Aus der Vogelperspektive: Die Geschichte des Gazastreifens

Aus der Vogelperspektive: Die Geschichte des Gazastreifens

Historisches Foto
Die Übergabe von Gaza an die Briten im Jahr 1918. Foto: Public Domain

Der Gazastreifen: Seit dem brutalen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist dieses Stück Land am Mittelmeer fast jeden Tag in den Nachrichten. Heute wird es vor allem mit der Hamas und dem aktuellen Krieg in Verbindung gebracht. Doch das Gebiet hat eine turbulente Geschichte, in der viele Herrscher kamen und gingen. Wer das heutige Gaza verstehen will, muss seine Vergangenheit kennen. Deshalb bringen wir die Geschichte des Küstenstreifens hier in Kurzform.

Von Renske Lankman, Übersetzung aus dem Niederländischen und Bearbeitung Marie-Louise Weissenböck

Gaza ist in der Bibel kein unbekanntes Gebiet. Vor allem im Alten Testament lesen wir regelmäßig von Gaza und dem Volk, das dort lebte: den Philistern. Sie ließen sich wahrscheinlich im 12. Jahrhundert vor Christus in Gaza nieder, nachdem die Ägypter die Kontrolle über das Gebiet verloren hatten. Sie errichteten Stadtstaaten, wie die bekannten Städte Aschdod, Aschkelon und Gat, und griffen regelmäßig ihre Nachbarn, die Israeliten, an.

Gaza ist auch durch die Geschichte von Samson bekannt, der die Tore der Stadt Gaza auf seinem Rücken trug, und durch den Philister Goliath. Außerdem verkünden die Propheten des Alten Testaments regelmäßig (Gerichts-) Prophezeiungen über dieses Gebiet. Es ist zudem bemerkenswert, dass dieses Land in Josua 15 dem Stamm Juda versprochen wird.

Die Zeit der Griechen und Römer

In den Jahrhunderten vor Christus wechselt das Gebiet regelmäßig den Besitzer. Im vierten Jahrhundert vor Christus zum Beispiel erobern die Griechen Gaza. Es entwickelt sich daraufhin zu einem wichtigen Zentrum der griechischen Philosophie und Kultur. Doch auch die Griechen müssen schließlich einem neuen Herrscher Platz machen.

Nachdem das Gebiet kurzzeitig in der Hand der jüdischen Hasmonäer ist, lassen sich die Römer im ersten Jahrhundert vor Christus dort nieder und machen Gaza zu einem Teil der Provinz Judäa. Auch unter römischer Herrschaft bleibt Gaza dank seiner Lage an der Handelsroute zwischen Ägypten und der Levante ein wichtiger Knotenpunkt. Die Gegend entwickelt sich zu einem geistigen und wirtschaftlichen Zentrum des Römischen Reiches.

Die Zeit des Islam

Aber auch für die Römer gilt: Aufstehen, Glänzen und Untergehen. Sie müssen den christlichen Byzantinern Platz machen. Unter dem byzantinischen Reich konvertieren immer mehr Einwohner von Gaza zum Christentum. Eine wichtige Wende in der Geschichte des Gazastreifens findet im siebten Jahrhundert statt: Die Muslime erobern das Gebiet der Byzantiner. Ein Ereignis, das den Rest der Geschichte bis zum heutigen Tag nachhaltig beeinflussen wird. Viele konvertieren zum Islam, Arabisch wird zur offiziellen Sprache und viele Kirchen werden in Moscheen umgewandelt.

Von da an wird Gaza jahrhundertelang von islamischen Herrschern regiert, mit einer kurzen Unterbrechung im 12. Jahrhundert während der Kreuzzüge. Die berühmtesten islamischen Herrscher sind die Osmanen, die das Gebiet vom 16. bis zum 20. Jahrhundert kontrollierten.

Die Ära der Briten und Ägypter

Im Jahr 1917 erscheint ein neuer Akteur auf dem Schlachtfeld: Die Briten erobern Gaza im Ersten Weltkrieg. Sie finden einen Landstrich vor, der seine Blütezeit als wichtiges Handelszentrum längst hinter sich gelassen hat. Gaza wird Teil des britischen Mandatsgebiets Palästina. Die Bevölkerung besteht nun hauptsächlich aus arabischen Muslimen. Im Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 wird Gaza einem künftigen arabischen Staat zugewiesen.

