„Der Hass auf Juden hat meine Tochter getötet“ – Wie eine deutsche Mutter die Ermordung ihrer Tochter verkraftet

„Der Hass auf Juden hat meine Tochter getötet“ – Wie eine deutsche Mutter die Ermordung ihrer Tochter verkraftet

Sonja Bohl-Dencker mit Tochter Carolin. Foto: privat

Am 7. Oktober 2023 wurde die deutsche Nichtjüdin Carolin Bohl in Israel von Terroristen ermordet. Während Angehörige in Israel nach dem Hamas-Massaker einen landesweiten Zusammenhalt und schnelle Hilfe erfuhren, musste die Familie in Deutschland diesen Schlag ohne dieses in Israel selbstverständliche Auffangnetz verwinden. CSI hat mit Sonja Bohl-Dencker gesprochen – darüber, wie sie als Mutter nach dem Tod der Tochter weitermacht und über ihren Wunsch, die Erinnerung an Carolin lebendig zu halten. Die Fragen stellte Dana Nowak.

Von Dana Nowak

Dana Nowak: Frau Bohl-Dencker, Sie haben Grausamstes erlebt: Ihre Tochter Carolin wurde am 7. Oktober 2023 in Israel von Terroristen ermordet. Wie geht es Ihnen heute?

Sonja Bohl-Dencker: Ich vermisse Carolin unheimlich. Dass sie nicht mehr da ist, ist kaum auszuhalten. Eigentlich habe ich ein gutes Leben, aber ich kann nichts mehr davon mit Carolin teilen. Manchmal fällt es mir schwer zu sehen, wenn Menschen über Kleinigkeiten im Alltag schimpfen. Ich denke dann oft: Eure Kinder sind da, sie sind gesund und ihr beschwert euch über Pillepalle.

Das Weltbild verändert sich, wenn man sein Kind verliert. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Tochter. Ich kann mein Leben nicht einfach so weiterführen, wie es früher war. Ich muss irgendetwas machen, das mit Carolin zu tun hat, über sie sprechen, die Erinnerung an sie wachhalten.

Ihre Tochter ist damals mit Danny nach Israel gereist, einem guten israelisch-britischen Freund. Es war ihre erste Israelreise. Wie war das für Sie? Welches Bild hatten Sie damals von Israel?

Danny und Carolin waren sehr gute Freunde. Letztlich gibt es keinen besseren Weg ein Land zu bereisen als mit jemandem, der sich auskennt und die Sprache spricht. Als sie erzählte, dass sie nach Israel fliegen wollen, habe ich beim Auswärtigen Amt nach Reisewarnungen geschaut. Das habe ich auch bei ihren anderen Reisen so gemacht, ein bisschen war ich wohl doch eine Gluckenmutter. Zu Israel gab es damals keine Warnungen. Als ich erfuhr, dass sie in Nir Oz sein würden, so nah am Gazastreifen, war ich aber schon etwas beunruhigt. Ich kannte von Israel nichts. Ab und zu habe ich etwas in den Nachrichten gehört und wusste irgendwie, der Gazastreifen ist problematisch. Carolin rief dann an, um mich zu beruhigen. Nir Oz sei wunderschön, der Himmel auf Erden.

Und dann kam der 7. Oktober. Erzählen Sie uns, wie Sie diesen Tag erlebt haben?

Carolin und Danny wollten Nir Oz eigentlich am 6. Oktober abends verlassen und am 7. heimfliegen. Kurzfristig entschieden sie, erst am 7. Oktober nach Tel Aviv zu fahren. Ich war an dem Tag selbst im Urlaub und früh wach, weil ich noch packen musste. Dann erreichte mich eine Nachricht von Carolin: Es sei etwas Ungewöhnliches passiert und sie seien in einem Bunker. Danny hat die ganze Zeit mit seinem Freund Shahar geschrieben, der sich ebenfalls im Kibbutz aufhielt und ihm empfahl, im Bunker zu bleiben. Carolin schrieb mir wieder: Ihren Flug würden sie wohl verpassen, aber sie seien sicher, gleich werde die Armee kommen.

Als ich dann gepackt hatte und im Auto saß, habe ich begonnen, Nachrichten zu hören. Dann kam wieder eine Nachricht von Carolin: „Ich liebe dich über alles. Ich danke Dir für alles, alles, alles.“ Ich habe ihr geschrieben, das sei doch kein Abschiedsbrief, sie werde zurückkommen. Aber ich habe nie wieder von meiner Tochter gehört. Sie und Danny wurden erschossen. Carolin wurde drei Mal getroffen, ins Bein, in den Rücken und in den Nacken. Die Tür zum Bunker war mehrfach durchschossen. In Nir Oz wurden die meisten Menschen entführt. Warum ausgerechnet Carolin und Danny ermordet wurden, das wissen wir nicht.

Wann haben Sie erfahren, dass Carolin tot ist?

