Isabella mit CSI-Mitarbeiterinnen Anemone (li) und Marie-Louise

Von: Anemone Rüger, Christen an der Seite Israels

Zwei Wochen lang waren CSI-Mitarbeiterinnen Marie-Louise, Anemone und Alina im vergangenen Sommer in Israel unterwegs, um jüdische Senioren aus der Ukraine zu besuchen, die bisher über das CSI-Patenschaftsprogramm versorgt wurden. In den Monaten seit Kriegsbeginn wurden diese aus ihrem bisher geordneten Leben in der Ukraine herauskatapultiert. Viele von ihnen – insbesondere aus Mariupol – konnten gerade noch „wie ein Brandscheid aus dem Feuer“ gerettet werden – nur mit dem, was sie auf dem Leibe trugen. Isabella ist eine von ihnen.

Wir suchen Isabella in einem AMIGOUR-Altenheim in Be’er Scheva auf. Da Corona schon wieder um sich greift, treffen wir uns draußen in der schattigen Sitzecke, die von Palmen und Hibiskus gesäumt ist. Alina hat ein Foto auf dem Handy dabei. Es ist ein Jahr alt und zeigt, wie sie einer strahlenden Isabella eine handgehäkelte Decke überreicht – vor deren Bücherregal in Mariupol.

Als wir Isabella fragen, wie sie aus Mariupol entkommen ist, wird sie von Weinkrämpfen geschüttelt. Wir halten erstmal eine Weile ihre Hände, eine rechts, eine links. „Dass die Russen uns so etwas antun konnten – und dabei sind es doch unsere Brüder, hat es immer geheißen! Und dann kommen wir hierher und werden so empfangen!“ Die Tränen müssen raus. Isabella ist heute unser erster Besuch, und wir nehmen uns die Zeit.

Isabella ist aus der Ukraine geflohen und lebt jetzt in Israel.

Isabella ist Witwe. Kinder hat sie keine. Die letzten Jahre in Mariupol hat sie noch mit ihrer Schwester geteilt. „Jedes Mal, wenn wir ein Lebensmittelpaket bekommen haben, haben wir miteinander den Schriftzug studiert ‚Christen an der Seite Israels‘. Jedes Mal waren wir so bewegt, dass es überhaupt so etwas gibt – Christen und Israel in einem Atemzug.“

Isabella hat schon den Zweiten Weltkrieg überlebt. Seitdem leidet sie an Klaustrophobie und kann es nicht in engen Räumen aushalten. „Deshalb bin ich nicht in den Luftschutzkeller gegangen“, erzählt sie. „Ich habe in der Nähe der Tür gestanden. Aber ich hatte keine Angst. Ich habe gespürt, dass mir das da draußen alles nichts anhaben kann. Es war, als wäre eine Schutzdecke über mir.“

Während der Belagerung Mariupols war Isabella mit drei Nachbarsfamilien zusammen. Wovon sie gelebt haben? „Wir haben alles zusammengelegt, was wir noch hatten. Gekocht haben wir auf einem kleinen Lagerfeuer im Hof. Aber ich habe kaum etwas gegessen. Die anderen Familien hatten ja Kinder, und auch Kranke, die sie versorgt haben. Ich habe dann meistens gesagt, dass ich Magenprobleme habe und das Essen sowieso nicht vertrage – damit es für die reicht, die es noch dringender gebraucht haben.“

Wieder kommen ihr die Tränen. Dann schaut Isabella auf zu Marie-Louise, die aus Österreich mit uns unterwegs ist. „In deinen Augen sehe ich so viel Mitgefühl, so viel Barmherzigkeit“, sagt Isabella und wird wieder ruhiger.

„Nach so einem schweren Tag mit vielen Angriffen in Mariupol bin ich – entschuldigt – auf die Toilette gegangen, weil dort keine Fenster sind, und habe die Schabbatkerzen angezündet. Und als es später Zeit zum Aufbruch war, habe ich sie mitgenommen. Stellt euch das vor – ich habe meine beiden Telefone vergessen, sogar meine Brille! Aber die Schabbatkerzen habe ich mitgenommen. Die haben mich die ganze Zeit begleitet, bis nach Russland.“

Zunächst wurde Isabella durch den einzig offenen Korridor in eine ca. 70 Kilometer entfernte Stadt gebracht, bereits im Separatistengebiet. Im russischen Taganrog wurde sie zusammen mit anderen Flüchtlingen von der örtlichen jüdischen Gemeinde versorgt. Dann ging die Flucht weiter über Kasachstan und Georgien und schließlich nach Israel – organisiert durch Rabbi Mendel Cohen, der die jüdische Gemeinde Mariupol leitet.

„Wie uns dieses Land empfangen hat!“, sagt Isabella wieder unter Tränen. „Ich hatte nichts, als das, was ich auf dem Leibe trug. Für die ersten Wochen hier im Land hat uns der Staat Israel in ein Hotel in Tel Aviv gesteckt. Als ich von dort wieder fort bin, hatten mir verschiedene Ehrenamtliche inzwischen vier Koffer voll Sachen gebracht – von Decken bis zu Kleidungsstücken.“

„Warum ist das so?“ fragt Isabella wieder. „Auf der einen Seite sind unsere russischen Landsleute so abscheulich mit uns umgegangen. Und auf der anderen Seite hat uns dieses Land hier so unglaublich empfangen, obwohl er uns gar nichts schuldet! Egal, wo ich hingekommen bin: Wenn die Leute gehört haben, dass ich aus der Ukraine komme, waren sie so hilfsbereit! Ich habe so viel Mitgefühl erlebt! Viele haben mich gleich vom Supermarkt aus zu sich nach Hause eingeladen!“

Isabella mit CSI-Mitarbeiterinnen Anemone (li) und Marie-Louise im Hof des AMIGOUR-Altenheims in Be’er Scheva

Dann wurde Isabella gefragt, wo sie wohnen möchte. „Ich habe sofort gesagt: Be’er Scheva. Warum? Aus dem einzigen Grund, dass unser Rabbiner da wohnt. Er hat so viel für uns getan! Und hier in dem Seniorenheim haben sie extra ein Zimmer für mich frisch renoviert, stellt euch das vor!“

Wieder rollen die Tränen. „Entschuldigt bitte… Ich habe schon so viel geweint, ich habe fast keine Tränen mehr.“ Isabella pendelt zwischen den emotionalen Extremen – dem enormen Schmerz, der hinter ihr liegt, und dem überwältigenden Willkommen, das ihr der Staat Israel bereitet hat.

„Ich bin so unbeschreiblich dankbar – dass Israel uns als seine Kinder aufgenommen hat, auch wenn wir ungehorsame Kinder waren. Wir hätten ja schon viel früher kommen sollen, als wir dem Staat Israel noch etwas geben konnten. Und trotzdem sind wir so aufgenommen worden. Ich bin voll Dankbarkeit für diesen Empfang, für dieses Glück!“

Auch in den furchtbar schweren vergangenen Monaten habe sie sich nicht verlassen gefühlt, sagt Isabella. „Gott war die ganze Zeit bei mir. Jetzt gibt es für mich nur noch zwei, die mir wichtig sind: Gott und unser Rabbiner.“

Alina (Christians for Israel – Ukraine) überreicht Isabella eine handgehäkelte Decke in Mariupol vor einem Jahr.

Isabella (links) erzählt von ihrer Flucht aus Mariupol

Mit Ihrer Hilfe unterstützen wir weiterhin Holocaust-Überlebende und bedürftige jüdische Senioren in der Ukraine, auf dem Weg nach Israel und auch in ihrer neuen Heimat in Israel.