Als Christen an der Seite Israels erleben wir, dass in letzter Zeit viele Menschen gegenüber Israel eine zunehmend kritische Haltung einnehmen und Verständnis und Solidarität gegenüber dem jüdischen Staat nachlassen. Selbst unter langjährigen Unterstützern Israels macht sich Skepsis breit. Die militärische Vorgehensweise der israelischen Armee, die Entscheidungen der politischen Führung, die Kritik der internationalen Gemeinschaft sowie die überwiegend negative mediale Darstellung sorgen für Unsicherheit. „Wenn das alles stimmt, was ich über Israel höre und lese, kann man dann noch mit gutem Gewissen zu Israel stehen?“, scheint die Frage der Fragen zu sein.
Ein Kommentar von David Kissling
Wie ist das also: Kann man angesichts der aktuellen Geschehnisse im Nahen Osten noch guten Gewissens zu Israel stehen? Ich denke: Ja, auf jeden Fall, auch wenn man nicht mit allem übereinstimmen muss, was Israel tut. Warum ich dieser Überzeugung bin, möchte ich gerne erläutern.
Wie bei jeder Standortbestimmung ist die Perspektive, also die Blickrichtung von entscheidender Bedeutung. Worauf richten wir unseren Blick in der Bewertung einer Sache, Person oder Situation? Und von wem oder was lassen wir unseren Blick prägen und ausrichten? Als Christen steht uns neben der Perspektive, die uns in den Medien und von Mitmenschen angeboten wird, Gottes Wort, die Bibel zu Verfügung. Dort wird uns beides gezeigt: ein realistisches Bild von Israel sowie eine prophetische Perspektive, bei der wir Gottes Sicht auf die Dinge erfahren. Quasi hinter den Vorhang sehen dürfen. Die entscheidende Frage ist, wovon lassen wir uns eher prägen: von der aktuellen Realität oder von Gottes Perspektive auf die Realität?
Der Moabiterkönig Balak – der Israelhasser
Vor dieser Frage stand auch Bileam. Wir lesen von ihm in den Kapiteln 22 bis 24 im vierten Buch Mose. Er wurde vom Moabiterkönig Balak engagiert, um Israel zu verfluchen. Angetrieben wurden die Moabiter von einer irrationalen Angst vor dem Volk Israel. Israel hatte mit Gottes Hilfe andere Völker besiegt, die sie auf dem Weg in das von Gott verheißene Land angegriffen hatten. Die Sorge war absolut unberechtigt, denn an keiner Stelle hegte Israel die Absicht, den Moabitern etwas anzutun. Aber der Drang, das jüdische Volk zu bekämpfen, entwächst seit jeher einem irrationalen Störgefühl.
Die Situation hat eine verblüffende Ähnlichkeit zur Gegenwart. Wer Israel hasst, fühlt sich nicht selten angegriffen und bedroht. Nicht nur im militärischen, auch im kulturellen, theologischen/religiösen oder politischen Bereich lassen sich diese Gefühle und Reflexe wahrnehmen. Die größten Verleumdungen und die schlimmsten Pogrome bauen häufig auf solchen Gefühlen auf.
Damals wie heute merken die Feinde Israels, dass sie Israel allein militärisch nicht besiegen können. Sie wählen eine umfassendere Strategie. Der Kampf gegen Israel wird auf allen verfügbaren Ebenen geführt. Balak damals führte seinen Vernichtungskampf neben der militärischen auf der geistlichen Ebene. Heutzutage wird er in Gerichtssälen geführt. Im Internet. Auf den Straßen. In den Lehrsälen und auf Kanzeln. Unterschiedlich sind die Methoden. Gleich ist, dass aus allen Rohren geschossen und versucht wird, jene zu manipulieren und auf ihre Seite zu ziehen, die bisher wohlwollend gegenüber Israel standen. Insbesondere die Einflussreichen.
