Die Bergpredigt ist die erste große Rede, die Jesus gehalten hat. Gleich zu Beginn stehen die Seligpreisungen. Das Wort „selig“ bedeutet „glücklich“. Die Seligpreisungen beschreiben also Wege zum Glück. Die Suche nach Glück treibt Menschen seit jeher an und um. Es lohnt sich daher, darüber nachzudenken, was Jesus unter Glück versteht und was Menschen wahrhaft glücklich machen kann. In dieser Serie werden wir die einzelnen Seligpreisungen näher beleuchten.
Von Kees de Vreugd, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck
Die Bergpredigt ist im Matthäus-Evangelium Kapitel 5 bis 7 die erste von fünf großen Reden, die Jesus gehalten hat. Darin legt Jesus sozusagen die Verfassung des Königreichs dar. Als Lehrer sitzt er auf dem Berg und unterrichtet seine Jünger, während die Menschen, die aus dem ganzen Land herbeigeströmt waren, am Fuße des Berges blieben. Die Situation ist ähnlich wie in alter Zeit, als Mose auf dem Berg die Tora empfing, während das Volk am Fuße des Berges wartete.
Die Bergpredigt beginnt mit acht „Seligpreisungen“. Eigentlich sind es neun, aber in der letzten werden die Jünger direkt angesprochen („selig seid ihr“), so dass sie aus der Reihe fällt. Das ist auch der Unterschied zu den Seligpreisungen bei Lukas, die alle eine direkte Anrede an die Jünger sind. Lukas erwähnt vier Seligpreisungen (Lukas 6,20–22). Sie stehen am Anfang einer Rede, die Jesus auf einer „Ebene” (V. 17) hielt und die deshalb auch „Feldrede” genannt wird. Drei davon entsprechen den Seligpreisungen bei Matthäus. Eine ist anders: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint …”. Damit kommt man auf insgesamt zehn Seligpreisungen. Eine schöne, biblische Zahl, die zum Beispiel an die Zehn Gebote erinnert oder an die zehn Worte, die Gott bei der Schöpfung sprach.
Was bedeutet „selig“ eigentlich? Für das griechische Wort „makarios“ gibt es verschiedene hebräische Wörter, die als Hintergrund denkbar sind. Am naheliegendsten ist jedoch das Wort „aschrei“, das wir unter anderem aus Psalm 1 kennen. Dort wird der Mensch besungen, der auf dem Weg der Gebote Gottes wandelt und dem es deshalb gut geht: „Wohl dem Menschen, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen … sondern Freude hat am Gesetz des Herrn.” Wer gerne Gottes Gesetz befolgt, darüber nachdenkt und sein Leben damit erfüllt, dem geht es gut. Man fühlt sich wohl dabei. Man könnte fast sagen: Dann spielen die Umstände keine Rolle.
Aschrei hat mit dem hebräischen Wort oscher zu tun, das Glück bedeutet. Auch der Name Ascher (Asser = Glücklicher, Gesegneter) hängt damit zusammen. Eigentlich bedeutet „selig“ also ganz einfach „glücklich“. Die Seligpreisungen zeigen den Weg zum Glück. Zehnmal glücklich also. Das ist bei all der Suche nach Glück, die jeder Mensch kennt, äußerst interessant. Darüber wollen wir in dieser Reihe nachdenken.
„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich“ (Matthäus 5,3)
„Selig, glücklich sind die Armen im Geist.“ Damit beginnt Jesus die Seligpreisungen und gibt sozusagen den Ton der ganzen Reihe an. Wer sind diese Menschen? Der Ausdruck „arm im Geist“ ist in der Bibel und zur Zeit Jesu bekannt. Manche frommen Gruppen in Israel bezeichneten sich als „arm im Geist“. Sie litten nicht unter materiellem, sondern unter geistlichem Mangel.
In der Parallelstelle Lukas 6,20 heißt es nur: „Selig sind die Armen“. Auch sie, die materiell Armen, werden als selig bezeichnet. Die Wendung „arm im Geist” drückt jedoch aus, dass sich Menschen nach Gott sehnen. Sie haben nichts Eigenes vorzuweisen und sind abhängig von Gottes Kommen und Eingreifen. Diese Haltung führt zu einer großartigen Perspektive: „Ihrer ist das Himmelreich.“
In den Schriftrollen vom Toten Meer kann man noch eine weitere Dimension jener Armut finden. Dort werden Formulierungen wie „arm in deiner Erlösung” oder „arm in Gnade” verwendet. Jene Menschen sind zwar an sich arm, befinden sich aber zugleich in Gottes Erlösung und Gnade. Übertragen: Sie mögen zwar arm sein, aber sie haben den Geist Gottes. Menschliche Armut und göttlicher Reichtum können parallel vorliegen. Denn die menschliche Armut ist die Voraussetzung dafür, dass der göttliche Reichtum in Menschen Raum finden kann.
Eine dritte Auslegungsmöglichkeit ist der Blick nach vorne: Die Armut im Geist besteht zwar, aber Gott wird das eines Tages ändern. In diese Richtung weist die Aussage von Jesus, die er (auf Jesaja 61,1–3 zurückgreifend) in Lukas 4,18 macht: „Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen …“ Der Tenor: Das Elend ist da, aber Jesus wird ihm begegnen. Die Armut im Geist ist da, aber Jesus kommt und sättigt. Der Unfriede ist da, aber eines Tages wird Jesus zurückkehren und sein Friedensreich aufrichten.
Den Armen im Geist gibt Jesus eine besondere Verheißung mit: „Ihnen gehört das Himmelreich, das Reich Gottes.“ Für die Armen im Geist ist Gottes Reich bereits gegenwärtig und wahrnehmbar, während die, die sich selbst genügen, am Reich Gottes vorbeigehen. Doch geht der Blick auch nach vorne: Wer das Reich Gottes geschmeckt hat, der sehnt sich nach dem sichtbaren Durchbruch des Reiches am Ende der Tage. Die Armen im Geist sind die, die einst in Gottes ewiges Reich gelangen werden. Diese Perspektive macht sie jetzt schon glücklich.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.