Nicht nur in Israel und in der Ukraine warten die Überlebenden der Schoah auf eine Geste der Versöhnung aus Deutschland – auch hier vor unserer Haustür gibt es Überlebende aus ganz Europa, die in der Nachkriegszeit besonders in der damaligen amerikanischen Besatzungszone eine neue Bleibe und mit der Zeit ein Zuhause gefunden haben. Wir beginnen unsere Blumenstrauß-Aktion in Frankfurt – bis heute so etwas wie das Herzstück der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.
Von Anemone Rüger
Irgendwann habe ich aufgehört, vor Sprecherterminen – besonders im Zusammenhang mit unserer Geschichte – zu beten, dass ich nicht zu emotional werde. Vielleicht sind unsere deutschen Tränen heute eine Salbe, die Gott benutzt, um die Herzen der betagten Holocaust-Überlebenden zu verbinden.
Gut 50 Überlebende lauschen gespannt, als sich Ende August in ihrem Treffpunkt in Frankfurt am Main ein kleines Team von Besuchern vorstellt, die noch nie dagewesen sind – eine Abordnung von Christen an der Seite Israels (CSI). Der Treffpunkt in Frankfurt ist eine von 27 Einrichtungen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), wo die jüdischen Senioren regelmäßig zusammenkommen, um ihren oft einsamen Lebensabend durch gute Gemeinschaft aufzuhellen – mit Menschen, die ähnlich Schlimmes erlebt haben wie sie, und mit einem Team von Ehrenamtlichen, die sie liebevoll betreuen. Oft werden kulturelle Highlights angeboten: mal ein Konzert, mal eine Lesung. Für unsere Zusammenkunft ist eine Überraschung angekündigt worden und so ist der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt.

„Christen an der Seite Israels“ – mit dieser Vorstellung ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt. Doch dass diese beiden Begriffe zusammen in einem Satz vorkommen, ist immer noch – und leider wieder – für jüdische Ohren sehr ungewohnt. Und so sind wir schon beim zweiten Satz bei einer emotionalen Herz-zu-Herz-Begegnung mit den Schoah-Überlebenden, die wegen uns Deutschen keine Kindheit und zum Teil auch keine Familie hatten.
Schnell haben auch die Überlebenden Tränen in den Augen, so überrascht sind sie, von Menschen zu hören, die ihre Stimme erheben, die sich für sie einsetzen, die auch zu Kriegszeiten nach Israel reisen, damit das jüdische Volk weiß, es ist nicht allein. Wir gehen von Tisch zu Tisch, wechseln ein paar Worte auf Deutsch und Englisch und Russisch, umarmen Überlebende aus Berlin und Dnepropetrowsk und Kischinau, aus Rumänien und Ungarn und der Slowakei.
Und dann kommen die Blumen. Fünfzig herrliche Sträuße in knalligen Farben. Ich hatte gezögert, wie detailliert ich der Floristin am Telefon die Art unserer Veranstaltung erklären kann – aus Sicherheitsgründen. Aber dann war sie so berührt von unserem Vorhaben, dass sie selbst zu einem Teil unseres Teams wurde und versprach, uns extraschöne Blumensträuße zu liefern.

Die Blumengrüße verfehlen ihre Wirkung nicht. Eine Überlebende wird von ihrer Tochter begleitet, die gerade aus Amerika zu Besuch ist. „You are amazing! Ich finde keine Worte, das ist so bewegend hier“, sagte sie uns. Später schreibt sie: „Meine Mutter hat den ganzen Abend ihre Freundinnen angerufen und von euch erzählt! Und ich habe meinen drei Töchtern in Chicago eine lange WhatsApp-Nachricht geschrieben. Sie sind genauso begeistert!“
Auch Esti, die Leiterin des Treffpunkts, ist tief berührt von der Liebesbotschaft von CSI, die sprichwörtlich „durch die Blume“ in die Herzen der Überlebenden fällt. „Ich habe gestern den ganzen Abend mit meinen Kindern und Angehörigen telefoniert“, erzählt sie uns am nächsten Morgen. „Ich habe ihnen gesagt: ‚Gebt nicht auf! Es gibt noch solche Menschen wie die von CSI, die heute bei uns waren!‘“