Von: Sue Surkes, „The Times of Israel“, aus dem Englischen übersetzt von Anemone Rüger, Christen an der Seite Israels

Die Rechtsanwältin Viktoria Smyrnowa aus der jüdischen Gemeinde im ukrainischen Mariupol hat das Gefühl, „auf einer Zeitbombe“ zu sitzen. Aus Sorge vor einem russischen Einmarsch bereiten sich jüdische Organisationen auf das Schlimmste vor. Auch Christen an der Seite Israels (CSI) hilft vor Ort: Koen Carlier von Christians For Israel, der internationalen Mutterorganisation von CSI, packt mit seinen Helfern seit Wochen Zehntausende Lebensmittelpakete.

Viktoria Smyrnowa mit ihrem Sohn Mark. Foto: privat

Angesichts der Befürchtungen eines russischen Einmarschs in die Ukraine erklärt Viktoria Smyrnowa, sie wisse, wie sich eine Kriegssituation anfühle. Die heute 37jährige leitete einmal eine erfolgreiche Anwaltskanzlei im ostukrainischen Donezk und besaß drei Wohnungen. Ihr Mann Ivan hatte einen sicheren Job als Ingenieur. All das war Geschichte, als von Russland gestützte Separatisten 2014 die Unabhängigkeit von der Ukraine erklärten und die Volksrepublik Donezk, sowie nördlich davon die Volksrepublik Lugansk ausriefen, beide im Donbass gelegen. „Es war zu gefährlich zu bleiben,“ sagte sie der israelischen Zeitung „Times of Israel“ von ihrem gegenwärtigen Zuhause in Mariupol aus, nur 20 Kilometer von der inoffiziellen Grenze mit Donezk entfernt.

„Donezk ist damals von schwerer Artillerie unter Beschuss genommen worden. Überall hat Gefahr gelauert, überall waren Bewaffnete unterwegs, und die Kampfflieger sind direkt über unseren Wohnblock geflogen“, so Smyrnowa. „Wir mussten sofort weg, als der Beschuss anfing. Wir haben nur eine kleine Tasche gepackt, für zwei Wochen, und sind mit einem unserer zwei Autos losgefahren.“

Dieses Foto ist einem Video entnommen, das vom Pressedienst des Russischen Verteidigungsministeriums am 4. Feb. 2022 veröffentlicht wurde. Es zeigt Militärhubschrauber bei einer gemeinsamen weißrussisch-russischen Militärübung am Truppenübungsplatz Brest, eine von zahlreichen gemeinsamen Gefechtsübungen in ganz Weißrussland. Geübt wurde an Maschinengewehren, Artillerie, Panzerabwehrraketen, sowie Panzern und gepanzerten Fahrzeugen zur Truppenbeförderung. (Pressedienst des Russischen Verteidigungsministeriums via AP)

Nachdem die Familie einen Monat bei einem Onkel auf der Krim untergekommen war, die schon von Russland annektiert, aber ruhig war, zog sie nach Mariupol weiter, da Ivan dort von seinem früheren Arbeitgeber ein Jobangebot bekommen hatte. Viktoria musste ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin aufgeben. Viele ihre Donezker Klienten waren bankrottgegangen. Nun ist die fließend Englisch sprechende Juristin im Handel tätig.

Nachdem nun eine Woche höchst angespannter diplomatischer Bemühungen zur Beilegung eines der explosivsten Konflikte seit dem Kalten Krieg ergebnislos zu Ende gegangen ist, haben westliche Staaten ihre diplomatischen Vertretungen in der Ukraine reduziert und appellieren an ihre Staatsbürger, das Land umgehend zu verlassen.

