Auch in Schönebeck an der Elbe war der 9. November 1938 ein schwarzer Tag – die Synagoge der 200 Jahre alten jüdischen Gemeinde wurde verwüstet und mit einem Schweinekopf geschändet. Die ortsansässigen Juden wurden in der Folgezeit in die Flucht getrieben, nach Buchenwald deportiert; 43 von ihnen wurden während der Kriegsjahre ermordet.

Eine Schülergruppe des Schönebecker Carl-Hermann-Gymnasiums verliest am Holocaust-Mahnmal die Namen der Opfer. Foto: Anemone Rüger

Doch 2021 ist der 9. November ein guter Tag in Schönebeck. Gut 100 Ortsansässige haben sich versammelt, um am Holocaust-Mahnmal der Stadt der furchtbaren Ereignisse vor 83 Jahren zu gedenken und ein Zeichen der Freundschaft mit dem jüdischen Volk zu setzen. Oberbürgermeister Bert Knoblauch ist mit Vertretern der Stadt genauso aktiv dabei wie Johannes Golling, der mit einer starken Präsenz des Julius-Schniewind-Hauses durchs Programm führt. Offizieller Initiator einer ganzen „Jüdischen Woche“ ist der Salzlandkreis, aktiv beteiligt sind die Schulen und zahlreiche weitere Akteure der Stadt. Eine Reihe Stühle ist aufgestellt für die betagten Ehrengäste – die Holocaustüberlebenden und Nachkriegskinder der jüdischen Gemeinde, die Russisch als gemeinsame Muttersprache verbindet.

Es sei gar nicht selbstverständlich, sondern ein großes Geschenk, dass in Schönebeck seit vielen Jahren eine herzliche Freundschaft mit der kleinen jüdischen Gemeinde gepflegt wird, betonte Golling. Er rief dazu auf, nicht nur der Vergangenheit zu gedenken, sondern dem Antisemitismus in der Gegenwart entschieden entgegenzuwirken. „Niemand wird als Antisemit geboren. Da geht mein Appell an die Bildungseinrichtungen, besonders an die Schulen, die die nächste Generation formen.“

Holocaustaustellung von Christen an der Seite Israels

Im Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium, das auch mit musikalischen Beiträgen bei der Gedenkveranstaltung vertreten ist, läuft während der Gedenkwoche vom 4. bis zum 11. November eine Ausstellung über Holocaustüberlebende in der Ukraine, erstellt von Christen an der Seite Israels und aufgegriffen von der Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen-Anhalt. Die Schule trägt das Prädikat „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, wofür die Fachlehrer Kevin Tschisgale und Gregor Mundt verantwortlich zeichnen. Sie haben sich auch dafür stark gemacht, die Ausstellung an die Schule zu holen und gleichzeitig für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Schüler sehen sich die Ausstellung über die Holocaustüberlebenden aus der Ukraine im Carl-Hermann-Gymnasium Schönebeck an. Foto: Anemone Rüger

„Wenn man sich so ein Gesicht und die dazugehörige Biografie anschaut und auf sich wirken lässt, wird das Leiden im Holocaust plötzlich persönlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der sich mal in so eine Überlebensgeschichte vertieft hat, noch antisemitische Gefühle hegen kann“, so Tschisgale. Die Ausstellung werde die ganze Woche mit in den Unterricht der verschiedenen Schulklassen integriert und mit großem Interesse aufgenommen.

Zurück zur Gedenkveranstaltung: Nachdem ein junges Quartett die israelische Nationalhymne gespielt hatte, entzündeten die Schüler sechs Kerzen für die sechs Millionen ermordeten Juden und verlasen dann die Namen der Schönebecker Opfer.

Fokus auf dem Gott Iraels

Von dem aus dem ukrainischen Charkow stammenden Leonid Segal wurde das Kaddisch, das jüdische Totengebet, verlesen. Erstaunlicherweise fokussiert es sich inhaltlich nicht auf die Toten oder die Tiefe ihres Leidens, sondern auf die Größe des Gottes Israels, der trotz alledem über allem steht: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde (…) Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel.“

Leonid Segal aus Charkow, Ukraine entzündet Kerzen am Mahnmal. Foto: Anemone Rüger

Auch das Mahnmal hat eine besondere Botschaft. Es wurde 1998 auf Initiative von Klaus Tschalamoff, einem der großen Söhne der Stadt Schönebeck, errichtet – in Erinnerung an die Reichspogromnacht und zum 50-jährigen Bestehen des Staates Israel. Das Zentrum bildet ein doppelter Stern – im Vordergrund ein aufgerissener, verrosteter, im Hintergrund ein makellos wiederhergestellter Stern, Sinnbild für die Wiederherstellung des jüdischen Volkes nach der Katastrophe. In die nach beiden Seiten ausgebreiteten Hände sind die Namen der Ermordeten eingraviert. Darunter sind die Worte des Propheten Jesaja angebracht: „ICH VERGESSE DICH NICHT – SIEHE IN MEINE HÄNDE HABE ICH DICH EINGEGRABEN“.

Von: Anemone Rüger