Anfang dieses Jahres war Ofer Kissin im Rahmen des Terroropferhilfsprogramms von Christen an der Seite Israels in Deutschland. Foto: Dana Nowak

Von: Dana Nowak

In Kerem Schalom, einem kleinen Kibbutz an der Grenze zum Gazastreifen und zu Ägypten, leben etwa 200 Israelis. Einer von ihnen ist Ofer Kissin. Für ihn und die anderen Einwohner gehört die Bedrohung durch Raketen, Terrortunnel und Branddrachen zum Alltag. Dass er noch lebt, betrachtet Ofer als ein Wunder. Doch Wegziehen ist für den 56-Jährigen keine Option. Wie viele der Bewohner versteht er sich als moderner Zionist.

„Ich lebe in Kerem Schalom, das grenzt an den Gazastreifen und an Ägypten. Genauer gesagt, Kerem Schalom ist die Grenze.“ Als Ofer Kissin diese Sätze sagt, ist er Tausende Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Wenn der frühere Sicherheitschef für Kerem Schalom derzeit aus dem Fenster schaut, sieht er grüne Wiesen, weite Wälder und beschauliche Häuschen mit schönen Gärten. Er blickt nicht auf eine Mauer, die ihn vor Terroristen schützt. Hier draußen kann er tief durchatmen. Die Luft ist rein. Es gibt keinen Qualm von brennenden Autoreifen, der ihm die Luft zum Atmen nimmt. Wenn er sich zur Ruhe legt, kann sich Ofer entspannen. Er weiß, dass ihn kein Raketenalarm aus dem Schlaf reißen wird. Doch noch wollen seine Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Sein Innerstes ist darauf trainiert, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, immer wachsam, immer auf der Hut zu sein. Das ist überlebenswichtig, in Kerem Schalom. Denn in dem kleinen Kibbutz mit dem schönen Namen „Weinberg des Friedens“ kann sich die Lage von einer Sekunde auf die andere verwandeln. Da, wo es eben noch friedlich schien, kann im nächsten Moment Lebensgefahr drohen.

Jeder jüdische Israeli lebt mit dem Wissen, dass es jederzeit und überall im Land einen Anschlag geben könnte. Für die Israelis an der Gaza-Grenze kommt die Gefahr durch Raketen, Terrortunnel und Branddrachen hinzu. Wenn in Südisrael Raketenalarm ertönt, haben die Bewohner etwa 30 Sekunden Zeit, um sich in einen Bunker zu flüchten. Wer in Kerem Schalom lebt, kann sich nur noch flach auf den Boden legen. Hier leben die Israelis Auge in Auge mit Terroristen. Ofer musste dies mehrmals erleben: „Palästinenser haben aus dem Gazastreifen Tausende Raketen abgefeuert. Sie verfehlten unseren Kibbutz manchmal nur minimal. Dass ich noch lebe, ist ein Wunder. Ich wurde fast getötet. Einmal haben mich die Terroristen gesehen und direkt eine Mörsergranate auf mich abgefeuert, sie verfehlte mich nur knapp. Überall waren Splitter. Aber ich wurde nicht getötet, nicht einmal wirklich körperlich verletzt. Aber ich habe seitdem physische Probleme und wurde im Krankenhaus behandelt. Damit muss ich klarkommen. Deshalb bin ich in Deutschland.“ Ein sehr guter Freund Ofers hat einen ähnlichen Angriff nicht überlebt. Er wurde von einer Mörsergranate direkt getroffen. Auch damit muss Ofer klarkommen.

Auszeit im Hunsrück

„Meine Gedanken kreisen immerzu. Ständig denke ich, es könnte etwas passieren. Ich suche nach einem Weg, um sie zu beruhigen. In ein paar Wochen habe ich hoffentlich meine Ruhe gefunden“, sagt Ofer. Fünf Wochen bleiben ihm noch, um in der Wohnung, die ihm Israelfreunde im idyllischen Hunsrück zur Verfügung gestellt haben, ein bisschen Frieden zu finden. Ofer ist einer der gerne hilft. Ehrenamtlich setzt er sich in zahlreichen Projekten in Israel ein. Doch selbst Hilfe anzunehmen, um Hilfe zu bitten, das fällt dem Israeli schwer. Irgendwann ging es nicht mehr anders. Als Delly Hezel aus dem Humanitäre Dienste-Team von Christen an der Seite Israels wieder zu Besuch ist, bricht es aus Ofer heraus: „Wenn Du mich anschaust, dann siehst Du einen Menschen, offenbar unversehrt. Du denkst, alles ist gut mit ihm. Aber dem ist nicht so.“ Seit Jahren sind Ofer und seine Frau Roni mit Delly befreundet. Und so vertraut sich Ofer der Deutschen an: „Ich möchte etwas mit Dir teilen. Delly, ich leide seit Jahren. Ich leide unter starken Seelenschmerzen.“ Er erzählt ihr seine Geschichte und Delly ist geschockt. Ofer bittet um Hilfe. Er fragt, ob es irgendeine Möglichkeit gebe, ihm zu helfen. Nicht in Israel, wo die Bedrohung durch den Terror zum Alltag gehört, sondern in Deutschland.

