Ricarda Louk hat am 7. Oktober 2023 ihre Tochter verloren. Die Familie musste mit ansehen, wie Shani halbnackt und regungslos auf einem Pickup, umgeben von jubelnden Terroristen durch den Gazastreifen gefahren wurde. Wie geht es der Familie heute, zwei Jahre später? Darüber hat Christen an der Seite Israels (CSI) mit Ricarda in Israel gesprochen.
Von Dana Nowak
Wie geht eine Familie damit um, dass ihre Tochter, ihre Schwester brutal von Hamas-Terroristen aus dem Leben gerissen und ermordet wurde? „Verglichen mit anderen Familien geht es uns heute relativ gut. Wir schauen nach vorne, wir beschäftigen uns, machen weiter.“ Ricarda Louk strahlt einen inneren Frieden und zugleich einen tiefen Schmerz aus, während sie erzählt.
Sie und ihr Mann sind seit zwei Jahren ständig unterwegs. Ihnen ist wichtig, dass nicht vergessen wird, was am 7. Oktober 2023 in Israel und in ihrem Leben passiert ist. An diesem „Schwarzen Schabbat“ wurde ihnen ihre Tochter Shani genommen. Ihr „kleines Mädchen, das so voller Leben und Liebe war“. Über diesen tragischen Verlust zu sprechen, sei wie eine Therapie. „Es tut uns gut, auch wenn der Oktober ein schwieriger Monat für uns war“, erzählt Ricarda. „All die Gedenkveranstaltungen und Vorträge, für die wir unterwegs waren, das war emotional sehr anstrengend und ich bin froh, dass dieser Monat nun vorbei und es ein bisschen ruhiger ist.“
24 Jahre lang arbeitete Ricarda in der Hightech-Branche. Nach der Ermordung ihrer Tochter nahm sie eine Auszeit, stellte jedoch schnell fest, dass sie eine Beschäftigung brauchte, um zu überleben. Doch im Oktober 2024 kündigt sie. „Ich mache jetzt verschiedene Kurse; Dinge, die mir guttun. Ich habe eine Weiterbildung in Fototherapie gemacht. Es hilft mir und ich habe festgestellt, dass ich damit auch anderen Betroffenen helfen kann. In meinen Vorträgen habe ich erkannt, dass ich anderen Menschen Kraft und Hoffnung geben kann. Das möchte ich ausbauen.“
Nicht alle schaffen den Schritt zurück ins Leben
In der Zeit nach dem Hamas-Großangriff auf Israel standen Ricarda und ihre Familie in engem Kontakt mit anderen Angehörigen der von der Hamas Entführten. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung unter den Geiselfamilien seien groß gewesen, erzählt Ricarda. „Hieraus sind echte Freundschaften entstanden.“ Dankbar ist sie für die vielen Angebote von Hilfsorganisationen und von Seiten der Regierung. „Es werden viele Therapiemöglichkeiten angeboten, für die Eltern und Geschwister. Da kann sicher jeder etwas finden.“
Und dennoch schaffe nicht jede betroffene Familie den Schritt zurück ins Leben, einige seien an dem Leid zerbrochen. „Wir kennen Familien, die in ein tiefes Loch gefallen sind und da einfach nicht mehr rauskommen. Manche können seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr arbeiten, sich nicht mehr um die verbliebenen Kinder kümmern. Wir versuchen, hier zu helfen. Mein Mann und ich haben uns immer gesagt, Shani kommt nicht zurück, wir müssen weitermachen. Wir haben ja noch andere Kinder, die uns jetzt brauchen. Also haben wir versucht, ein gutes Vorbild zu sein, stark zu sein und das hat auch unseren Kindern und anderen in der Familie geholfen. Natürlich bleibt der Schmerz, aber wir können auch wieder gemeinsam lachen. So hätte Shani es sich gewünscht.“

Die Hoffnung auf etwas Gutes
Über allem Schmerz und den vielen Fragen steht für Familie Louk die eine große Hoffnung: Dass die vielen Menschen am 7. Oktober nicht umsonst gestorben sind. Dass auf diese große Katastrophe noch irgendetwas Gutes folgt. „Mein Mann erwähnt dazu immer das Ende des Zweiten Weltkriegs. Hätte man den Juden, die ins Gas geführt wurden, oder den Überlebenden damals gesagt, dass sie in vier Jahren einen eigenen Staat haben werden, keiner hätte es geglaubt. Wir haben Hoffnung, dass es besser wird; viel schlimmer kann es doch nicht werden.“
Woher sie die Kraft nimmt, weiterzumachen und nicht zu verzweifeln, kann Ricarda nicht genau sagen. „Irgendwie steckt das in unserer Familie, wir sind mit einer positiven Einstellung zum Leben aufgewachsen. Aber man bekommt in schweren Situationen doch auch immer mehr Kraft als man sich vorher hätte vorstellen können. Mir hat es gutgetan, über die Sache zu sprechen. Ich bin kurz nach dem Massaker in den Bundestag nach Berlin gefahren und habe Interviews gegeben. Eigentlich ist das gar nicht meine Art, so viel zu reden. Aber wenn man muss, dann bekommt man auch die Kraft.“
Ricarda ist deutsche Staatsbürgerin. Sie kommt aus einer katholischen Familie und ist in Ravensburg aufgewachsen. Als sie ihren israelischen Mann kennenlernte, konvertierte sie zum Judentum. Als religiös würde sie ihre Familie nicht bezeichnen, doch sie versuchen, den Schabbat zu halten.