Aus Washington werden Warnungen laut, die entlang der ukrainischen Grenze zusammengezogenen russischen Streitkräfte – schätzungsweise 130.000 Soldaten mit entsprechender Abdeckung durch Raketen und Panzer – seien in der Lage, „jeden Moment“ eine größere Invasion durchzuführen. Nach Einschätzung von US-Vertretern würde ein Angriff wahrscheinlich mit einem großflächigen Raketenbeschuss eingeleitet

„Ständig ist von einer russischen Invasion die Rede; das macht mir Angst“, sagte Smyrnowa. „Ich habe meine kleine Tasche von 2014 noch nicht ausgepackt. Da sind alle unsere Papiere und mein Schmuck drin. Sollte etwas passieren, schnappe ich mir die Tasche und fliehe – obwohl ich keine Ahnung habe, wohin. Die Grenze zur Krim ist zu, und zurück nach Donezk kann ich auch nicht.“

„Alle haben Angst; keiner weiß so richtig, was er machen soll“, fügte Smyrnowa hinzu. „Wir diskutieren oft, was wir im Falle einer Invasion mitnehmen müssen. Niemand weiß, was kommt. Wir haben das Gefühl, auf einer tickenden Bombe zu sitzen.“ Smyrnowa ist eine von vielen Flüchtlingen aus der Donbass-Region, die sich der jüdischen Gemeinde Mariupol unter Leitung des aus Israel stammenden Rabbi Mendel Cohen angeschlossen haben.

Rabbi Mendel Cohen, Mariupol. Foto: David Weil

Der 40jährige Cohen war jüngst zwei Mal in den israelischen Nachrichten – als er an COVID-19 erkrankte und in akuter Lebensgefahr nach Israel ausgeflogen werden musste, und als ein mit einer Axt bewaffneter Angreifer versuchte, in seine Synagoge einzudringen, vom Wachmann aber überwältigt werden konnte. Cohen und seine Frau Esti leben seit 2005 als Entsandte der religiösen Chabad-Bewegung in Mariupol und haben dort eine Reihe jüdischer Einrichtungen ins Leben gerufen. Die Jahre 2014 und 2015 haben sich auch bei ihm ins Gedächtnis gebrannt – Schießereien auf der Straße und ein Schabbat, an dem 120 Raketen auf die Stadt regneten.

„Wir hören ständig irgendwo Schüsse oder Explosionen aus der Grenzregion“, erklärte er. „Wir haben Gemeindemitglieder, deren Häuser (im Donbass) inzwischen zerstört sind. Die Menschen hier sind besorgt, aber es herrscht keine Panik. Sie wollen ihrem geregelten Tagesablauf nachgehen.“ Er fügte hinzu: „Wir haben ein Team von Ehrenamtlichen, die seit dem Ausbruch der Pandemie immer im Einsatz sind. Auch jetzt haben sie mit Medikamenten, Lebensmitteln und Notausrüstung vorgesorgt.“ „Wir behalten die Entwicklungen im Blick und sind in engem Kontakt mit der Jewish Agency, der Israelischen Botschaft und anderen Chabad-Gemeinden“, so Cohen.

Israel bereitet sich auf Evakuierungen seiner Staatsbürger vor

Israel bereitet sich auf den Fall vor, dass es seine Bürger aus der Ukraine auf dem Landweg über die benachbarten Staaten evakuieren muss. Außenminister Jair Lapid erklärte am vergangenen Samstagabend, Israel müsse mit seinen Äußerungen vorsichtiger sein als andere Staaten, da es sowohl in der Ukraine als auch in Russland eine große jüdische Gemeinschaft hat. „Teil unserer Aufgabe ist, diese Menschen zu schützen, und das erfordert von uns, in solch einem Konflikt außerordentlich vorsichtig zu sein“, betonte er. „Aber Israels Position ist, ähnlich wie die des Westens, klar: Wir müssen alles tun, um einen bewaffneten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu vermeiden.“

Nach Lapids Angaben haben sich bislang 6.050 Israelis über die Website der israelischen Botschaft registriert, um Updates und Warnhinweise zu erhalten. Das israelische Außenministerium sei über die jeweiligen Leiter in Kontakt mit den jüdischen Gemeinden vor Ort.