Und nun ist Ofer in Rheinland-Pfalz. Christen an der Seite Israels konnte ihm eine Auszeit einschließlich einer Behandlung seiner Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ermöglichen. „Ich erhalte hier Behandlungen und mache eine Reha. Die Reha in Deutschland ist sehr gut, besser als in Israel. In den Krankenhäusern in Israel haben sie zwar viel Erfahrung und gute Behandlungsmöglichkeiten bei Verletzungen. Aber wenn du quasi Zivilist bist, nicht ins Krankenhaus musst und eine Reha für physische Erkrankungen machen möchtest, das gibt es so in Israel nicht, da haben wir ein anderes System“, erzählt Ofer. In Deutschland zu sein, ist für den Israeli immer wieder etwas Besonderes. Seine Mutter und seine Schwiegermutter haben den Holocaust überlebt. Doch Ofer ist nicht verbittert: „Die Geschichte ist immer da, sie lässt sich nicht ändern. Man könnte es überall auf die Spitze treiben, aber man muss zur Ruhe kommen. Wir Juden dürfen es nicht vergessen und die Deutschen dürfen es nicht vergessen. Wenn wir verbittern, tut das nicht gut. Am Ende sind wir Menschen und wenn wir etwas Gutes tun, bekommen wir auch Gutes zurück.“

Seine Auszeit im Hunsrück nutzt der Israeli auch, um darüber nachzudenken, wie Unternehmer in Deutschland und Israel noch besser zusammenarbeiten könnten. Erfahrungen damit hat er bereits. „Ich habe eine Zeit lang für eine IT-Firma in Deutschland gearbeitet. Jetzt bin ich in Israel Partner im Kosmetikunternehmen eines Freundes. Wir machen etwas, was es nie zuvor gab“, sagt Ofer und lächelt geheimnisvoll. Mehr darf er nicht sagen. Doch so viel verrät er: „Die Rohstoffe kommen aus Deutschland, sie werden nach Israel importiert und dort verarbeitet. Beide Länder haben besondere Qualitäten. Aber sie arbeiten mehr oder weniger parallel. Wenn wir uns verbünden, dann könnten wir großartige Dinge entwickeln.“ Die Formel für das Kosmetikprodukt ist schon mehr als 100 Jahre alt. Sie befand sich im Besitz der Vorfahren von Ofers Partner. Diese waren im Zweiten Weltkrieg vor den Deutschen nach Israel geflohen. Doch zur Entwicklung des Produkts kam es dann nicht mehr. Nun arbeiten die Nachkommen daran.

„Ich wollte den Job nicht!“

Sicherheitschef von Kerem Schalom ist Ofer schon seit 2015 nicht mehr. Ein Jahr, nachdem die Granate seinen Freund zerfetzte, gab er den Job auf. Er konnte nicht mehr. Gewollt hatte er den Posten nicht, aber Ofer ist einer, auf den man zählen kann. Und er verfügte nach seinem Militärdienst über die notwendige Erfahrung. Nachdem der eigentliche Sicherheitschef von Kerem Schalom durch eine Mörsergranate verletzt und außer Gefecht war, kam das Militär auf ihn zu. Und Ofer sprang ein. „Ich wollte den Job nicht. Es ist ein sehr harter Job, besonders in Kerem Schalom. Aber ich hatte verstanden, dass es notwendig war, damit die Menschen in Sicherheit leben können. Der Kibbutz gilt als einer der extremsten Orte in Israel in Bezug auf Sicherheit. Es sollte nur für drei Monate sein, bis sie jemanden finden, der mich ersetzt. Aber aus den drei Monaten wurden Jahre.“ Er erinnert sich an einen besonders brutalen Anschlag im August 2012. Damals überfielen Terroristen im Sinai einen Armeeposten. Sie töteten 16 Soldaten, stahlen zwei Fahrzeuge voller Sprengstoff und durchbrachen damit die Grenze nach Israel. Eines der Fahrzeuge explodierte am Grenzübergang Kerem Schalom. Die israelische Armee stoppte die Terroristen und tötete sechs Angreifer. Auf israelischer Seite wurde niemand körperlich verletzt.

