Vier Jahre – solange dauerte für die Ukraine nach dem deutschen Überfall 1941 nicht einmal der Zweite Weltkrieg. Hunderttausende Verwundete und Gefallene. Eine erschöpfte Nation und mittendrin die jüdischen Gemeinden, die versuchen, ihre Bedürftigen weiter zu versorgen. Hilfe bekommen sie von Christen, die immer noch an ihrer Seite stehen.
Von Anemone Rüger
Odessa. Jetzt kurz nach Mitternacht ist es ruhig in der Stadt. Die Luftalarme und das Krachen der Luftabwehr haben aufgehört. Das Kraftwerk am südlichen Hafen hat gebrannt, auch die kleineren Kraftwerke sind fast komplett lahmgelegt – es gibt nichts mehr zu zerstören. Bis Dienstag soll es keinen Strom geben, dann sieht man weiter. Kein Strom: Das bedeutet auch schnell kein fließendes Wasser.
Die Klänge des einsamen Akkordeons an der Straßenecke, die der alte Mann mit Pelzmütze seinem Instrument bei frostigen Temperaturen entlockt, vermischen sich mit dem Rattern der Generatoren vor den Restaurants und Geschäften, die versuchen, die Wirtschaft wenigstens ein bisschen am Laufen zu halten. Im Supermarkt stehen eine ganze Reihe Leute am Eingang herum. Erst beim Herausgehen sehe ich, dass alle ihre Handys am Generator aufladen.
Der „Privoz“ – das Leben geht weiter zwischen den Ruinen
In Odessa muss ich immer ein paar Walnüsse kaufen – die mundgerecht geknackten, die in Marmeladengläsern präsentiert zwischen usbekischen Rosinen, Granatäpfeln und Honig stehen. Ich liebe diese osteuropäischen Märkte mit ihrer unaufhörlichen Geschäftigkeit, wo hunderte von Händlern bei Wind und Wetter ihre Ware feilhalten. Den „Privoz“ in Odessa gibt es seit gut 200 Jahren, fast so lange, wie es die Stadt gibt. Am Anfang gab es nur einen großen leeren Platz, wo die Ware direkt vom Pferdewagen feilgeboten wurde. Vor 100 Jahren wurde aufgeräumt und gebaut. Seitdem hat der Markt seine schöne Einfassung, seine Tore und Verkaufshallen um das riesige Freiluftgelände herum. Die Obsthalle war die erste, die gebaut wurde. Im Sommer ging sie nach einem russischen Raketenangriff in Flammen auf.

Von der Front in den Rollstuhl
Wir sind schon fast wieder am Auto, da sehe ich einen Mann an der Ecke im Rollstuhl sitzen. Er ist mittleren Alters und macht nicht den Eindruck, schon immer auf der Straße gelebt zu haben. Dann sehe ich die Füße. Links schaut statt eines Beines ein Metallstock aus dem Hosenbein hervor, rechts eine Holzprothese. Ein offenbar alkoholisierter Bekannter kommt vorbei und bringt ihm etwas. Ich kann nicht vorbeigehen. Ich frage ihn, ob er etwas essen möchte. „Naja, ein Stück Brot wäre nicht schlecht.“ Ernsthaft, mehr nicht?
Auch wenn ich gerade meine letzten Grivny ausgegeben habe – Alina hilft mir aus und wir drehen nochmal eine Runde durch den Markt: Teigtasche mit Hühnchen, Saft, frische Piroschki mit Fleischfüllung, noch heiß. Eins von meinen Jesaja-Kärtchen, ein Segenswort, dass er von Gott geliebt ist. „Danke, mein Schutzengel“, ruft er bewegt aus. Man könnte an jeder Straßenecke ein neues Hilfswerk gründen. HERR, erbarme dich über dieses kaputte Land!
Geflohen aus Cherson
Wir müssen weiter; gleich kommen unsere Gäste aus Cherson. Bis Ende September 2023 war die Stadt russisch besetzt, dann wurde sie befreit. Damit wurde alles viel schlimmer, denn seitdem ist Cherson Frontstadt. Direkt gegenüber am anderen Ufer des Dnjepr stehen die russischen Truppen. Cherson wird täglich angegriffen, seit zwei Jahren.
„Wir sind damals weg und dachten, es ist für ein paar Wochen“, sagt Alexander, Leiter dieser geflüchteten jüdischen Gemeinschaft, als alle am Tisch sitzen. „Wir haben ein paar Grivny abgehoben und ein paar Sachen in Tüten gestopft. Inzwischen sind es zwei Jahre in der Fremde. Auch in meiner Wohnung sind damals alle Fenster zu Bruch gegangen. Jetzt haben wir über unsere Kontakte in Cherson eine kleine Fabrik aufgebaut, die provisorische Fenster aus dicker Plastikfolie herstellt; für die, die dortgeblieben sind. Die Leute. geben ihre Maße durch, bekommen einen Flasche Schaum zum Abdichten und können ihr Fenster gleich mit nach Hause nehmen. Nichts für die Ewigkeit, aber besser, als ein Kopfkissen ins kaputte Fenster zu stopfen bei der Kälte.“
Sehnsucht nach Hoffnung
Trotz Stromausfall und Lahmlegung des öffentlichen Verkehrs – es sind nicht nur alle Gäste gekommen, sondern auch die, die abgesagt hatten, und noch ein paar mehr. Wir schieben die Stühle immer enger zusammen. Nach vier Jahren Angst und Trauer haben die Menschen so unvorstellbar viel Sehnsucht nach Hoffnung und Gemeinschaft.