Am frühen Abend des 8. Oktober. Shahar hat überlebt und erfahren, dass die beiden identifiziert wurden. Er hat es Dannys Familie gesagt und so haben wir es dann auch erfahren. Eigentlich sollten die Namen der Toten nicht durch Privatpersonen herausgegeben werden. Aber Shahar wollte die Angehörigen nicht im Ungewissen lassen. Die offizielle Todesnachricht kam dann erst mehr als eine Woche später.

Wie haben Sie die Nachricht aufgefasst?

Ich war gerade draußen. Als ich es erfahren habe, bin ich zusammengebrochen. Ich habe nur noch geschrien. Minutenlang. Ich lag da, auf dem Gras und befand mich in einem Schockzustand. Irgendwann bin ich aufgestanden, wie ein Roboter. Es war, als würde ein Schalter umgelegt. Ich wollte mein Kind zurück, wenigstens seinen Körper.

Wir haben dann angefangen, enge Familie und Freunde zu informieren. Es waren schon Gerüchte im Umlauf, dass Carolin zu den Geiseln gehört. Dann sind Freunde gekommen – sie haben nicht gefragt, sie sind einfach gekommen; haben in einer Ferienwohnung gewohnt und waren für uns da. Sie haben eingekauft und Essen gekocht. Darum hätte ich mich selbst gar nicht mehr gekümmert. Ich hing in diesen Tagen nur am Telefon, um irgendwelche Sachen zu klären.

Ich habe eine ganze Weile nichts empfunden, nur funktioniert. Ich hatte zu der Zeit noch drei Hunde. Die haben mir unheimlich geholfen, weiterzumachen. Denn für sie musste ich aufstehen und mich kümmern, egal wie ich mich fühlte.

In Tel Aviv wurde nach dem Überfall das Forum für die Angehörigen der Geiseln eingerichtet. Hatten Sie Kontakt zu Betroffenen in Israel? Haben Sie in Deutschland Hilfe erfahren?

Nach Israel hatte ich nach der Überführung der Leiche zunächst keinen Kontakt mehr. Ich bin auch nicht auf die Idee gekommen, mich dort zu melden. Hier war einfach zu viel zu organisieren. Wir haben von den Behörden den Hinweis zur Opferhilfe bekommen, doch da hatte ich schnell die Hoffnung verloren, dass mir geholfen werden kann. Hilfe muss leicht sein und nicht kompliziert. Der Weiße Ring hat mir dann eine Gesprächstherapie vermittelt. Man könnte auch noch eine Traumatherapie beantragen, aber da muss man so viel selbst organisieren, dazu hatte ich bisher nicht die Kraft.

Irgendwann hat sich eine israelische Organisation bei mir und anderen Angehörigen der ausländischen Opfer gemeldet. Wir hatten mehrere Online-Sitzungen mit Psychologen aus Israel. Da bin ich in den Austausch mit anderen Betroffenen gekommen, das war gut. Einige von ihnen waren nach dem Überfall nach Israel gereist und so habe ich auch angefangen, über eine Reise nachzudenken. Allein war ich gar nicht auf diese Idee gekommen, schließlich war Krieg. Ich habe dann beschlossen, den Jahrestag in Israel zu verbringen; ich dachte mir, dass am 7.10. in Deutschland doch niemand mehr an das Massaker denken würde.

Carolin Bohl wurde am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen in Nir Oz ermordet. Foto: Rico Reinhold

Wie war das für Sie, das erste Mal in Israel, mit dieser Geschichte …?

Ich war nur fünf Tage dort. Ich wollte es erst einmal ausprobieren. Am 7. Oktober gab es eine Gedenkveranstaltung in Nir Oz. Es war eine ganz wichtige Reise für mich. Abends im Hotel habe ich gesehen, dass es eine große Gedenkveranstaltung in Berlin gab – ich traute meinen Augen kaum. Ich habe mich dann in der deutschen Botschaft in Tel Aviv gemeldet und bekundet, dass es schon sehr seltsam sei, dass ich davon nichts wusste und auch nicht eingeladen war. Sie konnten sich das auch nicht recht erklären. Später wurde klar, dass nicht die Bundesregierung die Feier organisiert hatte, sondern die evangelische Kirche mit jüdischen Gemeinden in Berlin.

Sie sind Vorsitzende einer Kirchenkreis-Synode. Finden Sie Trost bei Gott?

Ehrlich gesagt hadere ich ein bisschen mit dem lieben Gott. Ich frage ihn: Warum hast du mir das angetan? Ich habe viele Fragen. Ich feiere auch kein Weihnachten mehr. Da bin ich jetzt ein bisschen bockig. Das hört sich vielleicht für Gläubige komisch an. Aber ich sage: Du wolltest nicht mehr, dass ich den Geburtstag meiner Tochter feiern kann, also feiere ich den Geburtstag deines Sohnes nicht mehr. Weihnachten ist so kommerzialisiert; jeder feiert es, ob er mit der Kirche etwas zu tun hat oder nicht. Es ist ein Familienfest, aber Carolin ist nicht mehr da. Im Dezember war ich wieder in Israel. Über Weihnachten an einem Ort zu sein, wo kein Mensch über Weihnachten nachdenkt, das war für mich ganz schön.

