Nach dem Besuch eines Grabes legen Juden zu Ehren des Verstorbenen einen kleinen Stein auf die „Matsewa“, den Grabstein. Im Bild: Der jüdische Friedhof auf dem Ölberg in Jerusalem. Foto: Sharon Perry/Flash90

Von: Rabbi Dajan Raphael Evers

Nach dem Besuch eines Grabes legen Juden zu Ehren des Verstorbenen einen kleinen Stein auf die „Matsewa“, den Grabstein. Was steckt hinter dieser Tradition?

Jakob errichtete im Laufe seines Lebens viele Gedenksteine, nicht nur über dem Grab seiner geliebten Frau Rachel. Er errichtete den ersten nach seinem Traum von der Leiter, die auf der Erde stand, deren oberes Ende aber in den Himmel reichte. Nachdem Jakob sein Haupt auf den Felsen gelegt und seinen berühmten Traum von den auf- und absteigenden Engeln hatte, heißt es in Genesis 28,18: „Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Gedenkstein.“

Warum nimmt man normalerweise für Gräber und Denkmäler einen Stein? Es ist ein alter Brauch, einen Gedenkstein über dem Grab eines Verstorbenen aufzustellen. Dass unser dritter Patriarch Jakob einen Gedenkstein auf das Grab seiner Frau Rahel setzte, steht in Genesis 35,20: „So starb Rahel und wurde begraben am Weg nach Ephrat, das ist Bethlehem. Und Jakob setzte einen Stein auf ihr Grab.“ Dieser Brauch wird auch in anderen Büchern der Bibel beschrieben. Ein Gedenkstein wird im Hebräischen „Matsewa“ bezeichnet. Das bedeutet wörtlich „etwas, das aufgerichtet wird“.

Der Stein „erhebt sich“ über dem Grab und zeigt den Ort an, an dem eine verstorbene Person begraben ist. Er ermöglicht es den Angehörigen, das Grab zu erkennen, zu besuchen und dort für die Lebenden im Gedenken an den Verstorbenen zu beten. Beim Besuch eines Grabes ist es ein jüdischer Brauch, die Hand auf die „Matsewa“ zu legen und den Vers aus Jesaja 58 zu sprechen: „Und der Ewige wird dich stets leiten, dich tränken an trockenen Orten und deine Gebeine stärken; dann wirst du sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Quelle, deren Wasser nicht versiegt, in Frieden ruhend, bis der Tröster, der Friedensbringer, kommt.“ Durch das Hinzufügen eines kleinen Steins wird der Gedenkstein weiter aufgebaut.

Beim Verlassen des Grabes legt man zu Ehren des Verstorbenen einen kleinen Stein auf die „Matsewa“, als Zeichen dafür, dass man sein Grab besucht hat. Andere sehen darin ein Symbol der bleibenden Erinnerung. Indem man einen kleinen Stein hinzufügt, baut man den Gedenkstein als Erinnerung an die dort begrabene Person weiter auf.

Warum das Material Stein?

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum verwenden wir Stein für Grabsteine und Denkmäler? Um dies besser zu verstehen, machen wir zunächst einen kurzen philosophischen Exkurs. Wir teilen die Natur im Allgemeinen in vier Ebenen ein. Die niedrigste Stufe ist tote Materie. Stein ist ein offensichtliches Beispiel hierfür. Dann kommt die Flora, die Pflanzenwelt. Noch höher ist die Fauna, die Tierwelt. Die Krönung der Schöpfung ist der Mensch. Wenn wir die beiden Extreme vergleichen, scheint der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Stein unüberbrückbar. Der Mensch hat Intelligenz und Sprache, der Stein ist tot. Andererseits heißt es in Genesis 3 über den Menschen: „Denn du bist Staub, und zu Staub wirst du wieder zurückkehren.“

Der Mensch ist vergänglich, aber ein Stein bleibt sehr lange oder immerfort. Über Steine wird gegangen, ohne dass sie besonders beachtet werden. Dennoch existieren sie für lange Zeit. Doch Mensch und Stein sind sich in vielerlei Hinsicht auch ähnlich. Wenn Menschen ihr (religiöses) Potenzial ausschöpfen, können sie nachhaltige Wirkungen entfalten, manchmal sogar über Jahrtausende hinweg. Wir lesen immer noch täglich von solchen Persönlichkeiten mit ewigem Wert. Sie sind „in Stein gemeißelt“, weil sie allen künftigen Generationen etwas mitzuteilen haben.

Wie alles auf dieser Welt können die Dinge zum Guten und zum Schlechten genutzt werden. Was für einen Stein gilt, gilt auch für jeden Menschen. Wenn er seine von Gott gegebenen Talente missbraucht, tut er nichts Gutes. Aber wenn er sein von Gott gegebenes Potential zum Guten nutzt, kann der Mensch Gott nahekommen und für immer interessant bleiben.

Persönliche Offenbarung

Die Rabbiner erzählen uns, dass der Stein, auf dem der Patriarch Jakob schlief, der Stein war, auf dem später der Tempel ruhte. Kehren wir nun für einen Moment zu dem Gedenkstein zurück, den Jakob dort errichtete. Laut Rabbi Mosche, dem Sohn von Rabbi Nachman, stellte Jakob diesen Stein nicht auf dem Tempelberg auf, sondern weiter entfernt in der Stadt Bethel (hebräisch für Haus Gottes). Warum hat Jakob diesen Stein so weit weggetragen? Manche sehen diesen Stein als eine Form der Bestätigung der Inspiration, die man während eines Gesprächs mit Gott erhält. Symbolisch trug Jakob diese Inspiration von oben an einen anderen Ort. Dies ist bis heute eine wichtige Lektion. Wenn wir zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Inspiration vom Himmel erhalten, ist das kein einmaliges Ereignis und wir sollten es nicht für uns behalten. Wir müssen diese himmlischen Inspirationen mit uns tragen, wohin wir auch gehen.

Halten wir diese göttliche Energie fest, verankern wir sie in unserer Persönlichkeit, so fest wie einen Felsen, nehmen wir sie überallhin mit und teilen wir sie mit allen. Diese Betrachtungen laden zum Nachdenken ein. |

Rabbi Dajan Raphael Evers war Oberrabbiner in Düsseldorf. Im Sommer 2021 machten er und seine Frau Alijah nach Israel. 

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 128. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: www.csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.