Zur theologischen Bedeutung des Staates Israel

Zur theologischen Bedeutung des Staates Israel

Bild von Jerusalem
Dem Staat Israel eine theologische Bedeutung zuzuerkennen, war nicht selbstverständlich. Die evangelische Landeskirche im Rheinland hat es 1980 getan. Foto: Dariusz Kanderz | Unsplash


Die Staatsgründung Israels 1948 – ein Zufall der Geschichte oder Gottes Plan? Die folgende Analyse wirft einen Blick auf die biblische Verbindung von Gott, Volk und Land und sie beleuchtet, warum der Staat Israel weit mehr ist als nur ein politisches Gebilde: ein kraftvolles Signal der Treue Gottes.

1980 ist ein besonderes Jahr. Zum ersten Mal hat eine evangelische Kirche dem noch jungen Staat Israel eine theologische Bedeutung zuerkannt. Wir sprechen von der evangelischen Landeskirche im Rheinland und ihrem berühmten Synodalbeschluss.

Dem Staat Israel eine theologische Bedeutung zuzuerkennen, war nicht selbstverständlich. Denn durch die Verirrungen der Nazi-Zeit hatte man das Gegenteil gelernt: das Staats- und Politikwesen generell kritisch zu betrachten und keinesfalls theologisch zu legitimieren. Dennoch führen die Rheinländer Israels Staatsgründung von 1948 auf Gott zurück. Die ‚Israel-Formel‘, die die rheinische Synode verwendet, lautet: „Die Errichtung des Staates Israel [ist ein] Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk.“[1]

Diese Formel ist erfreulich griffig. Sie findet bei CSI volle Zustimmung, so dass sie als Ausgangspunkt für unsere Positionsbestimmung dienen wird. Sie löst aber auch Fragen aus: Inwiefern kann der Staat Israel, der in weiten Teilen säkular ist, so unmittelbar auf Gott zurückgeführt werden? Und wie ist der Begriff Zeichen zu verstehen – ist der Staat Israel nur ein verhaltener Hinweis oder ein kraftvolles Signal an die ganze Welt?

Gott und Israel: biblische Grundlinien

An der rheinischen Israel-Formel fällt auf, dass Israel unmittelbar mit Gott in Verbindung gebracht wird. Die Errichtung des Staates Israel wird als Werk Gottes angesehen, die Juden werden Gottes Volk genannt. Auf diese Weise knüpft die Synode an die Bibel an. Dort wird Gott dutzendfach als Gott Israels vorgestellt – des Volkes wie des Landes. Denn das Land ist Gottes Land.[2]Und es ist für das Volk Israel bestimmt.[3]

Der Dreiklang Gott + Volk + Land ist in der Bibel von grundlegender Bedeutung. Bereits Abraham wird von Gott ein Volk und ein Land (das spätere Israel) versprochen (1. Mose 12,1–3). Diese Verheißung wird an Isaak und Jakob weitergegeben.[4] Jakob, der Vater des Zwölf-Stämme-Volks, wird von Gott in Israel umbenannt – daher der Name (1. Mose 32,29; 35,10). Nachdem Israel in Ägypten zu einem Volk geworden war, holt Gott es durch Mose heraus und führt es unter Josua in sein Land. Unter Saul wird Israel zum Königreich, unter David gelangt es zur Blüte, unter Salomo zu Reichtum und Glanz. Dann folgt die Reichsteilung und die Geschichte des Niedergangs beginnt.

Die Zerstörung Israels ist ein Schock: 721 vor Christus fällt das Nordreich den Assyrern zum Opfer, 586 vor Christus wird das Südreich ins Babylonische Exil verschleppt. Beides wird von den Propheten Israels als Gericht Gottes verstanden. Doch verspricht Gott seinem Volk, dass er weiterhin zu ihm steht und es in sein Land zurückbringen wird. Von einer nationalen Wiederherstellung und geistlichen Erneuerung ist die Rede. Ganze Textblöcke wie Jesaja 59–60, Jeremia 30–33, Hesekiel 36–39 sind dieser Thematik gewidmet. Diese Verheißungen sind bis heute nie abschließend erfüllt worden. Deshalb wird auch die spätere Zerstörung Israels durch die Römer (1./2. Jahrhundert nach Christus) nicht das letzte Wort haben. Auch sie steht, so zentrale Aussagen im Neuen Testament, unter dem Vorzeichen der noch ausstehenden Wiederherstellung.[5] Gott hält treu an Israel fest, auch am untreuen Israel, und wird seine Verheißungen an Israel erfüllen (vergleiche Römer 11,28–29). Das ist eine Grundbotschaft der Bibel. Von dieser Treue leben auch wir Christen (2. Timotheus 2,13).

