CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger (l.) mit ihrer Schwester Cornelia zu Besuch bei Elik in der Ukraine. Foto: CSI

Von: Anemone Rüger

Während das Leid von Holocaust-Überlebenden weithin bekannt ist und gezielte internationale Spenden den jüdischen Gemeinden in der Ukraine helfen, eine gewisse Grundversorgung zu leisten, gibt es für die Nachkriegskinder kein offizielles Programm. Oft leiden aber auch sie unsäglich an dem Schmerz ihrer Eltern und den Tabus der Familiengeschichte.

Mehr als 1.200 bedürftige Juden im Rentenalter werden durch „Christen an der Seite Israels“ und die internationale Dachorganisation „Christians for Israel“ inzwischen über eine persönliche Patenschaft in der Ukraine unterstützt. Unser Team vor Ort kümmert sich in Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden darum, dass sie nicht nur materielle Unterstützung, sondern auch persönliche Zuwendung bekommen. Dabei liegen uns neben den direkten Überlebenden des Holocaust auch deren Nachkommen am Herzen. Sie wuchsen oftmals nur mit einem kleinen Bruchteil einer normalen Familie auf und konnten nur ahnen, was passiert war. Und oft warten auch sie mit Schmerzen darauf, dass jemand sie sieht.

Elik war einmal Sportler. Er hat professionell Fußball gespielt und als Trainer gearbeitet. In seiner sowjetischen Schrankwand stehen Pokale und Urkunden. Doch seit seinem Schlaganfall vor zwei Jahren kann er sich nicht mehr selbst versorgen. Wenigstens kümmert sich ein Pfleger aus der jüdischen Gemeinde um ihn. Er ist die einzige Bezugsperson. Zu seinem einzigen Sohn hat Elik keinen Kontakt. Eliks Mutter hat im Krieg auf See gedient. Sein Vater ist auf einem eindrücklichen gerahmten Foto an der Wand als junger rumänischer Jude mit Pfeife zu sehen. Seine Großeltern hat Elik nie kennengelernt. Er hat sich nie getraut zu fragen, warum.

Eliks Vater Itzek. Foto: CSI

Neuanfang in Czernowitz

Bis zum Ersten Weltkrieg wurde Czernowitz, die Hauptstadt der Region Bukowina und Eliks Heimatstadt, von der österreichischen Krone regiert; in der Region wurde deutsch gesprochen. In der Zwischenkriegszeit gehörte Czernowitz zu Rumänien. 1940 wurde die Region zunächst von der Sowjetunion annektiert. Das mit Hitler-Deutschland verbündete Rumänien besetzte 1941 nach dem Angriff auf die Sowjetunion die Region erneut und errichtete ein Ghetto in Czernowitz; die meisten der 50.000 dort festgehaltenen Juden starben bei der Deportation nach Transnistrien. 19.000 Juden, die bei der Erhaltung der Infrastruktur der Stadt benötigt wurden, überlebten. Nach dem Krieg wurde Czernowitz Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik. Da die Stadt kaum zerstört war, bot sie überlebenden Juden von Nah und Fern, deren Städte und Schtetls durch Nazideutschland verwüstet worden waren, eine neue Bleibe.

Gestrickte Socken und ein Waffelherz

Elik kommen die Tränen, als wir ihm eine gehaltvolle Lebensmitteltüte ans Fußende des Bettes stellen. Er ist überwältigt, als wir ihm handgestrickte Socken einer Familienfreundin überreichen, und auch, als wir ihm die Grüße der vielen Beter und Unterstützer im Freundeskreis ausrichten. Elik weint, als wir – meine Schwester Cornelia und ich – ihm eins von den Waffelherzen in die Hand drücken, die unsere Mutter speziell für diese Reise gebacken hat. Mit geradezu zärtlichem Blick vertieft er sich in ein Foto unserer Eltern.

Ein selbstgebackenes Waffelherz aus Deutschland rührt Elik zu Tränen. Foto: CSI

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, lese ich ihm von dem Jesaja-43-Grußkärtchen vor. Als wir wieder gehen, haben wir den Eindruck, dass es heller geworden ist bei Elik.

Elik mit einem Bild von Anemones Eltern. Foto: CSI

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 127. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.