Der „Schwarze Schabbat“: „Ich dachte das sind Fakenews“
Dann erzählt Ricarda, wie sie den 7. Oktober 2023 erlebt hat. „Um 6:36 Uhr ging der Raketenalarm los, er hat gar nicht mehr aufgehört. Da haben wir Shani angerufen, die auf dem Nova-Festival im Süden war. Sie war erst eine Woche vorher aus Griechenland zurückgekommen. Sie war den ganzen Sommer auf Festivals in Europa. Ihr Freund kam aus Mexiko, er war auch mit nach Israel gekommen. Wir haben ihn nie kennengelernt. Auch er wurde von der Hamas ermordet.“
Shani sei ans Telefon gegangen und habe der Familie gesagt, dass sie sich auf den Heimweg mache. Inzwischen hatte Ricardas Familie über die Nachrichten erfahren, dass Terroristen aus Gaza nach Israel eingedrungen sind. „Am Anfang habe ich gedacht, das sind Fakenews. Wir haben Shani wieder angerufen, aber sie hat nicht mehr geantwortet. Gegen 10:30 Uhr hat mein Sohn Amit ein Video erhalten. Ein Ex-Freund von Shani hat es ihm geschickt und gefragt, ob auf dem Clip nicht Shani zu sehen sei.“
Das Video zeigt schwer bewaffnete Terroristen auf der Ladefläche eines Pickups. Zu ihren Füßen liegt eine halbnackte Frau mit dem Gesicht nach unten. Die Gliedmaßen unnatürlich verdreht. Ein Terrorist zerrt an ihren Haaren. Andere stellen ihre bestiefelten Füße auf den zarten Körper. Umringt wird das Fahrzeug von palästinensischen Zivilisten. Sie spucken der Frau auf den Kopf, jubeln und rufen immer wieder „Allahu akbar“ (Allah ist am größten).
„Mein Sohn hat angefangen zu schreien und zu weinen: ,Das ist Shani! Das ist Shani!‘ Wir haben sie an ihren Tätowierungen erkannt. Ich war mir sicher, das ist mein kleines Mädchen! Wir wussten nicht, ob sie tot ist oder noch lebt. Das Video war so furchtbar, aber wir haben es uns immer und immer wieder angesehen, um irgendwo ein Lebenszeichen an ihr zu erkennen. Wir standen unter Schock und konnten uns nicht vorstellen, wie sie von dem Festival dort nach Gaza gekommen sein soll.“

In Israel seien alle Behörden überfordert und keiner erreichbar gewesen. So wandten sich die Louks an die Botschaft in Deutschland. Sie hatten die Hoffnung, dass sie dort schneller Hilfe bekämen, da Shani neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft hatte. „Wir haben ihnen das Video geschickt und dann beim Bundeskriminalamt eine Kontaktperson bekommen, an die wir uns jederzeit wenden konnten. Dorthin haben wir immer alle neuen Informationen weitergeleitet. Alle waren nett, haben ihr Mitleid bekundet und uns alle zwei Wochen ein Update gegeben. Aber letztlich ist nichts passiert. Das war schon sehr frustrierend.“
Auch an die Presse schickte die Familie das Video. Schnell verbreitete es sich über die ganze Welt. Es war eines der ersten Zeugnisse des brutalen Massakers, das über die Grenzen Israels hinaus bekannt wurde. „Wir haben gesagt, wir setzen alles auf Deutschland. Wir dachten, dass eine Deutsche eher Chancen hat, aus Gaza freizukommen als ein Israeli.“
Die Eltern sprachen im Bundestag vor, trafen die damalige Außenministerin Annalena Baerbock und hochrangige Mitglieder der verschiedensten deutschen Parteien. Sie gaben der Presse Interviews und kämpften von morgens bis abends um die Freilassung ihrer Tochter. Doch der Erfolg sei ausgeblieben, erzählt Ricarda enttäuscht. Auch zum Ende hin habe Deutschland ihrer Ansicht nach zu wenig für die von der Hamas entführten weiteren acht deutschen Staatsbürger getan. Dankbar ist sie jedoch für die Anteilnahme des deutschen Botschafters in Israel, Steffen Seibert. Dieser melde sich bis heute regelmäßig bei der Familie.
