Das Vaterunser ist das einzige Gebet, das Jesus Christus seine Jünger selbst gelehrt hat. In zwei Evangelien wird davon berichtet. Es ist das bekannteste Gebet der Christen und verbindet die Christenheit weltweit. Gleichzeitig ist es durch und durch jüdisch und eng mit anderen jüdischen Gebeten verwandt. In dieser Serie beleuchten wir die jüdischen Wurzeln des Vaterunsers näher.
Von Kees de Vreugd, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“
Das Vaterunser, wie wir es kennen, schließt mit einer dreifachen Lobpreisung, so wie es mit drei Gebeten um Offenbarung der Macht Gottes begann. Wenn wir die Version von Lukas 11 damit vergleichen, stellen wir fest, dass bei Lukas dieser Lobpreis fehlt. In einer Reihe von alten und wichtigen griechischen Handschriften kommt er auch bei Matthäus nicht vor. Er erscheint jedoch im Didachè (Lehre der Apostel), einer wichtigen frühchristlichen Schrift aus dem frühen zweiten Jahrhundert nach Christus. Jüdische Gebete werden immer mit einem Lobpreis abgeschlossen. Das war in den ersten Gemeinden von (meist) Juden, die Jesus nachfolgten, nicht anders.
Der Lobpreis konzentriert sich auf Gott. Das Kommen seines Reiches ist bereits erbeten worden. Im abschließenden Lobpreis wird dies noch einmal bekräftigt. „Dein ist das Reich.“ Gott ist König. Er regiert. In den Psalmen wird dies sehr oft erwähnt. Seine herrschende Macht manifestiert sich auf der Erde wie im Himmel. Und wenn wir dies aussprechen, erkennen wir sein Königtum an und unterwerfen uns ihm.
„Und Macht“: Als Jesus in der Nacht, in der er ausgeliefert wird, vor dem Hohenpriester steht, bezeugt er: „Ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen sehen.“ (Matthäus 26,64) Im Sprachgebrauch der damaligen Zeit ist dies auch eine Beschreibung Gottes selbst auf seinem himmlischen Thron.
„Und Herrlichkeit“: Gott ist von Glanz und Majestät umgeben. Seine Herrlichkeit ist seine göttliche Ausstrahlung, die alles durchstrahlt. In der Bibel ist sie die Beschreibung seiner Gegenwart, besonders in der Stiftshütte und später im Tempel, aber auch schon, als Gott sich am Sinai und in der Wüste offenbarte. Diese Herrlichkeit sieht aus wie ein verzehrendes Feuer (2. Mose 24,17). Nachbiblische jüdische Quellen sprechen in diesem Zusammenhang von der Schechina, der Gegenwart Gottes (Schechina bedeutet „das Wohnen“).
Die drei Lobpreisungen beschreiben also Gott in seiner ganzen göttlichen Macht und Majestät, sozusagen auf allen Ebenen – im Himmel und auf Erden. Gott ist König, er herrscht mit Macht und seine Herrlichkeit erfüllt die ganze Erde (Jesaja 6).
Unser Vater im Himmel …
… dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
(Übersetzung nach Martin Luther aus Matthäus 6,9–13)
Bis in alle Ewigkeit
„In Ewigkeit“: Was ist die Ewigkeit? Gott gebührt immer alles Lob. Das ist ein Leitmotiv in der Bibel. Im jüdischen Kaddisch-Gebet (Kaddisch bedeutet Heiligung), das dem Vaterunser sehr ähnlich ist, kommt die Zeile vor: „Möge sein großer Name in alle Ewigkeit gesegnet sein.“ In Psalm 113,2 heißt es: „Der Name des Herrn sei gesegnet von nun an bis in Ewigkeit.“ Eine jüdische Auslegung sagt hier „von nun an“, also in der Gegenwart und „bis in Ewigkeit“: in der Zukunft. Und so sagt Daniel: „Der Name Gottes sei gesegnet von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Paulus schreibt: „Ihm (Gott) sei die Herrlichkeit in alle Ewigkeit.“ (Galater 1,5)
Paulus war und blieb ein Jude. Er verwendet im Griechischen die gleiche Formulierung wie im aramäischen Kaddischgebet: „bis in alle Ewigkeit“. Im Griechischen handeltes sich um das Wort aion, im Hebräischen und Aramäischen um olám. Das griechische aion bedeutet Ära, Zeitraum, aber auch Lebenskraft und Langlebigkeit. In letzterem Sinne ist es die Übersetzung des hebräischen olám. Olám bedeutet in der Bibel eigentlich immer Ewigkeit. In der Regel ist eine lange Zeitspanne gemeint. Im nachbiblischen Hebräisch bedeutet es auch „Welt“.
Nach der rabbinischen Erklärung ist das Wort olám mit dem Verb verstecken verwandt. Olám bedeutet eigentlich „das, was verborgen ist“. Es wird sogar so empfunden, als ob Gott sich in oder hinter dieser Welt verstecken würde. Diese Verborgenheit ist die Essenz von allem. Der deutsche Rabbiner S.R. Hirsch aus dem 19. Jahrhundert schreibt, dass nicht nur die Zukunft und die Vergangenheit, sondern sogar die Gegenwart im Wesentlichen vor uns verborgen sind. Und doch hat der Mensch laut Prediger eine Ahnung davon: „… auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründet, das Gott getan hat, vom Anfang bis zum Ende.“ (Prediger 3,11)
Das Lob, mit dem das Vaterunser abschließt, fasst eigentlich das ganze Gebet zusammen. Es ist die Zusicherung, dass Gottes Königtum, seine Macht und seine herrliche Gegenwart für immer bestehen bleiben, auf Erden wie im Himmel.
Die Teile 1, 2, 3 und 4 dieser Serie erschienen in unserer Zeitung „Israelaktuell“, 3. + 4. Quartal 2024 sowie 1. und 2. Quartal 2025.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 142. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.