„Ich kann nicht ausdrücken, was das für ein schlimmes Ereignis war. Ich hatte Dienst. Es gab eine riesige Explosion an der Grenze nahe Kerem Schalom. Es war ein Wunder …“, sagt Ofer, seine Stimme gerät ins Stocken und er wechselt das Thema. In seine Zeit als Sicherheitschef zwischen 2011 und 2015 fiel unter anderem die „Operation Schutzlinie“. Damit reagierte Israels Armee im Juli 2014 auf anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen. Bis heute hört der Terror nicht auf: Immer wieder gibt es Angriffe, entzünden Branddrachen die Felder, zünden Palästinenser am Grenzzaun Autoreifen an und verpesten so die Luft. Und noch eine Gefahr droht: Im Sinai fasst die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) immer mehr Fuß. „Wenn man auf die ägyptische Seite der Grenze blickt, sieht man die Soldaten mit dem Rücken zu uns stehen. Warum? Sie zeigen den Israelis den Rücken, weil sie wissen, dass von diesen keine Bedrohung ausgeht. Aber auf der anderen Seite, droht Gefahr, durch den IS im Sinai. Die Ägypter wissen, dass wir ihnen helfen würden, wenn es nötig ist“, sagt Ofer.

Moderner Zionismus

Das Leben in Kerem Schalom beschreibt Ofer als „extrem“. Doch Wegziehen ist für ihn und seine Frau Roni keine Option. Seit zwölf Jahren lebt das Ehepaar hier. „Ich laufe nicht weg. Sie werden mich nicht dazu zwingen, auch, wenn es ein extremes Leben ist. Denn wenn ich weglaufe, was kommt dann?“, sagt Ofer und fügt hinzu: „Ich habe vier Kinder. Sie sind alle schon groß und ausgezogen. Meine Tochter und ihr Mann sind als erste Mitglieder der zweiten Generation nach Kerem Schalom zurückgekommen. Vor kurzem bin ich Großvater geworden – nun lebt also offiziell die dritte Generation hier.“ Der kleine Kibbutz hatte es von Anfang an nicht leicht. 1966 gegründet wurde er 1995 wieder aufgegeben. Zu wenige Israelis wollten hier leben. Doch 2001 wurde er neugegründet. Bis 2011 lebten dort etwa 35 Mitglieder, erneut drohte die Schließung. Doch mit der Werbekampagne „Zionismus 2011“ hatte Kerem Schalom Erfolg. Seitdem wächst die Zahl der Mitglieder. 2019 waren es 183. Sie leben vor allem von Landwirtschaft und Geflügelhaltung. Eine andere Arbeit zu finden, ist schwer. Die Bewohner hoffen auf einen Investor, der in dem Gebiet eine Fabrik errichtet. Immerhin gibt es von der Regierung Steuererleichterungen für alle, die sich hier niederlassen.

Thalia (l.) aus Kerem Schalom bedankt sich bei Delly für die Unterstützung aus Deutschland. Foto: privat

Ofer ist dankbar dafür, wie sich die Dinge in seinem Kibbutz entwickeln: „Früher hatten wir nach Raketenangriffen oftmals keinen Strom und kein Wasser. Aber nun wurden die Leitungen alle unterirdisch verlegt.“ Willkommener Kinderlärm Mittlerweile gibt es sogar einen Kindergarten. Ofer freut sich darüber: „Dort sind mehr als 20 Kinder! Bei schönem Wetter spazieren die Mitarbeiter mit ihnen durch den Kibbutz. Kinderlärm – das ist etwas Schönes. Es gibt jetzt Spielplätze, es ist Leben da.“

Und es gibt noch etwas Besonderes in Kerem Schalom: Eine Töpferei. Ofer erzählt: „Meine Frau Roni hat Kunsttherapie studiert. Sie hat Kurse für Kinder und Erwachsene gegeben. Irgendwann hatte sie die Idee, eine Töpferei zu eröffnen. Darüber hat sie mit Christen an der Seite Israels gesprochen und sie haben die Ausstattung gespendet. Die Töpferei hilft Menschen, ihre Traumata zu überwinden. Das ist wunderbar.“

Getöpferte Blumen und Tiere schmücken den Kibbutz. Fotos: privat

Und so gibt es in dieser Hinsicht in ganz Israel noch viel zu tun. Tausende Israelis sind traumatisiert. Ihre Behandlung erstreckt sich über Jahre. Jede Rakete, jeder Alarm wirft sie wieder zurück. Ofer bringt es auf den Punkt: „Wir leben in einer verrückten Umgebung. Wir haben die Hisbollah im Norden, unterstützt vom Iran, die Hamas in Gaza, immer und überall Terrorgefahr und du musst das Leben meistern, mit allen Herausforderungen die es auch so schon mit sich bringt. Wir Israelis müssen immer eine Extra-Meile gehen.“ Und trotz dieser Herausforderungen lebt Ofer gern in Israel, gern in Kerem Schalom, dem „Weinberg des Friedens“. Wo es eigentlich ganz idyllisch ist, wo man Steinböcke und Füchse beobachten kann, hier am Rande der Wüste. Wo Ofer selbst mit einem kleinen Weinberg experimentiert. Wo er die Hoffnung nicht aufgibt, dass seine Seele wieder Ruhe findet.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 129. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.