Das Licht von Chanukka in die Ukraine bringen

Das Licht von Chanukka in die Ukraine bringen

Besuch bei Holocaust-Überlebenden in der Ukraine: Wir möchten das Licht von Chanukka gerade hier besonders hell leuchten lassen. Alle Fotos: CSI

Eigentlich ist die Adventszeit dazu angetan, Plätzchen zu backen und sich auf Weihnachten vorzubereiten. Aber es gibt etwas, das sich noch adventlicher anfühlt: die altgewordenen und inzwischen verwitweten Waisen der Schoah in der Ukraine und Moldawien zu besuchen. In diesen Gesichtern begegnet man dem königlichen Kind in der Krippe, das in diese dunkle Welt kam. Wieder einmal war Anemone Rüger mit einem Team von Christen an der Seite Israels (CSI) unterwegs, um Holocaust-Überlebenden Trost zu bringen.

Von Anemone Rüger

Zehn Tage, zehn Chanukka-Feiern. Schaffen wir das? Es gab Zeiten, da dachten wir noch, der Winter eigne sich nicht für Besuchsreisen in Osteuropa. Irgendwann verstanden wir, dass es keine andere Zeit im Jahr wie diese dunklen Wintermonate gibt, wo die Holocaust-Überlebenden und jüdischen Senioren so hungrig nach Licht und Liebe und Wärme sind.

Meyn Shtetele Belts

„Wir haben dich so vermisst dieses Jahr – wir sind emotional ganz ausgehungert!“, sind die ersten Worte von Boris im nordmoldawischen Belz, der mich gar nicht wieder loslassen will. Belz ist ein Mix von Sowjetunion und Grau und einfachsten Verhältnissen, aber herzlichen Menschen, zu denen sich selten ein Besucher aus dem Ausland verirrt. Wie es der Mama geht, fragt der Nächste. Die dritte nimmt mich beiseite, weil sie mir etwas geben will: Sie hat mir eine Weste gestrickt. Ich bin sprachlos und denke wieder: Wir haben keine Ahnung, was unsere Besuche für die Überlebenden bedeuten.

Diesmal habe ich einen Vers aus Jesaja 46 im Gepäck – die Tageslosung, als ich mich auf den Weg machte: „Hört mir zu, alle, die ihr noch übrig seid vom Hause Israel, die ihr von mir getragen werdet von Mutterleibe an: Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.“

Glitzerndes Kischinau

Ganz Kischinau glitzert amerikanisch-adventlich. Glitzernde Engel schweben über den Straßen, glitzernde Busse rauschen an den Passanten vorbei, die sich vor den hochspritzenden Pfützen in Sicherheit bringen. Wir haben die eingeladen, die jenseits der glitzernden Hauptstadt-Welt leben und eine ganze Lebenszeit bitterer Erinnerungen in sich tragen. Wir sind extra früh da, aber die erwartungsvollen jüdischen Senioren haben es geschafft, uns auszustechen. Wir kommen kaum an der Menschentraube vorbei in den Saal, denn alle wollen uns sofort umarmen.

Auch wenn sie generell besser dran sind als im Norden – unser Treffen ist für die jüdischen Senioren das Event des Jahres. Jeder hat sich in Schale geworfen, was eben aus Sowjetzeiten noch im Schrank hängt; die Damen mit Hut und Perlenkette und Kostüm, die Herren im Jackett.

Ältere Menschen an gedeckter Tafel
Die Holocaust-Überlebenden in Kischinau haben sich extra schick gekleidet, so sehr haben sie dieses Treffen herbeigesehnt.

„Für uns ist es ein unerschwinglicher Luxus, ins Restaurant zu gehen“, sagt Galina mit dem schwarzen Hut. „Dass ihr uns hierher eingeladen habt, ist für uns so ein Festtag – das könnt ihr euch nicht vorstellen!“

Auch bei Bella bleibe ich hängen. „Erinnerst du dich? Ihr wart doch bei mir, als ich mit einer zerbrochenen Brille herumgelaufen bin. Ich bin so glücklich mit meiner neuen Brille! Das gute Stück habe ich zu Hause gelassen, ich hüte sie! Ihr macht uns so eine Freude! Dass wir mal wieder einen Grund haben, die Wohnung zu verlassen! Ich bin ja ganz allein. Dieser festliche Tisch … ich kann es kaum beschreiben, wie dankbar ich bin!“

Es gibt noch andere Deutsche

Als Schaja etwas verspätet hereinkommt, geht er direkt auf mich zu und umarmt mich. „Ich weiß noch, wie wir uns das erste Mal gesehen haben, als ihr mich im Krankenhaus besucht habt und wir im Hof auf der Bank saßen.“ Damals konnte Schaja einfach nicht glauben, dass es noch andere Deutsche gibt als die, die seine Familie umgebracht haben. „Eigentlich wollte ich nicht kommen“, erzählt Schaja. „Mir ging es nicht so gut. Dann habe ich nochmal nachgefragt, was das denn für eine Veranstaltung ist. Als ich deinen Namen gehört habe, habe ich mich sofort angemeldet, keine Frage! Ich habe so eine Hochachtung vor dir und vor dem, was ihr für uns tut!“

Nach dem Essen wird getanzt, ein seltener Moment der Freude und Ausgelassenheit.