In ihrer Verzweiflung versuchten die Louks auch, Palästinenser im Gazastreifen zu kontaktieren. „Wir erreichten einen älteren Mann und baten ihn, in die Krankenhäuser zu gehen und dort nach Shani zu suchen. Aber da erhielten wir widersprüchliche Angaben und dann brach der Kontakt ab.“
Nach drei Wochen Ungewissheit: Das gefürchtete Klopfen an der Tür
Drei Wochen lang lebte die Familie in Ungewissheit. „Es war eine furchtbare Zeit. Den ganzen Tag ist man unterwegs und abends sitzt man fix und fertig da, versucht, zur Ruhe zu kommen und dann geht das Grübeln los: Was machen sie gerade mit ihr? Gleichzeitig haben wir immer die Bombardierungen im Gazastreifen gehört und hatten Angst, dass die Geiseln davon getroffen werden. An Schlaf war in dieser Zeit nicht zu denken.“
Dann habe es eines Tages an die Tür geklopft – etwas, das alle israelischen Eltern mit Kindern in der Armee fürchten. Es waren Militärvertreter und Sozialarbeiterinnen. „Als wir sie sahen, wussten wir Bescheid. Sie haben uns mitgeteilt, dass ein Stück Schädelknochen gefunden und Shani zugeordnet wurde. Ohne diesen Knochen kann man nicht leben. Der Knochen wurde noch auf israelischem Boden gefunden.
Also ist davon auszugehen, dass Shani direkt tot war und die Terroristen ihre Leiche nach Gaza verschleppt haben. Sie musste wohl nicht leiden. Das war einerseits eine große Erleichterung für uns. Und dennoch hatten wir bis dahin ja die Hoffnung, dass sie doch noch lebt. Nun wussten wir, sie kommt nie mehr zurück.“
Ein würdiges Begräbnis konnten die Louks erst sieben Monate später für ihre Tochter ausrichten. Im Mai 2024 wurde Shanis Leichnam in einem Tunnel im Gazastreifen gefunden. Er war dort verscharrt, neben den Überresten von fünf weiteren Geiseln. „Ich habe immer gesagt, wir wollen nicht, dass Soldaten ihr Leben riskieren, um Shanis Körper heimzubringen. Aber es war dann doch ein gutes Gefühl, als wir sie beerdigen konnten. Wir konnten abschließen.“
Baldiger Friede? Eher nicht
Dass es mit den Palästinensern im Gazastreifen zeitnah Frieden geben wird, kann sich Ricarda nicht vorstellen. „20 Jahre Hamas-Herrschaft und damit verbundener Hass auf Israel haben die Menschen geprägt. Schon die kleinen Kinder wachsen mit so einem Hass gegen uns Juden auf. Für sie sind wir Monster, die nicht lebenswert sind. In Israel leben wir mit vielen Arabern zusammen. Viele Ärzte, Busfahrer oder Apotheker sind Araber. Sie wollen auch einfach nur leben.
Aber für uns alle ist es nach dem 7. Oktober schwieriger geworden. Das war ein riesiger Vertrauensbruch und man weiß nicht, wem man noch trauen kann. Die Hamas hat schon gesagt, dass sie Israel weiter bekämpfen und ihre Waffen nicht abgeben wird. Da kann Israel noch so sehr den Waffenstillstand wollen, wenn die andere Seite das nicht möchte, haben wir ein Problem.“
Sorge über Radikalisierung
Schmerzhaft ist für Ricarda, dass dieses Problem von vielen Ländern und Menschen weltweit nicht verstanden werde. Dass sich vor allem so viele junge Menschen in den Sozialen Medien oder an den Universitäten weltweit einseitig auf die palästinensische Seite stellen, beobachtet Ricarda mit Sorge. „Sie sind so radikal eingestellt. Junge Menschen sehen die schönen Bilder von Shani im Internet. Ein Mädchen, das glücklich ist und tanzt, und dann Terroristen, die dieses Mädchen entführen, sie quälen. Das ist so ein krasser Kontrast von Gut und Böse. Man würde meinen, die Menschen schließen sich dem Guten an, aber doch gibt es so viele Unterstützer und Anhänger genau dieser Terroristen unter den jungen Menschen. Das macht schon irgendwie Angst. Die Menschen müssen wieder zurück zur Humanität finden. Es kann doch nicht sein, dass es keinen Widerstand gegen das sinnlose Vergewaltigen und Morden von Zivilisten gibt.“
Durch ihre Teilnahme an Festivals auf der ganzen Welt habe Shani viele internationale Freunde gehabt, auch viele arabische. „Sie war so weltoffen. Sie hat immer gesagt, es gibt keine bösen Menschen, nur Menschen, denen es schlecht geht. Unser Wunsch ist, dass die Menschen wieder zum Guten zurückfinden.“
Ricarda und ihre Familie möchten nicht verbittert werden. „Wir wollen keinen Hass zulassen, das zerstört einen nur. Wir haben auch keinen Wunsch nach Vergeltung. Die Armee hat uns mitgeteilt, dass die vier Männer auf dem Pickup alle gefunden wurden und tot sind. Aber das hilft uns letztlich auch nicht weiter. Wir wollen nach vorne sehen, das Gute im Blick haben, alles andere ergibt keinen Sinn.“
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.