Drei kleine Wunder für Adina

Drei kleine Wunder für Adina

Zwei Frauen mit Blumenstrauß
Anemone Rüger mit Adina, die im November 101 Jahre alt wurde. Foto: CSI

Einige der kostbarsten Begegnungen ergeben sich spontan – Begegnungen mit Überlebenden, die wir aus Altersgründen auf keiner Veranstaltung mehr treffen würden. Viele unserer Projektpartner sind Nachkommen von Holocaust-Überlebenden, so auch Yonatan, der mir bei einem Besuch im Jaffa-Institut von seiner 100-jährigen Großmutter in Netanja erzählt.

Von Anemone Rüger

Die sogenannte Schnellstraße nach Norden, die mit vielen Baustellen versehen ist und daher auch am Wochenende den Verkehr nur langsam voranbringt, führt über Netanja. Ich will es wenigstens versuchen, in der verstopften Innenstadt einen Parkplatz, ein Blumengeschäft und Adina zu finden, Yonatans Großmutter. Drei kleine Wunder für einen kostbaren und heilsamen Moment.

Adina ruht sich gerade auf ihrem Tagesbett aus, weil sie sich schwach fühlt. Versorgt wird sie von einer jungen Frau aus Indien, die für sie Hebräisch gelernt hat. Diese immer noch schöne Frau mit einer so besonderen Ausstrahlung hat ein ganzes Jahrhundert Menschheitsgeschichte erlebt! „Das auf dem Foto ist mein Papa und links neben ihm mein Bruder. Und auf dem anderen Foto bin ich mit meiner Mutter“, erklärt Adina. Die Pflegerin hat die Fotos gegenüber von Adinas Bett aufgehängt, so dass sie sie immer sehen kann.

Ich erzähle Adina von meiner Familie, von den vielen Christen in Deutschland, die das jüdische Volk lieben, von meiner Arbeit. „Das ist sehr schön“, sagt Adina immer wieder mit leiser Stimme; jeder Satz kostet sie offensichtlich Kraft. Die Blumen bringen sie zum Strahlen. Als ich ihr die Karte mit dem Spruch aus Jesaja 62 vorlese, spricht sie leise jedes Wort mit: „Du wirst eine schöne Krone sein in der Hand des HERRN …“ Dann flüstert sie mit aller Kraft: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dass du mich besucht hast!“ Erst im Nachhinein erfahre ich ihre ganze Geschichte von ihrem Enkel Yonatan.

Von den Karpaten nach Auschwitz

„Meine Großmutter wurde 1924 in Swaljawa bei Mukatschewo in den Karpaten geboren – damals Tschechien, heute Ukraine“, erzählt Yonatan. „Sie war das mittlere von drei Kindern. Die Familie war wohlhabend, sie hatte ein großes Haus. Der Vater, Jitzchak, war dienstlich viel in Amerika, und Malka, die Mutter, blieb bei den Kindern.“

Als der Krieg ausbrach, kam Jitzchak zurück, um bei seiner Familie zu sein. Er wurde sofort in ein Arbeitslager deportiert und kam dort um. Auch Adinas älterer Bruder verschwand in einem Arbeitslager. „Meine Großmutter war beim deutschen Einmarsch schon 18“, erzählt Yonatan weiter. „Sie wurde mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder nach Auschwitz deportiert. Sie erinnert sich, dass sie vor einem gewissen Mengele Aufstellung nehmen mussten.

Dann wurde ihr Bruder Schmil aussortiert. Er war vielleicht acht oder neun. Malka fing an zu weinen und rannte ihrem Sohn nach. So sind sie beide miteinander ins Gas gegangen. Meine Großmutter war verzweifelt; sie verstand nicht, was da vor sich ging. ‚Siehst du den Rauch da drüben? Dort werden sie hingebracht‘, sagte einer der Gefangenen zu ihr. Sie musste bis zur Befreiung im Krematorium arbeiten. Ihre Aufgabe war es, nach der Vergasung die Leichen zu untersuchen, ob sie irgendwo am Leib Gold trugen.“

Das erzählt mir Yonatan so einfach am Telefon. Ich bekomme kaum Luft. „Meine Großmutter hat nie darüber gesprochen. Aber meine Mutter ist damit aufgewachsen, dass ihre Mutter jede Nacht im Schlaf vor Albträumen geschrien und um ihre Familie geweint hat. Sie brauchte immer starke Tabletten, um einschlafen zu können.“

Neuanfang in Amerika

Nach Kriegsende wurde Adina mit anderen Überlebenden zunächst nach Ungarn gebracht; ein Jahr später bestieg sie ein Schiff in die Vereinigten Staaten. Inzwischen war sie 22 Jahre alt und allein auf der Welt. Ein jüdisches Ehepaar aus Minnesota adoptierte sie, gab ihr ein neues Zuhause und verhalf ihr zu einer Ausbildung als Erzieherin im Kindergarten – ein Beruf, den sie ihr ganzes Leben lang mit viel Leidenschaft ausübte. Schließlich ging sie nach New York, wo sich eine große Gemeinschaft aus Holocaust-Überlebenden gebildet hatte.

Immer noch trieb sie die Frage um, was aus ihrem großen Bruder geworden war. „Eines Tages stand sie in einem Geschäft an der Kasse an“, erzählt Yonatan. „Da tippte ihr jemand auf die Schulter. Es war Hersz, ihr zwei Jahre älterer Bruder. Er hatte lange nach ihr gesucht. Er sorgte dann sein ganzes Leben lang für sie. Er hatte schon einige Kneipen in New York und war zu einem gewissen Wohlstand gelangt. Jeden Schabbat hat er sie besucht. Und aller paar Jahre hat er ihr ein Auto gekauft, obwohl sie selbst schon Familie hatte und versorgt war. Er hat sie bis an sein Lebensende vor 17 Jahren als großer Bruder unterstützt.“

Alijah mit 81

Nach 30 Jahren ging Adina mit ihrer Familie nach Florida, wo sie noch einmal 20 Jahre blieb. Bereits im fortgeschrittenen Ruhestand entschied sie sich – 81-jährig – mit ihrem 90-jährigen Mann Alijah zu machen und den beiden Töchtern nach Israel zu folgen. Hebräisch hatte sie schon in ihrem Heimatort in den Karpaten gelernt. „Grandma Adina hatte immer Gäste zum Schabbat“, erinnert sich Yonatan. „Wenn wir sie in den USA früher besucht haben, kam es oft vor, dass zehn, 15 Gäste mit am Tisch saßen, die sonst niemanden hatten.“

Als Yonatan wenige Minuten nach meinem Besuch von der Pflegerin die Blumenfotos bekommt, bedankt er sich überschwänglich. „What you did for my Grandma is incredible!” Wirklich? Ich bin beschämt von seinen Worten. In Relation zu Adinas Geschichte scheint es weniger als nichts zu sein. Jetzt, nachdem er mir die ganze Geschichte erzählt hat, möchte ich am liebsten nur weinen. Und gleich nochmal hinfahren. Aber gleichzeitig weiß ich: Gott nimmt das Wenige, das wir haben, und macht etwas Göttliches daraus.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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