In Israel gibt es sie zuhauf: Geschichten von Menschen, deren Wege sich trotz unterschiedlichster Herkunft kreuzen und verbinden. Oft entsteht dabei diese spezielle Mischung aus schwerer Vergangenheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So auch bei Shoshana, die einst mithilfe von Christen aus dem Libanon nach Haifa floh, und dem gebürtigen Ungarn Asher, der den Holocaust überlebt hat. Shoshana hat unseren CSI-Mitarbeiterinnen Dana Nowak und Anemone Rüger die Geschichte erzählt, für die Asher bis heute keine Worte findet.
Von Dana Nowak
Gespannt lauschen meine Kollegin Anemone Rüger und ich den Worten von Shadi, dem Aramäer. Wir befinden uns in der historischen Ortschaft Bar’am an der israelisch-libanesischen Grenze. Shadi erzählt uns von Christen im Libanon, die einst dabei geholfen haben, verfolgte Juden ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina zu schmuggeln. Einmal habe er über dieses Thema einen Vortrag in einem israelischen Dorf gehalten. Da sei eine Frau auf ihn zugekommen und habe ihm erzählt, dass auch ihre Mutter auf diese Weise gerettet wurde. Diese Frau würden Anemone und ich gerne kennenlernen. Ob er noch den Kontakt habe? „Ich weiß nicht, ob sie noch lebt, das ist fünf Jahre her“, sagt Shadi während er sein Handy zückt und Shoshana anruft. Sie erinnert sich an ihn und wir dürfen gerne kommen.
Einen Tag später stehen wir vor einem kleinen Häuschen in Rosch Pinna. Umgeben ist es von einem Meer aus Blumen. Auch die Obstbäume blühen gerade und verströmen einen herrlichen Duft. Shoshana wartet vor dem Eingang. Sie begrüßt uns mit viel Herzlichkeit und drückt uns fest – als seien wir alte Bekannte und hätten uns eine Weile nicht gesehen. Besuch aus Deutschland, der sich für ihre Geschichte interessiert – das kann Shoshana kaum glauben.
„Das hat alles mein Mann Asher gepflanzt, er liebt die Natur“, sagt Shoshana und deutet auf die Blütenpracht. „Und das Gartenhäuschen und die Pflanzengerüste hat er auch gebaut, er ist sehr begabt.“ Wenig später lernen wir Asher kennen. Er begrüßt uns mit einem festen Handschlag und einem warmen, aber traurigen Blick. Dann verschwindet er wieder in den Garten.
Schweigen, weil Reden weh tut
„Mein Mann hat den Holocaust überlebt“, sagte Shoshana. „Er spricht mit niemandem über das, was er erlebt hat. Mir hat er es erzählt und ich darf die Geschichte weitergeben, aber er redet nicht davon, es ist zu schwer für ihn. Immer, wenn er etwas über den Holocaust hört, fängt er an zu weinen.“ Wir sind betroffen und fühlen uns erneut geehrt, dass wir hier mit so viel Gastfreundschaft empfangen werden.
Shoshana freut sich über den großen Blumenstrauß, den wir mitgebracht haben und bittet uns auf ihre überdachte Terrasse. Es ist ungewöhnlich heiß für März. Ein Deckenventilator sorgt für etwas Kühlung. Shoshana stellt Kaffee und Zitronenlimonade auf den Tisch. „Aus unseren eigenen Zitronen hergestellt“, sagt sie lächelnd und zeigt auf ein Bäumchen, das noch immer viele reife Früchte trägt. „Asher macht die Limonade selbst und auch die süßen und herzhaften Plätzchen hat er gebacken. Die müsst ihr probieren“, meint Shoshana, und dann erzählt sie die Geschichte ihrer Familie.
