Die Seligpreisungen – Anleitung zum Glücklichsein (Teil 2)

Die Seligpreisungen – Anleitung zum Glücklichsein (Teil 2)

Kirche im Sonnenlicht vor See
Auf dem Berg der Seligpreisungen am Nordufer des Sees Genezareth befindet sich die Kirche der Seligpreisungen. Sie wurde 1938 fertiggestellt und von dem italienischen Diktator Benito Mussolini mitfinanziert. Die achteckige Form des Gebäudes symbolisiert die acht Seligpreisungen. Foto: Dana Nowak

Die Bergpredigt ist die erste große Rede, die Jesus gehalten hat. Gleich zu Beginn stehen die Seligpreisungen. Das Wort „selig“ bedeutet „glücklich“. Die Seligpreisungen beschreiben also Wege zum Glück, wie Jesus sie lehrt. In dieser Serie beleuchten wir die einzelnen Seligpreisungen. Dabei versetzen wir uns in die Hörer der Bergpredigt hinein: Juden zur Zeit Jesu. Wie haben sie die Seligpreisungen wohl verstanden?

Von Kees de Vreugd, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck

„Selig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden.“ (Matthäus 5,4)

Die zweite Seligpreisung ist wahrscheinlich ebenso wie die erste eine Anspielung auf Jesaja 61. In Vers 2 dieser Prophezeiung sagt der Prophet Jesaja, dass er gesalbt ist, „alle Trauernden zu trösten”. Jesus hat diese Prophezeiung auf sich selbst bezogen: Er ist es, der die Trauernden tröstet (Lukas 4,18-21).

Wen meint die Prophezeiung mit den Trauernden? Das lesen wir im nächsten Vers. Dort geht es um die Trauernden Zions: „… um den Trauernden von Zion zu verleihen, dass ihnen Kopfschmuck statt Asche gegeben werde, Freudenöl statt Trauer und Feierkleider statt eines betrübten Geistes.“ (Jesaja 61,3)

Warum trauern sie? Im weiteren Verlauf von Jesaja 61 wird vom Wiederaufbau verwüsteter Orte und der Erneuerung zerstörter Städte gesprochen. Es liegt auf der Hand, dass sie um die Zerstörung des Tempels, der Stadt Jerusalem und des Königshauses Davids trauern.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder solche Trauernden. Ein jüdischer Text aus der Zeit um 200 vor Christus (Tobit 13,16) besingt die Hoffnung Israels, nach der sie sich sehnen: „Denn Jerusalem wird erbaut werden, ja, Gottes Haus in alle Ewigkeit! Selig werde ich sein, wenn meine Nachkommen deine Herrlichkeit sehen und dem König des Himmels danken! Deine Tore, Jerusalem, werden von Saphir und von Smaragd erbaut werden und von Edelsteinen all deine Mauern. Die Türme Jerusalems werden mit Gold erbaut werden, Jerusalem wird wieder aufgebaut werden, ja, ihre Zinnen mit reinem Gold!“

„Die Trauernden“ waren auch zur Zeit Jesu da. Der Tempel stand zwar wieder, aber es war doch nicht ganz so, wie Gott es vorgesehen hatte. Außerdem saß kein König aus dem Hause Davids auf dem Thron in Jerusalem. Sie trauerten und beteten um die Wiederherstellung Jerusalems. Simeon war so jemand. Er wartete auf den Trost Israels (Lukas 2,25) und durfte davon singen, dass Jesus kommt, um diese Verheißung zu erfüllen. Im Reich Gottes, das durch Jesus angebrochen ist und das er bei seiner Rückkehr vollenden wird, gibt es Trost. Für alle Trauernden, Juden wie Nichtjuden, für den krebskranken Christen in Deutschland wie den traumatisierten Juden nach dem 7. Oktober. Deshalb dürfen sich die Trauernden schon jetzt glücklich schätzen. Sie werden getröstet werden. Das ist gewiss.

Auch in unserer Zeit wird im Volk Israel der Wiederherstellung Jerusalems gedacht und dafür gebetet. Jeden Tag wird in den jüdischen Tischgebeten gesagt: „Baue Jerusalem, die Stadt des Heiligtums, bald in unseren Tagen auf, führe uns in sie hinauf, erfreue uns in ihr und lass uns dich in Heiligkeit und Reinheit loben.“

„Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.“ (Matthäus 5,5)

Die dritte Seligpreisung bildet eigentlich eine Einheit mit den beiden vorhergehenden. In einigen alten griechischen Manuskripten des Matthäusevangeliums ist dies die zweite Seligpreisung, wodurch die enge Verbindung zur ersten („Selig sind die Armen im Geiste …“) sichtbar wird. Auch in einem Qumran-Text (einem der sogenannten Dankpsalmen) kommen diese beiden Seligpreisungen als Paar vor.

Im Hebräischen sieht das Wort für „sanftmütig” fast genauso aus wie das für „arm”. Es unterscheidet sich nur um einen Buchstaben. Auch die Bedeutungen sind miteinander verwoben. Die Wörter stammen von der Wurzel ענה (annah) ab, was so viel wie „sich herabneigen“ oder „gebeugt sein“ bedeutet.

Diese Seligpreisung ist ein wörtliches Zitat aus Psalm 37: „Aber die Sanftmütigen werden das Land erben und sich großen Friedens erfreuen.“ (Vers 11) Der Kontext des Psalms macht deutlich, dass wir hier an das Land, das heißt das Land Israel, denken müssen. Deshalb ist es besser, auch in Matthäus mit „Land“ und nicht mit „Erdreich“ zu übersetzen.

Jesus sagt, dass die Sanftmütigen das Land, das Gott versprochen hat, als ihr Eigentum erhalten werden. Es ist das Land der Verheißung. Darin haben auch die jüdischen Lehrer jener Zeit die Verheißung der Zukunft Gottes gehört. Der gleiche Ausdruck „das Land erben” kommt in Jesaja 60,21 vor. Darüber lehrten die frühen Rabbiner: „Ganz Israel hat Anteil an der kommenden Welt, denn es heißt: Und dein Volk wird aus lauter Gerechten bestehen und das Land auf ewig besitzen als Schössling meiner Pflanzung, ein Werk meiner Hände, mir zum Ruhm.‘“ Das Land bezieht sich also nach dieser Auslegung auf die Zukunft, die kommende Welt, das Himmelreich („Königreich der Himmel“).

So betrachtet, ist diese Seligpreisung eine Parallele zur ersten und sie erklären sich gegenseitig. Das Himmelreich bricht auf der Erde herein. Das ist das Ziel des Wirkens Jesu: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ (Matthäus 4,17) Jesu Kommen zielt darauf ab, dass Israel (das Land) der Bestimmung entspricht, die Gott ihm gegeben hat: der Ort zu sein, an dem er unter den Menschen wohnt. Jerusalem ist der Mittelpunkt, an dem er sich begegnen lässt.

Teil 1 dieser Serie erschien in „Israelaktuell“ 4. Quartal 2025, Sie können ihn hier nachlesen.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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