Der Seher Bileam – der Gespaltene
Hier kommt Bileam ins Spiel. Diese zwielichtige Person hat viel Einfluss und andere Möglichkeiten als Balak. Obwohl er kein Israelit ist, kann er mit dem Gott Israels direkt kommunizieren. Er ist ein Wahrsager (Josua 13,22), steht also vermutlich auch mit widergöttlichen Mächten in Kontakt. Er ist ein professioneller Verflucher. Seine Kraft liegt im Wort und sein Wort hat Gewicht. Wen er segnet, der ist gesegnet, wen er verflucht, der ist verflucht (22,6).
Er ist Influencer, Politiker, Wirtschaftsriese und Geistlicher zugleich. Er hat eine hohe geistige Begabung und einen geistlichen Blick auf die Dinge einerseits, aber einen niedrigen moralischen Kompass andererseits. Für Geld und Ehre verflucht er andere und stellt sich in den Dienst von Menschen mit niederen Beweggründen. Balak verspricht ihm beides. Er heuert Bileam an, um geistlichen Druck auf Israel auszuüben, um es so zu schwächen, dass Balak es militärisch besiegen kann (22,6+11).
Der Blick auf einen Teil – den Rand Israels
Um Bileam dazu zu bringen, Israel zu verfluchen, führt ihn Balak an verschiedene Orte. Zweimal zeigt er ihm einen Teil Israels. Wohlgemerkt, nur einen Teil, einen Ausschnitt. Er präsentiert ihm den äußersten Teil, den Rand Israels, nicht ganz Israel (22,41; 23,13). Was mag er Bileam dort gezeigt haben? Zum Beispiel wie die Israeliten auf die Toilette gingen (5. Mose 23,13-15). Vielleicht Aussätzige oder durch Ausfluss oder Kontakt mit Toten Verunreinigte (4. Mose 5,2-3). Möglicherweise wurde er Zeuge einer Steinigung (3. Mose 24,14-23). Oder dem Verbrennen eines Sündopfers (3. Mose 4,21; 9,11). All dies waren Dinge, die am Rand beziehungsweise außerhalb des Lagers geschehen mussten. Man könnte noch ewig weitermachen.
Wer Schlechtes in Israel finden möchte, braucht nicht lange zu suchen. Und auch nicht zwangsläufig zu lügen. Balak zeigt Bileam die Realität. In seinem Antrieb, Israel zu zerstören, lenkt er den Blick des Bileam bewusst auf diesen Ausschnitt. Dahinter steckt eine Strategie. Wer Israel zerstören will, bringt es in Verruf, indem er die Aufmerksamkeit Außenstehender auf die unheiligen Dinge lenkt, diese isoliert aus dem Gesamtbild herausgreift, übertreibt und auf einseitige und hetzerische Art zu Schau stellt. Wer seinen Blick und sein Urteil von solchen Darstellungen leiten lässt, muss fast zu dem Schluss kommen, dass dieses Volk verflucht gehört.
Exkurs: Wie viel Macht hat Bileam?
Das Thema Israel und das Ringen um die richtige Perspektive ist verbunden mit der Frage, wer Gott ist. Wer das letzte Wort hat. Und da der Gott Israels nicht unmittelbar adressierbar ist, arbeitet sich die Machtfrage an dessen „Bodenpersonal“ ab – dem Volk Israel. Das Volk, das den Anspruch „Es wird herrschen Gott“ im Namen trägt. Wer Israel zerstören und verfluchen will, stellt automatisch die Machtfrage.

Es ist auffällig, dass selbst ein so mächtiger und einflussreicher Mann wie Bileam dem lebendigen Gott regelrecht ausgeliefert ist. Es findet kein Ringen zweier ebenbürtiger Kontrahenten um die Segenshoheit statt. Der Gott Israels hat klar die Überhand. Er bestimmt, was geschieht – und was nicht. Bileam kann keinen Finger rühren, ohne Gottes ausdrückliche Erlaubnis (22,13+18+35). Mehrfach versucht Bileam zwar, Israel zu verfluchen. Mehrfach muss er jedoch schmerzlich erfahren, wie begrenzt seine Macht letztlich ist. Gott bedient sich sogar der mächtigen Stimme Bileams, um Israel zu segnen (22,23; 23,5+16+20). Auch gegen dessen Willen. Bileam wird geradezu gezwungen. Er muss sagen und tun, was Gott ihm eingibt (22,20+35+38; 23,12+26+20; 24,12-13). Eine klare Machtdemonstration des Gottes Israels, die zeigt, wer in der sichtbaren und unsichtbaren Welt das Sagen hat.