„Ich wurde 1943 in Hadera, im heutigen Israel geboren. Meine Großmutter stammt aus Syrien. Sie lebte in Damaskus, dort wuchs auch meine Mutter auf“, erzählt die 82-Jährige. Für Juden sei es gerade zu dieser Zeit in arabischen Ländern nicht leicht gewesen. Hitlers Naziregime arbeitete daran, Muslime als Verbündete zu gewinnen und so gab es in vielen muslimischen Ländern immer wieder Pogrome gegen Juden.
Nach und nach seien Shoshanas Onkel und Tanten aus Syrien ins britische Mandatsgebiet Palästina geflohen. Dort habe es viele Juden gegeben und die Verwandten hätten sich ein besseres Leben erhofft. „Meine Mutter hatte allerdings keinen eigenen Pass. Sie war im Pass meines Vaters eingetragen. Als sie noch klein war, ist sie oft mit ihrem Vater mit dem Zug von Syrien ins heutige Israel gefahren, nach Hamat Gader. Da gibt es heiße Quellen. Mein Großvater hatte Rheuma und das Baden dort tat ihm gut“, erinnert sich Shoshana an die Erzählungen ihrer Mutter. Bei diesen Besuchen hätten andere Juden die beiden immer wieder ermutigt zu bleiben. Der Großvater selbst sei zu diesem Schritt noch nicht bereit gewesen. Aber Shoshanas Mutter habe er gerne zu ihren Schwestern schicken wollen.
Gescheiterte Flucht
„Einmal hat er sie verschleiert, wie eine alte Frau angezogen und in den Zug ins heutige Israel gesetzt. Da war sie noch minderjährig. Sie sollte zu ihren Geschwistern fahren und dableiben. Als sie dem Schaffner ihre Fahrkarte zeigte, hat er gesehen, dass es die Hand einer jungen Frau war und hier etwas nicht stimmte. Sie musste aussteigen und zum Bahnhofsvorsteher. Der kannte ihre Familie und hat sie wieder zurückgeschickt.“
Als die Überfälle auf Juden in Syrien schlimmer wurden, hätten die Großeltern ihre Mutter schließlich in den Libanon gebracht. Erst 14 Jahre alt sei diese da gewesen. Eine christliche Familie habe sich bereiterklärt, sie über die Berge ins heutige Israel zu schmuggeln. „Es war Winter und sehr kalt. Sie haben ihr mehrere Mäntel übereinander angezogen. Einmal kamen in der Nacht Männer und haben gefragt, ob sie Juden seien. Die Christen haben das verneint und meine Mutter als ihre Tochter ausgegeben. ,Wenn ihr Juden wärt, hätten wir euch den Hals aufgeschlitzt‘, sagten die Männer und ließen die Gruppe dann in Ruhe“, erzählt Shoshana weiter.
So sei ihre Mutter schließlich nach Haifa gekommen, mithilfe von Christen. In einem Sommerlager habe sie dann ihren Mann kennengelernt. „Mein Vater wurde in Lublin in Polen geboren. Sie waren zehn Brüder. Großvater war Zionist. Er hat seine Söhne nach Israel geschickt, sobald sie ins wehrpflichtige Alter kamen. Er wollte nicht, dass seine Kinder in Polen zur Armee gehen. So ist mein Vater 1930 mit seinem jüngeren Bruder, einer Schwester und der Mutter ins Land gekommen, Großvater kam später nach. Seine Brüder, die in Polen geblieben sind, wurden alle im Holocaust ermordet.“

Shoshana zeigt uns ein Fotobuch über die Familie. Das mussten die Enkel für die Schule erstellen. „Sie haben ihren Opa dafür nach seiner Geschichte gefragt. Aber er hat sie immer zu mir geschickt. Einmal hat er einen Film gesehen und schrecklich geweint. Ich habe ihn gefragt, ob ihn der Film an etwas erinnert. Er konnte nicht sprechen, hat nur genickt. Sie waren fünf Brüder, er war der jüngste, 1938 geboren. Als er zwei Jahre alt war, sind ungarische Faschisten an einem Freitagabend in die Wohnung seiner Familie eingedrungen. Sie haben den Vater vor den Augen aller erschlagen. Das war 1940, bevor die Deutschen Ungarn besetzten.