Allzu oft werden beim Thema Israel die biblischen Hintergründe nicht zur Kenntnis genommen; es ist somit zu würdigen, dass die rheinische Synode dezidiert aus biblischer Perspektive über Israel spricht. Zu würdigen ist ferner, dass die Errichtung des Staates Israel nicht als das Zeichen, sondern nur als ein Zeichen der Treue Gottes verstanden wird. Denn Israel hat die Treue Gottes auch in der Zerstreuung (Diaspora) erlebt und erlebt sie dort noch immer. Das heißt nicht, dass man Land und Staat nach Belieben zur Disposition stellen könnte. Gott, Volk und Land stehen in unlöslicher Verbindung zueinander. Dies gilt es festzuhalten.

Der Staat Israel: verhaltener Hinweis oder kraftvolles Signal?

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass die Rheinländer den modernen Begriff Staat verwenden. Doch kann man den heutigen Staat Israel durchaus als Fortführung des biblischen Israel begreifen. Definiert man nämlich die modernen Begriffe Staatund Nation ganz elementar – als Volk + Land –, entsprechen sie recht genau dem biblischen Begriff der Völker (gojim/ethne). So kann man sagen: 1948 wurde aus den zurückkehrenden Juden eine freie, prosperierende und in vielerlei Hinsicht herausragende Nation, wie Israel es einst unter David und Salomo war. Diese Rückkehr erfolgte nach fast 1900 Jahren Exil – Vergleichbares hat es nie zuvor gegeben. Israel besitzt eine völkerrechtliche Grundlage, die bis 1920 (Konferenz in San Remo) zurückreicht, und ist heute Mitglied der Vereinten Nationen. Die Staatsgründung Israels ist somit ein Akt der Treue Gottes, der weltgeschichtliche Ausmaße hat und als kraftvolles Singal zu verstehen ist. 

Bezieht man die Treue Gottes nicht nur auf das jüdische Volk, sondern auch auf den jüdischen Staat, betritt man das Feld der Politik, steht im Hintergrund doch der Nahost-Konflikt. Auf diesen Konflikt geht indirekt schon die Bibel ein. Nach Hesekiel 47,21–23 soll Israel ein Land friedlichen Zusammenlebens zwischen den rückkehrenden Juden und den Ortsansässigen sein. Das ist Gottes Vision.[6] Diese Vision leitet auch die Israelis, nachzulesen in der Unabhängigkeitserklärung von 1948.[7] Jenes Konzept gelingt bereits jetzt, wo israelische Muslime den Staat Israel anerkennen und sich positiv einbringen. Es scheitert hingegen, wo islamistische Terroristen ihn beseitigen und die Juden vernichten wollen, wie es am 7. Oktober 2023 auf grauenvolle Weise zu sehen war. Der Staat Israel – verstanden als Treuezeichen Gottes – ist also auch eine markante Stellungnahme Gottes gegen islamistisches Herrschafts- und Absolutheitsstreben. 

Der Staat Israel ist nicht nur Zeichen der frohmachenden Treue Gottes; er hat auch einen ausgesprochen negativen, ja traumatischen Hintergrund. Denn dieser Staat wurde aus den Schrecken des Holocaust heraus gegründet. Diese Tatsache ist Teil seiner Identität. Wo Juden heute in Bedrängnis geraten, haben sie die Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen. Zum ersten Mal seit bald 2000 Jahren. Angesichts des weltweiten Antisemitismus ist diese Funktion des jüdischen Staats Tag für Tag aktuell. Gott zeigt in der Staatsgründung nicht nur seine Treue und er erfüllt nicht nur seine Verheißungen – Gott bringt auch sein Volk in Sicherheit. 