Hilfe von christlicher Seite

Im weit entfernten zentralukrainischen Winniza trifft Koen Carlier Vorkehrungen, um den ukrainischen Juden im Falle eines Krieges helfen zu können. „Die goldene Regel ist: Keine Panik!“, betonte Carlier, der den ukrainischen Zweig der in den Niederlanden ansässigen Organisation „Christians for Israel“ leitet. Diese unterstützt die Einwanderung von Juden nach Israel. „Das alltägliche Leben geht erstmal weiter wie gewohnt. Der Krieg, der 2014 in der Ostukraine ausgebrochen ist, hat uns damals kalt erwischt. Viele jüdische Flüchtlinge haben in verschiedenen Teilen des Landes Zuflucht gesucht, und wir waren nicht vorbereitet.
Jetzt sind wir vorbereitet, und wir können den Juden, die nach Israel gehen möchten, etwas anbieten, falls ihre Pläne torpediert werden. Wir haben eine Reihe von Unterkünften vorbereitet, in denen wir bis zu 600, vielleicht sogar 1.000 Personen ein paar Tage unterbringen könnten.“

Koen Carlier (r.) bei der Einlagerung von Lebensmitteln. Foto: Svetlana Soroka

Mithilfe von vielen Ehrenamtlichen packt Carliers 10-köpfiges Team jährlich 30.000 Lebensmitteltüten, die im ganzen Land an bedürftige, zumeist ältere Juden verteilt werden. Dieses Jahr plant er für 40.000. Seit Dezember hat das Werk die Zuteilungen verdoppelt – zum einen, um den Empfängern über den harten Winter zu helfen, zum anderen, damit sie für den Fall eines Krieges einen gewissen Vorrat anlegen können.
Der Verkehr in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sei merklich zurückgegangen, so Carlier. Wer kann, mache Urlaub oder verlasse die Stadt mit seinen Angehörigen, um sich für den Fall einer russischen Invasion eine geschütztere Bleibe zu suchen.

Ira Carlier bei der Auslieferung einer warmen Mahlzeit. Foto: Christians for Israel

„Wir leben seit 2014 mit diesem Krieg“, erklärte Carliers Frau Ira. „Aller paar Tage hören wir von Soldaten, die getötet wurden; Schießereien hier und da. Die Menschen gewöhnen sich an vieles; sie lernen, irgendwie mit der Situation klarzukommen. Aber wenn es jetzt zu einem neuen Krieg kommt, dann wird der rücksichtsloser als 2014; es wird mehr Blutvergießen und größere Zerstörungen geben. 2014 waren wir nicht vorbereitet. Man hat uns ja immer gesagt: Russland, Weißrussland und die Ukraine sind Bruderländer, praktisch ein Volk. Wir hatten keine Armee damals. Wir sind überrollt worden, einfach so. Jetzt haben wir stärkere Streitkräfte. Wir haben Verteidigungswaffen bekommen. Wir sind stärker als damals, und es wird mehr Widerstand geben. Es wird nicht nur Bodentruppen geben. Jetzt sind auch großflächige Luftangriffe denkbar. Und die Leute befürchten, dass es jetzt um ein größeres Gebiet gehen wird. Der Schwarzmeerraum und Odessa sind bedroht. Russische Truppen stehen im Norden in Weißrussland bereit. Die einzige Richtung, die für eine Flucht in Frage kommt, ist nach Westen, nach Polen und Rumänien. Ob die Flüchtlinge dort willkommen wären, ist auch fraglich.“

Ein bekannter Vertreter der russischsprachigen Gemeinschaft in Israel, der anonym bleiben wollte, sagte, er gewinne von seinen Gesprächen mit Freunden in der Ukraine den Eindruck, die Dringlichkeit in amerikanischen und westlichen Medien korrespondiere nicht mit den Vorbereitungsmaßnahmen des ukrainischen Militärs. Ukrainischer Patriotismus sei jedoch vielerorts zu spüren. „Ich merke das an der mangelnden Bereitschaft, Russisch zu sprechen. Mir ist es schon mehrfach passiert, dass ich Russisch-Muttersprachler in der Ukraine auf Russisch angesprochen habe, und sie haben ins Ukrainische gewechselt.
Diesmal sind die Ukrainer sehr viel weniger bereit nachzugeben.“

Mit freundlicher Genehmigung der israelischen Tageszeitung „Times of Israel“, in der dieser Artikel zuerst erschien.

So können Sie den Juden in der Ukraine helfen:

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  • Lebensmittelpakete à 10 € – Stichwort „Speisungsprojekt Ukraine“ – werden vor Ort gepackt und an die jüdischen Gemeinden ausgeliefert.
  • Das Unterstützungspaket zur Einwanderung nach Israel für eine Person (Hilfe mit Papieren, Fahrten zum Konsulat und zum Flughafen) kostet 135 €. Stichwort: Alijah.

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