Der Blick von oben – die prophetische Perspektive Gottes
So zwingt Gott Bileam die Verkündigung einer anderen Sicht auf Israel auf – seine Sicht! Die Perspektive Gottes ist kein Widerspruch zur Realität. Die Ränder Israels gibt es, Unheiliges und Sündiges gibt es in Israel ohne Zweifel. Gottes Perspektive verklärt diesen Umstand nicht. Sie blickt darüber hinaus. Sie zeigt uns Dinge, die wir mit unseren menschlichen Augen nicht sehen. Die nicht in den Nachrichten stehen. Die wir uns nur von Gottes Wort und durch seinen Geist zeigen lassen können. Vorausgesetzt, wir lassen uns darauf ein.
Gott offenbart über Bileam, dass Israel gesegnet IST (22,12)! Es muss sich Gottes Gunst nicht erarbeiten, verdienen oder durch entsprechendes Verhalten rechtfertigen. Gott hat Israel bereits unwiderruflich gesegnet (23,19-20). Aus Gottes Perspektive gibt es „kein Unheil und kein Verderben für Israel“ (23,21a). Es „hilft kein Zaubern und keine Wahrsagerei gegen Israel“ (23,23). Auch keine Propaganda, keine juristischen Winkelzüge, keine Hetze, keine Lügen. Denn „der HERR, sein Gott, ist mit ihm“ (23,21b). Das ist das Entscheidende. Ob Deutschland, Amerika oder die christlichen Gemeinden sich anschließen, spielt für Gott eine untergeordnete Rolle, weil er die Zügel in der Hand hat. Denn „Gott, der sie aus Ägypten geführt hat, ist für sie wie das Horn des Wildstiers“ (23,22). Das heißt, in ihm liegt die Stärke Israels. Nicht in Armee oder Geheimdienst.
Nochmal, all diese Dinge werden wir so nicht sehen, wenn wir nach Israel kommen oder in die Zeitung schauen. Wir werden sie erst entdecken, wenn wir sie uns vom Wort Gottes zeigen lassen. Erwähnenswert ist, dass es die Worte aus 23,24 sind, die der zwölftägigen Operation „Rising Lion“ (wörtlich: „sich erhebender Löwe“) den Namen gaben. In der am 13. Juni gestarteten Offensive griff Israel iranische Atomanlagen, militärische Ziele und Führungspersönlichkeiten an. Im Gegenzug wurde Israel tagelang mit ballistischen Raketen und Drohnen überzogen. Während dieser Zeit erlebte Israel überwältigende militärische Erfolge und gleichzeitig eine außergewöhnliche Bewahrung (CSI berichtete: „Modernes Purim“). Am Tag zuvor hatte Premierminister Benjamin Netanjahu bei einem Gebet an der Klagemauer einen Zettel mit eben jenem Vers in die Mauerritzen gesteckt.
Der Blick auf das Ganze – die Mitte Israels
Während Bileam seine ersten beiden Segenssprüche noch widerwillig spricht, vollzieht sich in Kapitel 24,1f ein erstaunlicher Wandel. Beim dritten Anlauf Israel zu verfluchen, kapiert er, dass Gott es nie zulassen wird, denn aus Gottes Sicht ist Israel gesegnet. Er fängt nun an, sich auch innerlich auf die Perspektive Gottes einzulassen. Das verändert auch seine Sichtweise radikal. Auf einmal blickt er auf und sieht Israel, wie es sich lagert nach seinen Stämmen. Und der Geist Gottes kommt auf ihn (24,2).