Unser Verhältnis zum Staat Israel zeigt, ob wir wirklich aus der Geschichte gelernt, unsere Gesinnung geändert und unsere Herzen erneuert haben. Wer sich heute von Judenfeindschaft befreit und um die Sicherheit der Juden besorgt ist, wird an Israels Seite stehen. 

Zukunftsperspektiven

Auch wenn die Wiederauferstehung Israels ein Geschichtswunder höchsten Ranges ist, so ist damit nur ein erster Schritt getan. Denn die Propheten sprechen von einer endzeitlichen Wiederherstellung Israels im umfassenden Sinn: von einer Rückkehr der Juden ins Land der Bibel, einer nationalen Restauration und einer inneren Erneuerung. Hesekiel 36,24–28 fasst diesen Prozess kompakt zusammen. Dort sagt Gott zu Israel: 

24 Denn ich will euch aus den Völkern herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen, 

25 und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. 26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. 27 Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. 

28 Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.

Der Text schildert einen Prozess in drei Schritten: (1.) Gott holt sein Volk aus den Nationen und bringt es zurück in sein Land. (2.) Gott erneuert ihre Herzen und sorgt so dafür, dass Israel Gottes Gebote halten wird. (3.) Das Ergebnis: Israel wird in seinem Land wohnen, für immer, und zwar zusammen mit seinem Gott.[8]

Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Das kann man schon an der Tatsache sehen, dass rund zwei Drittel der Juden in Israel säkular sind. Sie wollen von Gott und seinen Geboten nicht viel wissen. Das missfällt Gott. Dabei ist zu bedenken: Gemessen an Gottes Maßstäben ist Israel (wie alle Menschen) unvollkommen; gemessen an menschlichen Maßstäben handelt es jedoch in mancherlei Hinsicht vorbildlich. Israel ist die einzige konsolidierte parlamentarische Demokratie im Nahen Osten, eine dynamische Start-up-Nation und ein Verfechter von Freiheits-, Frauen- und Menschenrechten. Dennoch: Gott sieht auch die schwierigen Seiten Israels. Sein kritischer Blick führt jedoch nicht dahin, dass Gott Israel aufgeben würde. Er führt (gerade umgekehrt) an den Punkt, dass Gott Israel erlösen und von seinen Sünden befreien wird (Hesekiel 36,25–27; Römer 11,26–27). Beides – Gottes Kritik an Israel wie auch seine Verheißungen – sind Aspekte der Treue Gottes zu seinem Volk (Römer 11,28–32). 

Der Staat Israel ist also tatsächlich ‚nur‘ ein Zeichen. Er ist ein Hinweis, dass Gott noch immer zu seinem Volk und zu seinen Verheißungen steht, er ist ein erster Anfang der Wiederherstellung und ein Vorgeschmack auf das Kommende. Am Ende werden Israel und Gott eines Sinnes und eines Herzens sein. In der Sprache der Propheten wird dies durch die Sentenz markiert, die im Alten Testament in unterschiedlichen Varianten vorkommt: „Ich will ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein“ (Jeremia 31,34; Hesekiel 36,28 und weitere). Dann ist Israel am Ziel. Und dann ist alles gut.

Konsequenzen

Vom gegenwärtigen Israel dürfen wir nicht mehr erwarten als von anderen Nationen, denn Israel ist noch unerlöst. In dieser Hinsicht ist Israel eine Nation wie jede andere und seine politischen Entscheidungen dürfen kritisiert werden. Doch muss es gerecht zugehen. Kritik an Israel ist nur dort statthaft, wo sie nicht antisemitisch ist. Kennzeichen von antisemitischer Kritik an Israel sind die drei D: Delegitimierung, Dämonisierung und doppelte Standards. 

