Der 27. Januar – Auch ein Gedenktag für liebgewordene Freunde

Der 27. Januar – Auch ein Gedenktag für liebgewordene Freunde

Zwei betagte Frauen beim Tanz
Dina (li.), Mitarbeiterin im jüdischen Sozialwerk Chesed in Lwiw, setzt sich immer mit ganzer Seele für die Holocaust-Überlebenden ein. Alle Fotos: CSI

Der 27. Januar ist für Christen an der Seite Israels (CSI) mehr als ein offizielles Kalenderdatum, an dem der Befreiung des KZ Auschwitz vor nunmehr 81 Jahren gedacht wird. Das Datum steht symbolisch auch für die Geschichten von Hunderten und Tausenden Holocaust-Überlebenden, die unsere Mitarbeiter über die Jahre kennengelernt haben – bei persönlichen Besuchen und beim gemeinsamen Feiern auf CSI-Einladung. Und immer noch gibt es erste Begegnungen.

Von Anemone Rüger

Es ist Freitagmittag im westukrainischen Lwiw, das bis zum Ersten Weltkrieg Lemberg hieß und sich seinen österreichischen Charme bis heute behalten hat. Doch jetzt ist die Stadt verstopft; für so viele Autos ist Lemberg nicht gebaut. Wir stehen mit Blumen und Geschenken am Galizischen Markt und warten. Nach einer halben Stunde haben wir endlich Glück mit einem Taxi.

Im Treffpunkt des jüdischen Sozialwerks „Chesed“ geht es geschäftig zu, denn der Schabbat steht vor der Tür. Für die meisten der erwarteten 30 Gäste ist es der einzige Tag der Woche, an dem sie das Haus verlassen.

Eine große jüdische Gemeinde ausgelöscht

Wadim kommt zur Tür herein, den wir am Vortag mit einem Geschenkpaket besucht hatten. Er hatte sich für den Schabbat abgemeldet, weil es ihm nicht gut ging. „Aber euer Besuch hat mich so beeindruckt, dass ich mich doch aufgerafft habe“, sagt er.

Mann und Frau schauen gemeinsam ein Foto an
Wadim, hier mit CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger, macht sich trotz seiner Gebrechen auf den Weg zum gemeinsamen Schabbat.

Da kommt Svetlana, die mit ihrer Mutter nach Osten in ein russisches Dorf geflohen war, nur um dort von der deutschen Besatzung eingeholt und von den Nachbarn verraten zu werden. Am Exekutionsort tauchte im letzten Moment ein deutscher Offizier auf und gab den Befehl, „Lass sie gehen!“

Jeder dritte Einwohner der Stadt war einst jüdisch gewesen, damals, als Lemberg noch unter österreichischer Krone stand, und auch, als es zwischen den Weltkriegen zu Polen gehörte. Dem Grauen der Schoah ging die Annexion durch die Sowjetunion infolge des Hitler-Stalin-Paktes voraus, die eine Verfolgungswelle und unzählige Tragödien mit sich brachte. Aus dieser Region der heutigen Ukraine konnten sich nur wenige in Sicherheit bringen. Nicht mehr als einige hundert jüdische Überlebende wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gezählt.

Jeder Schabbat ein Fest

„Dieses Fest heute – wie oft feiern wir das?“, fragt Dina in die Runde. Sie ist Gastgeberin und die Seele dieser Schicksalsfamilie. „Jede Woche, 52-mal im Jahr! Es ist der Schabbat, den Gott uns geschenkt hat – der Tag, an dem wir Gott begegnen.“

Die Frauen kommen nach vorn, um die Kerzen anzuzünden. Iosif segnet das Brot und jeder bekommt ein Stück. Dann rezitiert Dina ein Gedicht zu Ehren des Schabbats. Besser gesagt, sie spielt es wie eine Schauspielerin auf einer großen Bühne: Wie Großmutter Adèle die Kerzen anzündet und Großvater Yankel die Gebete spricht und die Mutter in der Küche wartet, dass sie endlich das Essen auftragen kann – gefilte Fisch und Hühnersuppe und Zimmes …

„Ich bereite mich immer intensiv auf diesen Tag vor“, erzählt sie uns hinterher. „Mir ist jeder der Überlebenden so ans Herz gewachsen! Sie hatten keine Kindheit. Ich möchte ihnen so gern einen schönen Lebensabend geben. Und für den Schabbat kommen sie und lassen ihre vielen Gebrechen im Alltag zurück.“

Porträt einer 96-jährigen Frau
Polina singt mit ihren 96 Jahren immer noch für die Überlebenden.

