Von: Koen Carlier, Christians for Israel – Ukraine (21. Juni 2022), übersetzt von Anemone Rüger

Die 84-jährige Jeanna (Mitte) mit ihren beiden Pflegerinnen | Foto: Christians for Israel

Heute ist unsere dritte und letzte Fahrt nach Moldawien diese Woche. Bei den ersten beiden Fahrten hatten wir hauptsächlich Flüchtlinge aus Bachmut, Sewero-Donezk, Cherson und Tschernigow, die bei uns Hilfe suchten.

Heute allerdings hatten wir ausschließlich Passagiere aus dem Verwaltungsbezirk Winniza. Das hat uns etwas überrascht, denn da ist es relativ ruhig. Deshalb haben wir nachgefragt, was diese Menschen bewogen hat zu gehen.

Jeannas Geschichte

Wir hatten die 84-jährige Holocaustüberlebende Jeanna mit an Bord. Sie erzählte mir, dass ihre Tochter mit unserer Hilfe vor zwei Jahren nach Israel gegangen war. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie in Karmiel und ist sehr zufrieden mit ihrem neuen Leben.

„Meine Tochter hat mich angerufen und gesagt: ‚Mama, niemand weiß, wie sich die Lage weiter entwickelt. Ich bin seit zwei Jahren in Israel, mir geht es gut. Wir werden versorgt, wir haben Arbeit, und wir können etwas zur Wirtschaft dieses Landes beitragen. Mama, ich möchte, dass du deine letzten Lebensjahre mit uns hier im Verheißenen Land verbringst!‘“

Jeanna ließ sich die Bitte ihrer Tochter durch den Kopf gehen und beschloss, dass diese Recht hatte.

Auf der Fahrt zur Grenze erfahren wir noch etwas mehr über Jeannas Geschichte. Als kleines Mädchen musste sie aus Kertsch am östlichen Zipfel der Halbinsel Krim vor den Nazis fliehen. Nach dem Krieg kam sie in ein Waisenhaus. Ihren Mann lernte sie später in Winniza kennen, dort bauten die beiden sich ihr Leben auf. Eigentlich wollte sie schon immer nach Israel, hat es aber wieder und wieder verschoben.

“Warum bin ich nicht früher nach Israel gegangen?”

Unterwegs im Auto sagt Jeanna, sie bedauere nur eines: „Warum bin ich bloß nicht früher nach Israel gegangen? Leider können wir die Zeit nicht zurückdrehen. Zum Glück ist es noch nicht zu spät, auch jetzt in meinem Alter diese Reise noch anzutreten.“ So schloss sie ihre Tür, ließ das ukrainische Kapitel ihres Lebens hinter sich und geht erwartungsvoll ihrem neuen Leben in Israel entgegen in dem Wissen, dass ein herzliches Willkommen in Karmiel auf sie wartet.

Alex aus Berschad mit seiner Familie. | Foto: Christians for Israel

Eine andere Familie kam aus Berschad. Zu viert sind sie unterwegs. Den Vater, Alex, kenne ich sehr gut. Jedes Mal, wenn wir mit Lebensmittelpaketen nach Berschad kommen, um die jüdische Gemeinde zu besuchen, ist er einer der ersten, der uns begrüßt. Ich frage ihn überrascht: „Alex, ich hätte nie gedacht, dass ihr nach Israel auswandern werdet!“

„Du hast vollkommen Recht, Koen“, sagt Alex. „Ich hatte nie vor wegzugehen. Aber wir haben Verwandte in Sumy (im Norden der Ukraine, 40 Kilometer von der russischen Grenze). Bei denen hat eine Granate im Haus eingeschlagen. Das Haus ist zerstört, und mein Verwandter ist gelähmt. Da haben wir unsere Entscheidung getroffen. Niemand weiß, wie der Krieg weitergeht. Werden die Kampfhandlungen auf den Osten begrenzt bleiben? Oder sich ausweiten?“

Vom Haus von Alex‘ Verwandten in Sumy ist nicht mehr viel übrig. | Foto: Christians for Israel

Die Frage von Alex beschäftigt uns natürlich auch. „Man muss sich nur die Karte anschauen. Die ukrainischen Streitkräfte sagen, sie erkämpfen unser Land Meter um Meter zurück. Die russische Armee behauptet das Gegenteil. Wo die Wahrheit liegt, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall gibt es ständig heftige Gefechte mit vielen Opfern, viel Leid, vielen Luftangriffen – auch in Wohngebieten. Aber das muss ich euch ja nicht erzählen, das hören wir ja jeden Tag in den Nachrichten.“

“Wir machen weiter und bringen Juden aus dem Kriegsgebiet in Sicherheit – nach Israel!“

„Und er wird richten unter den Nationen und wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Jesaja 2,4.

Mutter, Tochter und Großmutter in Bachmut (bei Sewero-Donezk, wo verbissen gekämpft wird). Wir haben sie nach Moldawien gebracht, und nächste Woche fliegen sie nach Israel. | Foto: Christians for Israel

Wie wird es weitergehen? Viele wissen nicht, was sie machen sollen. Aber wir haben versprochen weiterzumachen – die ukrainischen Juden aus dem Kriegsgebiet herauszuholen und sie in Sicherheit zu bringen – nach Israel!

Anfang nächster Woche werden 150 ukrainische Juden via Polen, Moldawien und Rumänien ihr One-Way-Flugticket nach Israel einlösen. Wir sind dankbar, dass wir ihnen helfen können. Wir wissen auch, dass die jüdischen Passagiere die Worte, die wir ihnen zusprechen, in ihrem Herzen behalten.

„Wenn ihr ins Verheißene Land zurückgehen wollt, kontaktiert uns!“ Das sagen wir ihnen immer wieder. Und dann gibt es da noch die Verwandten in Israel, die ihnen schon vorausgegangen sind. Sehr oft sind sie es, die den noch in der Ukraine verbleibenden Juden helfen, sich zur Alijah durchzuringen, bevor es zu spät ist – wie aktuell in Mariupol, Cherson und vielen anderen Städten, die jetzt besetzt und abgeschnitten sind.

Unsere erste Priorität ist und bleibt, jüdischen Familien – ob Flüchtlinge oder nicht – auf dem Weg nach Israel zu helfen. Gleichzeitig helfen wir den jüdischen Gemeinden in der Ukraine weiterhin mit Lebensmittelpaketen. Auf unseren Vorschlag hin organisieren einige Gemeinden jetzt Sommerlager für die jüdischen Kinder – sowohl für ihre eigenen Gemeinden, als auch für die oft traumatisierten Flüchtlingskinder, die bei ihnen temporär Zuflucht gefunden haben. Wir bekommen schon die ersten Fotos von glücklichen Kindergesichtern aus den Sommerlagern. Aber mehr davon im nächsten Update.

Englische Version: https://www.c4israel.org/sos-ukraine/jewish-refugees-from-ukraine-keep-asking-us-for-help-we-want-to-go-to-israel/