Wie aus der Vogelperspektive blickt er nun über Israel als Ganzes. Er sieht die Lagerordnung Israels. Diese bestand aus einer festgelegten Struktur. Je drei der zwölf Stamme Israels lagerten sich in festgelegter Reihenfolge nördlich, südlich, östlich und westlich um die Stiftshütte, welche im Zentrum lag. Auf einmal ist sein Blick nicht mehr auf die Ränder fixiert, sondern auf das Zentrum. Dort liegt die Stiftshütte, das Zelt der Begegnung; der Platz, von dem Gott gesagt hatte, er werde in der Mitte des Volkes wohnen (2. Mose 29,25).
Auf einmal ist Bileam persönlich tief ergriffen. Er erlebt eine Dimension göttlicher Gegenwart, die dieses Volk kennzeichnet. Sein Blick auf Israel ist von da an bestimmt durch das Zentrum Israels. Durch die Herrlichkeitsgegenwart Gottes, die in der Mitte dieses Volkes ist.
Daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert. Im Römerbrief schreibt der Apostel Paulus in der Gegenwartsform, dass den Israeliten die Herrlichkeit gehört (Römer 9,4). Bileam scheint von dieser Perspektive so gepackt zu sein, dass er aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Er entdeckt Israel als blühenden Garten, aus dem ein Wasserstrom entspringt. Ähnlich wie der Garten Eden. Dieser Strom ist ein Bild für den Segen, der aus dem Eimer Gottes über Israel in die Welt hinaus fließt (24,6-7). Das ist die Bestimmung Israels von Anfang an (vergleiche 1. Mose12,2).
Diesem Strom kann man sich anschließen oder ihm fernbleiben. Je nachdem, ob man Anteil daran haben möchte oder nicht. Die Frage ist, inwiefern diese zentralen biblische Wahrheiten unser Denken und Fühlen prägen.
Wir haben die Wahl
In Bileams Schlussfolgerungen sehen wir, dass das Abwerten, Verunglimpfen, Verleumden bis hin zu offenem Hass und Vernichtungsabsichten letztlich nicht Israel vernichtet, sondern demjenigen schadet, der Israel hasst (24,8-9; vergleiche 1. Mose 12,3).
Wiederum etwas, was wir auf den ersten Blick und in den Nachrichten zunächst nicht sehen. Eine Konsequenz, die wir uns zuerst von Gottes Wort zeigen lassen und annehmen müssen. Vor diesem Hintergrund jedoch erscheint das, was in der Geschichte seit biblischer Zeit bis heute aus denen geworden ist, die Israel vernichten wollten, als mahnende Konsequenz. Vom Pharao in Ägypten, über Haman im Buch Esther bis hin zu den Nazis. Keiner hat es geschafft, Israel zu vernichten. Zerstört hat es immer die, die Israel hassen und unsägliches Leid denen gebracht, die sich in ihren Bann ziehen ließen. So wird es auch uns ergehen, wenn wir uns von zeitgenössischen israelfeindlichen Bewegungen, zum Beispiel islamistischen oder linken Ideologien, vereinnahmen lassen.
Wir haben die Wahl. Wir können unseren Blick auf die Ränder Israels richten. Uns von Ausschnitten, an denen wir Schlechtes sehen, leiten lassen. Oder wir können unseren Blick auf die Mitte Israels richten. Einen von der Bibel und dem Geist Gottes geprägten Blick einnehmen. Wer seine Unterstützung, Solidarität oder Meinung über Israel von Israels Verhalten, Verfehlungen oder Charaktereigenschaften abhängig macht, wird permanent zweifeln. Es gibt die Ränder Israels, da gibt es nichts zu beschönigen. Dennoch finde ich, als Christen sollten wir unsere Position in erster Linie auf die oben entfalteten biblischen Wahrheiten aufbauen. Dann werden wir auch weniger in der Versuchung stehen, der einseitig negativen Darstellung der Feinde Israels auf den Leim zu gehen.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 142. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.