  • Delegitimierung heißt, dass man dem Staat Israel sein Existenzrecht abspricht. Direkt oder indirekt, wissend oder unwissend. Wer beispielsweise für das ‚Rückkehrrecht‘ der Palästinenser eintritt, der unterschreibt Israels Todesurteil und geht völkerrechtlich absurde Wege. Das ist indirekte Delegitimierung. 
  • Dämonisierung heißt, Israel in der Rolle des Bösen zu sehen. Das geschieht häufig gerade dort, wo Juden Opfer sind (Täter-Opfer-Umkehr in den Medien). Juden sind aber ganz normale Menschen und wer mit ihnen Frieden will, kann ihn unschwer bekommen.
  • Doppelte Standards heißt, dass man vom Staat Israel mehr erwartet als von anderen Nationen. Welche Nation hätte, um nur ein Beispiel zu nennen, es toleriert, 20 Jahre mit Raketen beschossen zu werden, wie Israel es aus Gaza erlebt hat? Wie würden wir Deutschen in so einem Fall reagieren? 

Zwischen den drei D gibt es einen Zusammenhang. Doppelte Standards werden eingeführt, um Juden dämonisieren zu können. Dämonisierung wird angewandt, um Delegitimierung zu erreichen. Und Delegitimierung dient dem Ziel, Israel loszuwerden. Eines Tages, so das Kalkül von Israelhassern, wird sich die Welt von Israel abwenden. Dann ist die Stunde der Feinde gekommen, Israel zu vernichten – eine Strategie satanischen Ursprungs (vergleiche Offenbarung 12). 

Nach all dem Leid, das Juden weltweit erlebt haben, braucht die Menschheit eine Erneuerung der Herzen. Das bedeutet, mit Israel solidarisch zu sein und gegen Judenhass sowie Israelfeindschaft aufzustehen. Israelsolidarität ist eine Konsequenz von Umkehr und Erneuerung. Israelfeindschaft hingegen ist Antisemitismus in neuem Gewand, und ‚Neutralität‘ stellt nichts anderes dar als Desinteresse. Am Staat Israel manifestieren sich die alten Sünden gegenüber Israel – Ablehnung, Feindschaft, Gleichgültigkeit, Desinteresse – oder es zeigt sich der neue Geist der Umkehr und der Hinwendung zum jüdischen Volk. 

Ergebnis

Die theologische Bedeutung des Staates Israel ist vielfältig: Der Staat Israel basiert auf dem Dreieck Gott + Volk + Land, das für biblisches Denken zentral ist. Er ist ein Bollwerk gegen den Islamismus und ein sicherer Hafen für verfolgte Juden weltweit. Der Staat Israel ist als Anfang der endzeitlichen Wiederherstellung Israels zu verstehen. Er weckt aber zugleich Widerstand und dient als Projektionsfläche gottfeindlicher Kräfte, die sich an Israel ‚abarbeiten‘. Angesichts dieser Zusammenhänge kann die Rolle der Gemeinde Jesu nur darin bestehen, dem Staat Israel solidarisch zur Seite zu stehen und ein verlässlicher Wegbegleiter des jüdischen Volks zu sein. Christen gehören an die Seite Israels. Denn dort steht auch ihr Gott


[1] www.jcrelations.net

[2] 3. Mose 25,23; Jeremia 2,7; Hesekiel 36,5; Joel 4,2

[3] 2. Mose 6,8; 5. Mose 1,8; Josua 1,2–4; Psalm 105,8–11

[4] 1. Mose 26,2–5; 28,13–15; 35,9–12

[5] Matthäus 23,37–39; Lukas 21,24, Apostelgeschichte 1,6–7; Römer 11,25–27

[6] Zu weltweiten Friedensperspektiven vergleiche Jesaja 2,2–4 = Micha 4,1–4; Jesaja 19,16–25; Jeremia 12,14–17; 
Zefanja 2,4–7; Sacharja 9,5–7.

[7] www.hagalil.com

[8] Im Judentum wird die Vollendung Israels in der Regel vom Messias erwartet. Das ist in alttestamentlicher Zeit noch nicht der Fall. Deshalb wird der Messias in den Wiederherstellungsverheißungen Israels meist nicht erwähnt, wird aber später mit ihnen verbunden. Das Warten auf den Messias, den Erlöser Israels, ist typisch für fromme Juden.

Fußnoten

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