Ein israelischer Politiker und eine Überlebende sind Hauptredner beim Holocaust-Gedenken im Deutschen Bundestag. Der Israeli betont die Brücken zwischen Deutschland und dem jüdischen Staat.

Im Gedenken vereint: Im Anschluss an der Rede Auerbachs kam Levy zu ihr und umarmte sie. Foto: Bundestag-TV/Screenshot

Erstmals hat am Donnerstag ein israelischer Parlamentspräsident vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. Anlass war der Internationale Holocaust-Gedenktag, der am 27. Januar begangen wird. Bei der Gedenkstunde im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes stand die autobiografische Rede der Holocaustüberlebenden Inge Auerbach im Mittelpunkt.

Kindheit wurde rasch beendet

Die mittlerweile 87-jährige Inge Auerbach sagte, sie sei früher „ein jüdisches Mädel aus Kippenheim“ gewesen. Sie lebte in friedlichen Verhältnissen in Baden-Württemberg – bis Ende der 1930er Jahre. Dann sei sie das „letzte jüdische Kind dort gewesen“. Das nationalsozialistische Regime zerstörte den Frieden und ließ sie und ihre Familie von nun an in Angst leben. Ihre Schulzeit fing gerade erst an, da wurde sie auch schon beendet: Mitten in der ersten Klasse wurde sie samt Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Die Zustände im KZ setzten der Familie Auerbach, wie den anderen Gefangenen, zu: schlechte Hygiene, Menschen überall „eng zusammengepfercht“ und immer auf der Suche nach Essbarem. Doch das Schlimmste blieb ihr und ihrer Familie erspart: die Verlegung in das Vernichtungslager Auschwitz. Für Auerbach ist das immer noch ein „Wunder“. Und doch: „Es sind wenige am Leben geblieben“.

Sie trage heute eine Schmetterlings-Brosche mit sich im Bundestag. Dies sei ihr und vielen Juden ein Symbol geworden, für das, was ihnen genommen wurde. Denn sie alle sahen nie einen Schmetterling im KZ, zu düster war der Ort.

Auerbach hat es geschafft und wurde am 8. Mai 1945 befreit. Mit elf Jahren zog sie nach New York. Sie ging in den USA zur Schule, studierte und arbeitete 38 Jahre als Chemikerin. Und heute mahne sie: Der Judenhass ist wieder alltäglich geworden. Die „Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden“. „Wir sind alle als Brüder und Schwestern geboren“. Ihr innerster Wunsch sei daher „die Versöhnung aller Menschen“. Die Vergangenheit dürfe nie vergessen werden, „zusammen wollen wir beten für Einigkeit auf Erden“.

Knesset-Präsident betont deutsch-israelische Brücken

Zweiter Hauptredner war der Präsident der Knesset, Mickey Levy. Der Politiker der Partei „Jesch Atid“ zeigte sich tief bewegt von der Rede Auerbachs und umarmte sie nach ihrer Rede. Er sei stolz, an diesem Ort „Israel zu vertreten“. Hinter all den Opfern des Nationalsozialismus stecke kein „Gesetz der Großen Zahlen“, sondern „Millionen Geschichten“.

Im Angesicht der Wannseekonferenz und des Wunsches der Nationalsozialisten, „jegliche Erinnerung an die jüdische Bevölkerung zu vernichten“, sagte Levy: „Achtzig Jahre reichen nicht, um Wunden zu heilen“. Doch Israel und Deutschland, „zwei Nationen zwischen Tod und Leben, entscheiden sich nun jeden Tag für das Leben“.

Trotz Differenzen zeige sich: „Israel und Deutschland haben Brücken gebaut“, erklärte Mickey Levy. In der Wissenschaft, im Handel, bei Technologien, wie auch bei der Sicherheit. Bei den Herausforderungen der Zeit – der Corona-Pandemie oder auch dem Klimawandel – arbeiten die beiden Staaten zusammen.

Mit Blick auf die Sicherheit Israels und die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel dankte Levy der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und richtete sein Wort an ihren Nachfolger Olaf Scholz (SPD): „Israel verlässt sich auf Sie“. Levy erhoffe sich von der neuen Bundesregierung, dass sie in der Tradition Politik gestaltet. Weiter sollten sich beide Staaten für Demokratie und gemeinsame Werte einsetzen.

Von Generation zu Generation müsse die Mahnung des „Nie wieder“ weitergegeben werden. Es sei die Aufgabe, zu erinnern und gleichzeitig zusammen neue „Visionen“ und eine gemeinsame „Zukunft“ zu schaffen. Zum Abschluss seiner Rede rezitierte Levy das jüdische Totengebet „Kaddisch“. Dabei kamen ihm die Tränen und er musste vor Rührung mehrmals unterbrechen. Im Anschluss erhielt der Parlamentspräsident, ebenso wie Auerbach, minutenlang Applaus, wobei nahezu alle Anwesenden aufstanden.

Bundestagspräsidentin Bas: „Antisemitismus ist nicht hinnehmbar“

Bei ihrer Begrüßung verdeutlichte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) die Schrecklichkeit der Verbrechen des Regimes im Nationalsozialismus. Die Gedenk- und Erinnerungskultur könne „nicht von oben verordnet“ werden. Sie dankte allen Menschen und Initiativen, die einen „anderen Blickwinkel zulassen“. Der Hass auf Juden und Andersdenkende habe „keinen Platz in Gegenwart und Zukunft“.

Gleichzeitig erklärte Bas: „Erinnern und Gedenken macht nicht immun gegen Antisemitismus“, daher müsse sich die gesamte Gesellschaft mit dem Problem beschäftigen. Sie ergänzte: „Antisemitismus ist nicht hinnehmbar“. Es sei die Aufgabe jedes Einzelnen in der wehrhaften Demokratie, zu handeln.

Die Gedenkstunde wurde durch besondere musikalische Werke begleitet, die von jüdischen Künstlern stammen. Teilweise sind die Musiker vom nationalsozialistischen Regime umgebracht worden, andere haben überlebt. Neben Bas und Bundeskanzler Scholz nahmen auch alle weiteren Verfassungsorgane teil: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsident Bodo Ramelow und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth. Seit 1996 gedenkt der Deutsche Bundestag jährlich am oder um den 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist die Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. (Israelnetz)