Besonders wird Polina zur Feier des Tages begrüßt – sie hat bereits ihren 96. Geburtstag gefeiert. Polina ist seit vielen Jahren aktives Mitglied des Lemberger Ensembles „Schejne Mejdelach“. Heute möchte sie ein Solo singen: „Kadosch“. Polinas Engelsstimme schwingt sich aus dem Treff der Holocaust-Überlebenden empor zum Allerhöchsten. „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, der war und der ist und der kommen wird.“

Mira – ganz allein auf der Welt, schon immer

Nun bittet Dina eine Frau, die wir noch nicht kennen, sich vorzustellen. Schon mit den ersten Worten macht Mira mich sprachlos: „Ich habe meine Eltern nie kennengelernt. Ich habe viele Jahre nach ihnen gesucht, aber ohne Erfolg.“

Wirklich gar nichts, keine Spur? Dina schüttelt den Kopf, als ich noch einmal nachfrage. Mira hat keine Ahnung, wer sie ist, woher sie kommt. Ihr ganzes Leben lang hatte sie keinen einzigen Verwandten. Wurden ihre Eltern kurz nach dem deutschen Einmarsch ermordet, ähnlich wie bei Natascha, die wir gerade kennengelernt haben? Oder wurden sie vorher schon von den Stalinisten ermordet?

„Ich bin im Waisenhaus aufgewachsen“, fährt Mira fort. „Es war kein guter Ort. Es gab keine Zuwendung, wir sind nur gerade so am Leben geblieben. Wir haben nichts fürs Leben gelernt. Wir wurden einfach irgendwann aus dem Nest gestoßen.“ Aber vorher war noch die „Evakuierung“, mitten im Krieg, als das ganze Kinderheim vor den deutschen Bomben nach Alma-Ata verlegt wurde.

Mira ging durchs Leben, ohne je einen einzigen Verwandten zu kennen.

Mit 16 ging Mira arbeiten, als Kindergärtnerin. Später wurde sie Musiklehrerin.

Wieder leben lernen

Während das Programm weiterläuft, zeigt mir Mira ihre schwarzweißen Fotos von früher. „Hier ganz links, das bin ich mit meinen Freundinnen, im Heim. Hier bin ich beim Musikunterricht im Kinderheim.“ Da unterrichte sie schon selbst. Heute würde man so etwas Musiktherapie nennen. Sie wirkte in beide Richtungen – für eine neue Generation verwaister Kinder, und auch für Mira selbst. Auch als Pianistin trat sie auf.

„Das hat mir geholfen zu überleben – immer unter Menschen zu sein“, fährt Mira fort. „Als ich in Rente ging, brach eine schwere Zeit an. Ich musste lange meine Wohnung untervermieten, um zu überleben. Ich habe in der Küche geschlafen. Dann habe ich noch einmal eine Arbeit angefangen – zwölf Stunden am Tag. Jetzt bin ich 87. Was hat mir Kraft gegeben? Die jüdische Gemeinschaft hier ist mein Zuhause geworden. Hier werde ich auch medizinisch gut versorgt. Ich weiß aus eigener bitterer Erfahrung, was Hunger ist. Jetzt bin ich mit allem versorgt. Ihr hier seid meine Familie.“

Weinen vor Glück

Dann wird serviert und das Ensemble „Simcha“ füllt das Haus mit jiddischen Liedern: „Vu iz dus Gesele“ (Wo ist das Gäss’le meiner Kindheit) und „Ikh hob dikh tsu fil lieb“ (Ich hab dich zu sehr lieb) und „Jiddisch, Jiddisch, Jiddisch“. Einige singen mit, andere stehen auf und tanzen, manche wischen sich die Augen.

Luba kommt auf mich zu. „Schon als ihr reinkamt, ist mir so warm ums Herz geworden. Jetzt weiß ich warum!“, sagt sie. „Ihr bringt so eine Herzlichkeit mit! Seit du mich umarmt hast, tut mir nichts mehr weh!“

Am anderen Ende des Raumes bleibe ich bei Wera hängen. „Ich bin so bewegt von diesem Treffen; mir kommen gleich die Tränen!“, sagt sie. „Wer sind wir denn, dass ihr so etwas Schönes für uns organisiert! Ich möchte weinen vor Glück! Das sind ja die Lieder unserer Kindheit, die ihr uns spielt!“

Luba: „Nach der Begegnung mit euch wollen wir gern noch leben!“

Die Waffelherzen von meiner Mutter habe ich bis zuletzt aufgehoben. Sie reichen gerade so für jeden in dieser Runde, in Lwiw, der Stadt der Waisenkinder, die einen Ort der Liebe und Geborgenheit gefunden haben. Und wir dürfen dazu beitragen, dass diese kostbaren Herzen auf dieser Erde noch ein Stück heiler werden.

Beim Abschied möchte Luba unbedingt ein gemeinsames Foto machen. Dann umarmt sie mich noch einmal. „Es ist so eine schwere Zeit jetzt für uns“, sagt sie. „Aber nach der Begegnung mit euch möchten wir noch leben!“

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