Irgendwie haben wir wieder neue Kraft, von einem zum anderen zu gehen, den ganzen Tisch entlang, jeden in die Arme zu nehmen, nachzufragen, ein paar gute Worte zuzusprechen. Immer wieder erinnere ich mich an meine Reiseverse aus Jesaja 46: „Ich werde euch tragen, bis ihr grau werdet …“
Eine junge Frau bricht in Tränen aus, als ich bei ihr angelangt bin. „Ich habe meine Mutter nach einem schweren Schlaganfall im Sommer jetzt gerade aus dem Krankenhaus abgeholt. Ich wollte so gern, dass sie mit dabei sein kann! Es ist so schwer für mich, ich arbeite voll als Zahnarzthelferin – für 2 Euro die Stunde. Ich kann mir keine Haushaltshilfe leisten. Aber ich möchte auch meine Mutter nicht so lange allein lassen! Deine Worte haben mich direkt ins Herz getroffen. Ich bin so bewegt! Am liebsten würde ich für euch arbeiten!“
„Wir leben! Und wir haben euch!“
Maxim spielt seine wundervolle Geige, unsere Gäste genießen die leckeren Speisen und es ist einfach schön miteinander. Doch auch Maxim hat inzwischen den Einberufungsbefehl bekommen.
„Ich möchte auch noch etwas sagen“, sagt die Dame mit den roten Haaren. „Mein Mann und ich sind seit zwei Jahren hier. Wir haben unser Cherson am Dnjepr sehr geliebt. Wir hatten ein schönes Häuschen und eine Datscha. Wir haben gern und viel gearbeitet und wir haben viel geangelt. Wir haben uns ein Boot gekauft und hatten immer frischen Fisch. Von alledem ist nichts mehr da. Unser Haus ist zerstört, unsere Datscha, unser Boot. Wir haben alles verloren. Vor ein paar Wochen haben wir unsere Goldene Hochzeit gefeiert. Wir haben viel miteinander durchgemacht. Aber wir leben! Und wir haben euch! Wir haben hier so viel Hilfe erfahren, dafür sind wir so dankbar! Ihr gebt uns die Hoffnung, die uns hilft, weiterzuleben!“

Danke, dass Sie unserem Team vor Ort weiterhin den Rücken stärken! Jeden Monat werden tausende warme Mahlzeiten und Lebensmittelpakete an die Bedürftigen der jüdischen Gemeinden verteilt, Holocaust-Überlebende besucht, Betroffene aus den Kriegsgebieten evakuiert. Danke, dass Sie diesen Dienst mit Ihrem Gebet, Ihrer Ermutigung und Ihrer Spende ermöglichen!