Dann gibt es ein kleines Chanukka-Programm aus der jüdischen Gemeinde, es wird gesungen und getanzt. Und dann wieder umarmt, vierzigmal. Die meisten Küsse drückt mir Georgetta auf die Wangen, eine Überlebende des KZ Balta – die Frau im Raum, die am meisten von den Deutschen erlitten hat. „Dass ihr uns nicht vergesst – das bedeutet uns mehr als alles andere!“

Aufbruch nach Odessa

Auch wenn es nicht so einfach ist, das unbeschwerte Kischinau hinter uns zu lassen – als wir die Grenze überqueren, wird mir doch warm ums Herz in Vorfreude auf die lieben jüdischen Senioren, die in der Ukraine auf uns warten. Einfach wird es nicht. Aber voller Wunder.

Die ganze Nacht wird Odessa von Russland angegriffen, am Morgen im Minutentakt. Der südliche Hafenbezirk, der das wirtschaftliche Überleben noch ein wenig verlängert und in dem sich mit dem Kraftwerk das Herzstück der regionalen Energieversorgung befindet, soll lahmgelegt werden. Mit über 300 Flugkörpern, einschließlich ballistischer Raketen, wird Odessa bis zum Morgen attackiert; der umfangreichste Angriff auf die Stadt seit Kriegsbeginn. Mit der Zerstörung der verbliebenen Energie-Infrastruktur soll das Land endgültig in die Knie gezwungen werden. Die Restaurants schlagen sich tapfer. Unser Hotel ermöglicht per Generator stundenweise wenigstens Licht. Am Morgen kommt nur noch ein Rinnsal aus dem Wasserhahn, aus dem Reservetank des Hotels. Die Möwen sind vom Hafen in die Stadt geflohen, wir hören sie zwischen den Sirenen angstvoll über dem Hotel heulen.

Odessa liegt in weiten Teilen in Trümmern, außerhalb der Bunker gibt es keine Sicherheit – auch nicht für betagte jüdische Überlebende.

Alles absagen?

Unsere Kontaktperson Tatjana ruft uns an; wir einigen uns, die Veranstaltung abzusagen – es fahren weder Straßenbahnen noch Trolleybusse. Dann kommt ein Rückruf. Ansage vom Chef, Roman Shvartsman, Leiter des Verbands der Holocaust-Überlebenden: Unser Treffen findet statt! „Das Restaurant kann mit dem Generator kochen, Licht gibt es auch und die Leute rufen mich alle an, sie wollen kommen. Sie haben sich so auf die Feier gefreut!“ Sicherer ist es für die Überlebenden zu Hause auch nicht. Also machen wir uns auf den Weg.

Als wir die Stufen zu dem georgischen Restaurant hinabsteigen, das Roman ausgewählt hat, sitzen alle schon auf ihren Plätzen. Maxim, unser Geiger, hat den Saal bereits in Schwingungen versetzt und im nächsten Moment sind die Drohnen und Raketen vergessen. Einer nach dem anderen steht auf, um uns zu umarmen. Jeder einzelne ein Holocaust-Überlebender im engeren Sinne.

Mit jedem haben wir irgendwann auch in der engen Sowjetwohnung gesessen, um ihre tragischen Geschichten zu hören, wie sie in Kellern und Scheunen und Maisfeldern versteckt wurden oder in Ghettos den langsamen Tod sahen. Die schmerzlichsten Momente miteinander zu teilen, schafft eine so tiefe Herzensverbindung, dass man auch ganz anders miteinander feiert. Und was für eine Feier es wird!

Feiern mitten im Krieg

Roman hat in der Synagoge, die er jeden Schabbat besucht, Erkundigungen eingeholt für ein gutes Restaurant, wo er sein Budget von CSI für ein Treffen mit den Überlebenden gut einsetzen kann. Hier kennt man sich und so begibt es sich, dass Roman beim georgischen „Chinkali“ landet, dessen jüdischer Besitzer ihm nur die Materialkosten berechnet. Entsprechend biegt sich der lange Tisch. Eine Platte nach der anderen wird hereingetragen, einige stehen auf dem Tisch halb übereinander. Ist das übertrieben? Nein, es ist Therapie, merke ich, gerade jetzt. Und es ist Gottes Handschrift.

Die Köstlichkeiten türmen sich auf den Tischen – auch das ein Ausdruck der Liebe und des Trostes.

„Wenn ich an unsere Kindheit denke, wie wir da gehungert haben, und jetzt diesen Tisch sehe – ich bin überwältigt!“, sagt Svetlana für die ganze Runde. Dann spielt Maxim und die Überlebenden tanzen. Sie so glücklich zu sehen, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist ein Stück Himmel. Gott will bei seinem Volk wohnen, wie es heute in der Losung heißt. Es fängt hier auf der Erde schon an, mitten im Krieg. Seine Gegenwart verändert alles, und wir dürfen Landeplatz sein.

Viele Lichtpunkte

In Odessa laden wir auch die jüdischen Nachkriegskinder ein und am nächsten Tag die geflüchteten jüdischen Senioren und Überlebenden aus der fast zerstörten Schwarzmeerstadt Cherson. Wir machen in der kleinen Überlebenden-Gemeinde in Uman halt und sind einige Stunden später mit dabei, als die zweite Chanukka-Kerze in Belaja Zerkow angezündet wird.

Wir besuchen Holocaust-Überlebende zu Hause in Winniza, dann gibt es eine große Feier auch in dieser Stadt für alle, die noch mobil sind. Schließlich arbeiten wir uns bis in die Westukraine vor, um mit den Überlebenden von Lwow und den Flüchtlingen aus der Ostukraine die Chanukka-Lichter anzuzünden.

Danke, dass Sie diese göttlichen Momente ermöglichen! Danke, dass wir auch in der Ukraine den Überlebenden immer wieder die Botschaft überbringen dürfen, dass Tausende Christen in Deutschland für sie beten und sie lieben – mit tätigen Händen und offenen Herzen.

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