Wie haben Sie die Berichterstattung über den Hamas-Überfall in Deutschland erlebt?

Als es mir etwas besser ging, wurde mir wichtig, mich zu informieren. Anfangs konnte ich Nachrichten über den 7.10. nicht ertragen, doch mit der Zeit hat sich das gewandelt. Ich habe mich mit der Geschichte Israels und mit dem Thema Antisemitismus beschäftigt. Ich gehöre zur Generation Tagesschau und Spiegel, von denen ich glaubte, dass sie zuverlässige Nachrichten liefern.

Leider musste ich feststellen, dass ich diesbezüglich falsch lag. Ich halte die Berichterstattung über Israel in den öffentlich-rechtlichen Medien für unausgewogen. Zwei, drei Wochen nach dem Massaker wurde eigentlich nur noch darüber berichtet, was in Gaza passiert, es gab kaum mehr Berichte darüber, wie es den Israelis oder den Angehörigen der Geiseln geht. Der Spiegel hatte einmal einen Artikel mit der Überschrift „Israel, der Störenfried der Region“, als ob alle anderen friedlich sind und allein Israel das Problem ist. Es war für mich schon ein Zusammenbruch, erkennen zu müssen, dass ich mich nicht auf unsere Berichterstattung verlassen kann.

Über Carolins Ermordung wurde erst sehr spät berichtet – ungewöhnlich, war sie doch deutsche Staatsbürgerin. Wie erklären Sie sich das?

Bei uns im Dorf war das noch ein bisschen anders, da haben die Menschen natürlich davon gehört, man kennt sich. Zur Trauerfeier kamen etwa 400 Leute, die Anteilnahme war groß. Anfangs hatten wir auch Anfragen von der lokalen Presse. Allerdings haben wir diese abgelehnt. Ich war noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Und später wurde die deutsche Betroffenheit in den öffentlich-rechtlichen Medien kaum mehr erwähnt – das sollte offensichtlich ein Problem der Israelis bleiben. Die Namen der ermordeten oder entführten Deutschen waren kaum präsent.

Der 7. Oktober 2023 liegt jetzt fast zweieinhalb Jahre zurück. Sie versuchen, die Erinnerung an Carolin aufrecht zu erhalten. Wollen die Leute noch etwas davon hören?

Die allgemeine Bevölkerung wahrscheinlich nicht mehr unbedingt. Die Presse hat seit meinem Besuch in Israel 2025, von dem es ein YouTube-Video gibt, wieder mehr Interesse gezeigt. Auch jüdische Gemeinden und Organisationen haben sich gemeldet und mich eingeladen. Ich habe auch viel Post bekommen von Israelfreunden. Das tut gut. Ich muss für mich jetzt prüfen, wie es weitergeht. Ich möchte mich gegen Antisemitismus einsetzen und Kreise erreichen, die damit wirklich ein Problem haben. Denn es war der Hass auf Juden, weshalb meine Tochter sterben musste.

Wie wollen Sie das Andenken an ihre Tochter aufrechterhalten?

Es gibt eine kleine Ausstellung mit Bildern von Carolin. Sie war eigentlich nur für unser Dorf gemacht, aber sie ist so schön geworden. Ich würde sie gerne auch an anderen Orten zeigen. Ich wollte sie nach Berlin an eine Hochschule bringen. Dort wurde ich darauf hingewiesen, dass man nicht an Carolin erinnern könne, ohne nicht auch an die Palästinenser zu denken. Nun hätte ich grundsätzlich kein Problem damit, eine gemeinsame Ausstellung mit Opfern in Gaza zu machen. Aber warum kann man Carolin in Deutschland nicht einfach gedenken? Als deutsches Opfer, ohne dass etwas anderes dabei sein muss.

Ich werde es jetzt auch genauso machen. Wir werden noch weitere Fotos hinzufügen, denn es gibt noch eine letzte Filmrolle. Sie stammt von Danny. Er hat so viel fotografiert, es gab wohl etwa 20 Filmrollen. Doch die palästinensischen Zivilisten, die nach den Terroristen zum Plündern kamen, haben die Rucksäcke von Danny und Carolin gestohlen, da waren auch die Filmrollen drin. Aber eine Rolle wurde im verwüsteten Wohnzimmer gefunden und diese Bilder werden jetzt der Ausstellung noch hinzugefügt. Und dann hoffe ich, Räume dafür zu finden, irgendwo in der Mitte der Gesellschaft.

Haben Sie eine Botschaft an unsere Leserinnen und Leser?

Gehen Sie in den Diskurs, treten Sie für Wahrheit ein. Natürlich nicht in einem gefährlichen Rahmen, aber reden Sie mit den Leuten. Schweigen Sie nicht bei Antisemitismus!

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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