „Die Gebetshausbewegung und Israel“ verbindet genau die zwei Themen, die mir besonders am Herzen liegen.

Dass Theologie, Israel, Gebet, Coaching, Personalentwicklung und Leiterschaft einmal so zusammenfinden würden, hätte ich selbst kaum erwartet. Das gibt es wohl – fast – nur in der Aufgabe des CSI-Vorsitzenden.

Du sagst, dass die Liebe, die du zum jüdischen Volk hast, in deiner Familie schon über Generationen zu finden ist. Woran macht sich das fest? Gibt es dazu Geschichten zu erzählen?

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war vor der Schoah zu etwa einem Drittel jüdisch. Viele der umliegenden Häuser gehörten jüdischen Familien und mittendrin stand die Bäckerei meiner Groß- und Urgroßeltern. Diese waren überzeugte Christen. Sie pflegten enge Freundschaften mit ihren jüdischen Nachbarn und hatten auch während der Zeit des Nationalsozialismus einen wachen Blick für das, was geschah. Die zum Teil abenteuerlichen Geschichten aus dieser Zeit, die sich direkt vor unserer Haustür abgespielt haben, haben mich schon als Kind tief bewegt.

Besonders geprägt hat mich auch eine Großtante, die mit bei uns im Haus lebte und viel für uns betete. Sie prägte mir den Gedanken von Corrie ten Boom ein: „Du kannst nicht Gott lieben, ohne das jüdische Volk zu lieben.“

Das führt mich zur nächsten Frage. Vor kurzem hast du die starke Aussage geprägt, dass Christsein ohne Israel undenkbar sei. Ist das nicht bisschen übertrieben? Erkläre doch bitte, wie du das meinst.

Nun, vielleicht klingt diese Aussage im ersten Moment etwas zugespitzt. Aber lass uns mal genauer hinschauen. Christsein dreht sich schließlich um Christus. Und das bedeutet zunächst einmal ganz schlicht: Wer Christ ist, folgt einem jüdischen Rabbi. Schon deshalb ist der Ansatz widersprüchlich, Christ sein zu wollen und gleichzeitig Israel abzulehnen.

Doch es geht noch tiefer. Israel wird im Alten Testament als „Sohn Gottes“ bezeichnet und war berufen, den Bund zu halten. Weil Israel daran scheiterte, wurde Gott selbst Mensch. Aber nicht nur Mensch, sondern Jude. Jesus wurde von einer jüdischen Mutter geboren, beschnitten und lebte nach der Tora. Er hat nicht nur das Menschsein so gelebt, wie Gott es ursprünglich gedacht hat, sondern auch das Judesein. Als Jude hat Jesus den Bund gehalten, die Tora erfüllt und zugleich die Strafe getragen. Durch ihn ist der Bund jetzt sowohl von göttlicher als auch von menschlicher – und damit jüdischer – Seite her erfüllt. Deshalb musste Jesus notwendigerweise Jude sein – und bleiben. Und das ist er auch heute noch.

Jetzt erst kommen wir, die Menschen aus den Nationen, ins Spiel. Durch den Glauben an Jesus wird der Weg zum Vater frei. Als Christen sind wir Teil des Leibes Jesu. Aber dieser Leib ist ein jüdischer Leib. Vielleicht nähern wir uns mit diesem Gedanken dem Geheimnis der wilden Zweige, die – wie Paulus in Römer 11 schreibt – in den edlen Ölbaum „eingepfropft“ werden. Wenn wir das ernst nehmen, dann ist die Aussage, dass Christsein ohne Israel undenkbar ist, eigentlich nur die konsequente Schlussfolgerung.

Du hast ein Gebetshaus mitaufgebaut und dort wird auch intensiv für Israel gebetet. Warum sollen Christen das tun und welche Erfahrungen kann man mit Israelgebet machen?

Beim Beten geht es nicht in erster Linie darum, Gott über etwas zu informieren, das er ohnehin längst weiß. Gebet bedeutet vor allem Beziehung: in seiner Nähe zu sein, am Vaterherz Gottes. Es geht darum, ihn anzubeten, weil er es wert ist, und darum, dass wir in seiner Gegenwart selbst verändert werden – indem wir seine Stimme hören und uns hineinnehmen lassen in seine Pläne.

Wenn wir diese Haltung einnehmen, dann beginnen wir zu lieben, was er liebt. Unser Herzschlag passt sich seinem an. Und genau dort, am Vaterherz Gottes, begegnen wir auch Israel – dem Volk, das er trotz aller Schwachheit und Fehler liebt (5. Mose 7,7–8). Deshalb würde ich sagen: Die erste und wichtigste Erfahrung des Israelgebets ist, dass Gott mein eigenes Herz verändert – mein Denken, meine Haltung und meine Perspektive. Von seiner Liebe ergriffen, werde ich zu einem Menschen, der liebt, der helfen will und der als Christ an der Seite Israels steht. Selbst wenn man so manches noch nicht verstanden hat.

Weiten wir nochmals den Blick. Als Pastor hast du viel Gemeindeerfahrung. Warum ist das Thema Israel oft so schwierig und wie geht man weise damit um?

Dafür gibt es sicher viele Gründe. Für mich sind jedoch zwei Punkte zentral. Der erste Grund ist, dass wir als Christen stark vom Individualismus unserer Zeit geprägt sind. In der frommen Variante klingt das dann so: „Mein Jesus und ich.“ In den Evangelien sehen wir jedoch, dass Jesus das „Evangelium vom Reich“ verkündigt hat. Seine Vision geht also weit über meine persönliche Errettung oder mein individuelles Glück hinaus. Das betrifft viele Themen im Gemeindeleben – beim Thema Israel wird es aber besonders deutlich. Je mehr wir uns hin zur Perspektive des Reiches Gottes bewegen, desto eher gelingt es uns auch, Israel wieder in den größeren Zusammenhang von Gottes Handeln einzuordnen.

Der zweite Grund ist unser starkes Harmoniebedürfnis. Wir wollen nett zueinander sein, niemandem auf die Füße treten und nach außen zeigen, dass wir ganz normale Leute sind. Das ist ja auch gut. Aber manchmal führt es dazu, dass schwierige Themen lieber unter den Teppich gekehrt werden. Und beim Thema Israel ist es praktisch unmöglich, es allen recht zu machen. Gerade wenn man angepasst oder konfliktfrei wirken möchte, wird Israel lieber ausgeklammert. Das sehe ich kritisch.

Ein weiser Umgang bedeutet nicht, bewusst zu provozieren. Ich versuche vielmehr, viel über die Liebe und Treue Gottes zu sprechen – und komme dadurch ganz natürlich auf Israel. Oder ich zeichne die großen Linien der Heilsgeschichte und Gottes Vision für die Welt als „Big Picture“ – und ordne Israel darin ein. Herausfordernd bleibt das Verhältnis Gemeinde – Israel aber dennoch. Das steht außer Frage …

Das Thema wird uns weiter begleiten, das ist offenkundig. Zuletzt noch eine einfache Frage: Worauf freust du dich bei CSI am meisten?

Auf das Team. Du kannst als Christ an vielen Stellen etwas für Israel tun. Aber es gemeinsam mit dieser hochmotivierten Mannschaft tun zu dürfen, ist einmalig.

Vielen Dank für dieses Gespräch und Gottes Segen für deine weitere Arbeit!

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