Seine Mutter war Christin und später zum Judentum übergetreten. Die Jungen waren alle beschnitten und jüdisch aufgewachsen. Jetzt musste seine Mutter die Kinder allein versorgen.“ Viele Ungarn hätten mit den Deutschen bei der Verfolgung der Juden zusammengearbeitet, erzählt Shoshana. Zwei Brüder ihres Mannes seien im Alter von zwölf und 15 Jahren aus einem Internat nach Ausschwitz deportiert worden. Ein 17-jähriger Bruder sei unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet worden. „Er hat im Gefängnis überlebt. Aber sie haben ihn schwer gefoltert. Er war dann psychisch krank und musste später immer wieder ins Krankenhaus.“
Ashers Mutter habe lange Zeit ihre verschleppten Jungen aus dem Internat gesucht und Asher daher oft allein gelassen. „Er hatte einen Freund, der war etwas älter als er. Er war kein Jude und hat sich ein bisschen um Asher gekümmert. Er hat ihm ab und zu Linsen gebracht. Bis heute kann Asher keine Linsen mehr essen. Irgendwann wurde er geschnappt und kam in ein KZ, da war er sechs Jahre alt.“
Ein unerwartetes Wiedersehen
Nach dem Krieg sei Asher mit einer Jugendbewegung nach Israel gekommen. „Jugendliche Zionisten hatten nach dem Holocaust nach Waisenkindern gesucht, um sie nach Israel zu bringen. Er lebte dann in einem Kibbutz zusammen mit acht anderen Kindern, die überlebt hatten. Eines Tages stand plötzlich sein Bruder Jacky vor dem Kibbutz, mit Fußballschuhen und Schokolade. Es gab nach dem Krieg viele Dienste, die geholfen haben, Verwandte zu finden. Asher war auf der Liste des Schiffes, mit dem er gekommen war. So hat ihn sein älterer Bruder gefunden.
1949 haben sie auch die Mutter ausfindig gemacht. Sie ist dann 1968 als Touristin aus Ungarn nach Israel gekommen. Wir haben auf dem Ben-Gurion-Flughafen auf sie gewartet. Asher war schon 30 Jahre alt und als sie sich in den Armen hielten, konnte er nichts sagen, er hatte seine Muttersprache vergessen. Sie war so eine feine Frau. Sie hat ihm wie einem kleinen Kind die Haare gekämmt, er war ja ein kleiner Junge, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte“, erzählt Shoshana weiter.
Zunächst habe die Mutter noch im Kibbutz gelebt. „Als der Jom Kippur-Krieg ausbrach und sie zum ersten Mal bei Bombenalarm in einen Schutzraum musste, ist bei ihr der ganze Horror des Weltkrieges zurückgekommen. Das war schlimm. Sie hat dann versucht, sich mit Tabletten umzubringen. Asher war im Krieg und ich habe sie gefunden. Sie hat überlebt. Wir haben sie in ein Seniorenheim gebracht. Dort ist sie 85 Jahre alt geworden.“
Auf das Leben!
Asher und Shoshana haben vier Kinder. „Unsere Enkel haben später die Gedenkstätte Auschwitz besucht. Da haben sie die Namen von Ashers Brüdern aus dem Internat gefunden: Blaustein Felix, 1932 und Blaustein Oliver, 1934.“ Irgendwann während des Gesprächs hat sich auch Asher zu uns gesetzt. Als Shoshana zu Ende erzählt hat, müssen wir alle weinen und umarmen uns ganz fest. Dann steht Asher auf und holt eine Flasche Limoncello: Zitronenlikör, den er selbstgemacht hat. „Lasst uns anstoßen. Auf das Leben – Le chaim!“
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 141. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.