Frossja fällt es schwer zu lächeln. Das einzige Mitbringsel, um das sie gebeten hat, ist eine Schachtel Tabletten. Heute wird sie wieder besonders schlimm von ihrer schweren Parkinson-Erkrankung geschüttelt, teils weil ihr vor drei Tagen die Tabletten ausgegangen sind, teils weil sie aufgeregt ist wegen unserem Besuch.
„Ich warte schon seit heute morgen“, sagt Frossja. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob ihr überhaupt noch kommt heute…“ An einem grauen Tag wie diesem wird es in ihrem Dorf südlich von Bila Zerkwa schon am frühen Nachmittag dunkel. Wenigstens hat ihr Sohn eingeheizt; er schaut jetzt regelmäßig nach ihr. An der Wand hängen die Familienbilder. Eine große Familie waren sie einmal gewesen. „Großmutter Martha hat immer darauf geachtet, dass wir den Schabbat halten“, erinnert sich Frossja. Sie war sechs, als die Wehrmacht einmarschierte.
Ihr Vater wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und kam dort um, ihre Mutter versuchte, sich mit den sechs Kindern im Keller unter den Dielen zu verstecken. „Die drei älteren verhungerten. Plötzlich war ich die Älteste“, so Frossja.
„Wartet, ich versuche es,“ sagt Frossja und bemüht sich, für das Foto den in ihr Gesicht gemeißelten Schmerz abzuschütteln. Als sie den Inhalt der zwei großen Lebensmittelpakete sieht, huscht doch ein Lächeln über ihr Gesicht. Dann kommt eine Geschenktüte aus Magdeburg – ein guter Freund aus meiner Gemeinde hatte mich eingeladen: „Komm in meinen Laden und such dir was aus“. Die chice Jacke mit Wintereinsatz passt Frossja wie zugeschnitten. Ja, sie finde sie auch schön. Und schön warm.
Und die Decke von Frau Huber erst! Wirklich, über 80 ist sie? Und hat sie selbst gestrickt? Ein Foto soll ich mitbringen nächstes Mal, Frossja will Frau Huber per Foto kennenlernen.
Dann schaut Frossja mich ernst an und sagt mit leiser Stimme: „Wahrscheinlich ist es so, dass Gott euch geschickt hat, um mich zu versorgen, nicht wahr?“ Es sei ihr ein bisschen unangenehm, dass sie um die teuren Tabletten gebeten hat, ist das nicht zu viel für uns?
Jetzt ist mein Koffer schon halb leer und das Herz voll – danke dem Herrn für vorbereitete Wege, die Trauernden zu trösten und ihnen statt dem Trauergewand ein Freudenkleid zu geben.

 

Autorin: Anemone Rüger

 

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