Die Jahre 1948 bis 1967

Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948, der durch den Angriff der arabischen Staaten Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon und dem Irak auf Israel ausgelöst wurde, fliehen viele Araber nach Gaza. Nach dem Krieg fällt das Gebiet unter die Kontrolle Ägyptens. Der Gazastreifen wird von Ägypten verwaltet, jedoch nicht annektiert.

Die fliehenden Araber werden als Flüchtlinge registriert. Im Gegensatz zu den Palästinensern des damals von Jordanien besetzten Westjordanlandes erhalten die Bewohner des Gazastreifens keine staatsbürgerlichen Rechte von Ägypten und bleiben somit staatenlos.

1956 wird der Gazastreifen im Sinai-Feldzug (Suezkrise) von Israel vorübergehend militärisch besetzt, fällt jedoch aufgrund internationalen Drucks wieder an Ägypten.

Die Zeit Israels

1967, während des Sechs-Tage-Kriegs, erobert Israel den Gazastreifen von Ägypten. In den folgenden Jahren baut Israel mehrere jüdische Siedlungen in dem Gebiet. Nach dem Abzug der Ägypter nehmen viele Arbeiter aus dem Gazastreifen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, im Baugewerbe und im Dienstleistungssektor innerhalb Israels an, zu denen sie zu dieser Zeit leicht Zugang haben. Die israelischen Truppen bleiben, um das Gebiet zu verwalten und die Siedlungen zu bewachen. Diese werden zu einer Quelle wachsenden palästinensischen Unmuts.

Der erste palästinensische Aufstand (Intifada) bricht 1987 im Gazastreifen aus und ist der Beginn von mehr als fünf Jahren anhaltender Proteste und blutiger Gewalt. In dieser Zeit wird auch die radikal-islamistische Hamas in Gaza gegründet.

Im Rahmen des Osloer Abkommens (Gaza-Jericho-Abkommen) zieht sich Israel 1994 teilweise aus dem Gazastreifen zurück. Die Palästinensische Autonomiebehörde erhält daraufhin eine begrenzte administrative Kontrolle über den Gazastreifen. Im gleichen Zeitraum (1994) beginnt Israel mit dem Bau eines Grenzzauns um das Küstengebiet. Die 52 Kilometer lange Anlage wird unter dem israelischen Regierungschef Jitzchak Rabin errichtet. Sie besteht hauptsächlich aus einem Zaun mit Posten, Sensoren und Pufferzonen. Israel begründet den Bau der Anlage mit der Abwehr der Infiltration von Terroristen und Selbstmordattentätern aus dem Gazastreifen in den westlichen Negev sowie mit der Erschwerung des Schmuggels aus Ägypten. Während der Zweiten Intifada (2000-2004) – einem gewalttätigen palästinensischen Aufstand gegen Israel – wird die Anlage weiter verstärkt.

Im Jahr 2005 beschließt Israel schließlich einseitig den vollständigen Rückzug aus dem Gazastreifen. Alle 21 jüdischen Siedlungen werden geräumt und die rund achttausend Juden werden evakuiert.

Die Zeit der Hamas

Im Jahr 2006 gewinnt die Hamas die palästinensischen Wahlen in Gaza. Ein Bruderkrieg mit der Regierungspartei Fatah bricht aus. Die Hamas gewinnt und vertreibt die Fatah aus dem Gazastreifen. Seitdem regiert die Terror-Organisation die kleine Küstenenklave mit harter Hand. Im Laufe der folgenden Jahre greift sie Israel mit Tausenden Raketen an. Aus Sicherheitsgründen verhängt Israel eine Land-, See- und Luftblockade.

Es kommt regelmäßig zu längeren Kämpfen zwischen der Hamas und Israel: 2008 bis 2009, 2014 und 2021. Am 7. Oktober 2023 starten die Hamas und andere Terrorgruppen vom Gazastreifen aus einen großangelegten und tödlichen Angriff auf Israel. Infolgedessen stürzt die Hamas den Gazastreifen in einen verheerenden Krieg.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 142. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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